Rumänien - ©  Zoltan Suga /Pixabay
Literatur

Zwischen Freiheitsdrang und Angst vor dem Heimatverlust

1945 1960 1980 2000 2020

Nadine Schneiders Roman "Drei Kilometer"

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Nadine Schneiders Roman "Drei Kilometer"

Ein bemerkenswertes Debüt: Nadine Schneider begibt sich auf Spurensuche in die Zeit kurz vor dem Zusammenbruch der Ceauşescu-Regierung in Rumänien. 30 Jahre sind seit dem Umsturz in Rumänien vergangen, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer ist Ende Dezember 1989 auch die Regierung Ceauşescu Geschichte. In ihrem Romandebüt „Drei Kilometer“ geht Nadine Schneider in diese von Aufständen und Ausschreitungen geprägte Zeit zurück, in der sich Teile Europas politisch plötzlich neu zu konstituieren beginnen.

Schneiders Familie stammt aus dem rumänischen Banat, während sie selbst schon in der deutschen Stadt Nürnberg geboren ist. Den Stoff ihres Romans verdankt sie den „Erinnerungen ihres Vaters“, wie sie in der Danksagung schreibt. Mit großer Behutsamkeit und bemerkenswertem Einfühlungsvermögen hat Schneider die jüngste Geschichte Rumäniens und damit die ihrer Familie aufgearbeitet und mit einem fiktiven Figurensetting verflochten.

Anna, Hans und Mischa, drei junge Leute, leben in Rumänien drei Kilometer von der Grenze entfernt. Oft fahren sie mit dem Rad zum großen Maisfeld, das sich, wie dort jeder weiß, besonders gut als Fluchtweg eignet. Über die Grenze kann man es aber nur wagen, wenn es noch nicht abgeerntet ist. „Es sind nur drei Kilometer! Drei Kilometer bis zur Freiheit. Warum machen wir es nicht heute Nacht?“ Das Nachdenken über die Flucht schwebt als permanentes Gedankenexperiment über den Familien; es verursacht verwandtschaftliche Risse, Misstrauen, Ängste, Geheimnisse, Leere. Nie weiß man, ob man nicht doch plötzlich allein zurückbleibt. Die Alten wollen nicht mehr weg, deshalb gehen manche aus Rücksicht auf ihre Eltern das Risiko der Flucht nicht ein. „Ich fragte mich, warum uns das nicht reichte. Warum es uns nicht reichte, dass wir alle hier waren und an manchen Abenden eine gute Suppe aßen.“ Denn immer wieder sind da auch Sommer mit der „Leichtigkeit in den Dingen“, in denen man sogar in die Temesch steigen und baden kann. Aber dann schieben sich wieder Armut, eintönige Fabriksarbeit oder Misstrauen in den Alltag. Spitzel sind allgegenwärtig. Das Fortgehen wird für die meisten zum hybriden Sehnsuchtsbild im Versuch, die tiefe Verbundenheit mit der Heimat abzuschütteln sowie auch Beziehungen und Liebe.

Mit poetischer Leichtigkeit

Die Unruhen kommen schließlich mit gro­ßer Heftigkeit, gepaart mit der Frage nach dem Mut, selbst für die Freiheit einzustehen. Schneider hat diese Geschichte authentisch und trotz der bitteren Realität mit poetischer Leichtigkeit erzählt. Besonders greifbar wird in dieser außergewöhnlichen Spurensuche die emotionale Ambivalenz zwischen dem Freiheitsdrang und dem Schmerz um den Heimatverlust. „Ich hatte Angst, wir würden nicht nur den Ort wechseln, sondern auch uns selbst. Wir würden anders werden und ein Fremdsein annehmen, das alle unsere bisherigen Gesichter zum Verschwinden brachte.“