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Balsamisch, teuflisch, dreist

Günter Traxler, Staberl und Wolf Martin verewigten ihre Kolumnen mittels Buchform.

Diese Zeitung ist viel zu ernst", sprach der Herausgeber "mit schicksalsschwerer Stimme" und überhaupt ein großes Übel bedeckt die ganze Branche, in der sich alle selber viel zu ernst und wichtig nehmen und sich nur über andere lustig machen können. "Dagegen muss eine Zeitung wie diese etwas tun!" Unnötig zu erwähnen, dass sich bei diesem Schöpfungsakt genau drei, nicht zwei, nicht vier Augenpaare forschend aufeinander richteteten und dem Dritten im Bunde - durch seine Körpergröße ausgezeichnet, immer schon etwas über den Dingen schwebend - die creatio ex nihilo gelang, damit der Blattsalat im Standard erschaffen ward.

Dass der Schöpfung aus dem Nichts ein mittlerweile mehr als zehnjähriges Schöpfen aus dem Vollen folgte, verdankt der Standard-Chef vom Dienst, Günter Traxler, der österreichischen Zeitungslandschaft. 99 balsamische Kolumnen, der Untertitel der jetzt vorgelegten Blattsalat-Sammlung erklärt, warum auch nicht ausgewiesene Vegetariar und Beilagenesser, also jene Zeitungsleser, die nur die harten Fakten und Berichte im Blatt beachten, Glossen und Ironisches aber verschmähen, hin und wieder ein Häuptel Salat nicht ausschlagen sollen.

Traxlers Balsamico macht sogar die kleine österreichische Blattsalatauswahl zum Erlebnis. Und auch wenn er auf Letschertes zurückgreifen muss, ihm oft nur mehr Kraut und Endivien, statt Vogerlsalat und Rucola zur Verfügung stehen, balsamisch verfeinert, kommt auch aus der Mediamil-Einheitsschüssel so mancher Gaumenkitzel. Dass der Küchenchef jetzt genau 99 Kolumnen serviert, dafür kann nur Demut und Frömmigkeit der Grund sein - oder beinhartes Geschäftskalkül: Auf den hundertsten, den besten Blattsalat, sollen wir weiterhin jede Woche zweimal im Standard warten.

Gebundener Staberl

Die Kronen Zeitung gehört bekanntlich zu den bevorzugten Verrissobjekten in Günter Traxlers Blattsalat. Und was wäre, so dachte man noch vor Jahresfrist die Krone ohne Staberl? Mittlerweile beendete Richard Nimmerrichter aber die Schreibarbeiten für Hans Dichand - nach 37 Jahren und weit über 10.000 Kolumnen.

Doch Staberl geht der Nachwelt nicht ganz verloren: Gut 50 seiner Kolumnen sind nun auch in Buchform zu haben. In "Oh du mein Österreich" sind Staberl-Texte vor allem der letzten Jahre gesammelt: Wenn Nimmerrichter in gebundener Form vorliegt, wirkt er ganz und gar nicht mehr als jener Gottseibeiuns, als der er vielen Krone-Kritikern jahrelang erschien.

Eines macht der Sammelband deutlich: Der Horizont Nimmerrichters ist begrenzt. Nestroy, Torberg, Kishon sind Eckpunkte seines Bildungsniveaus; darüber hinaus gibt es wenig. Dennoch kann man nicht umhin, der Sprachkraft Staberls Lob zu zollen, selbst wenn er in Demagogie abgleitet: Die gesammelten Kolumnen zeigen - in gewisser Weise - Stil. Und eine herrlich antiquierte Sprache: Missgünstige Naturen, deren Denkungsart der edlen europäischen Solidarität gebricht, neigen in schnöder Weise ... Welcher Journalist befleißigt sich heute solchen Stils (Staberl tat's noch anno '99)?

Der Schwärmerei ist jedoch Einhalt zu gebieten, denn die Auswahl der Staberl-Kolumnen im Buch ist tendenziös: Die "Hämmer" aus Nimmerrichters Feder sucht man nämlich vergebens. So findet sich im Sammelband mitnichten das Machwerk vom 10. Mai 1992, wo Staberl unter dem Titel Methoden eines Massenmordes die Nazi-Verbrechen an den Juden verharmloste. Dafür nahm Nimmerrichter jene Kolumne ins Buch auf, die einige Tage später erschienen war, und in der er sich empörte, dass ihn Peter Michael Lingens ob seiner Ergüsse als "teuflisch" qualifiziert hatte. Ein Schelm, wer da "Subtile Bosheit!" denkt.

Der Sudel-Reimer

Vielleicht muss man Staberl gegenüber milde gestimmt sein, denn seit dem Auftreten Wolf Martins weiß man: Bei der Krone kann es noch viel tiefer zugehen. Hans Dichands Hausdichter hat jetzt ebenfalls aus seinen - oft genug auch noch schlecht gereimten - Tiraden ein Buch gemacht. Schon mit dem Titel Diabolische Verse gibt Wolf Martin zu verstehen, dass ihm, im Gegensatz zu Staberl, das Prädikat "teuflisch" durchaus willkommen ist.

Schon 1996 brachte Wolf Martin ein paar seiner Reime als Buch heraus. In diesem Buch gab es aber noch die Pikanterie, dass sich Martin ausführlich als Homosexueller outete, gleichzeitig aber ungeniert seine Law-and-Order-Verse ausbreitete. In den Diabolischen Versen findet hingegen kein Outing, sondern nur mehr Law and Order statt.

Doch auch die Ankündigung, im Buch sei einiges Scharfe dabei, das nicht einmal die Kronen Zeitung zu drucken gewagt hatte, ist kein Leseanreiz, denn Wolf Martin ist und bleibt ein Sudel-Reimer, der keinen, aber auch gar keinen Vergleich scheut: Der Hitler, sagt man sich mit Recht, / hätt' wohl als Schicklgruber schlecht / das werden können, was er war, ist in einem der "Gedichte", das einen furche-Autor aufs Korn nimmt, zu lesen. Auch aus Luther, weiß Wolf Martin, wäre nichts geworden, hätte er Sackbauer geheißen. Und weiter: Nun hört man Bischof Krenn befinden, / daß eine Religion zu gründen, / abweichend sehr von röm'schen Lehren, / mit seinem "Kirchenvolksbegehren", / ein Schreiber im Begriffe sei. / Ich aber denke mir dabei: / Draus wird nichts, sei er noch so dreist, / schon weil er Feichtlbauer heißt.

BLATTSALAT. 99 balsamische Kolumnen. Von Günter Traxler. Czernin Verlag, Wien 2001. 240 S., geb., öS 278,-/e 20,20

"OH, DU MEIN ÖSTERREICH". Staberl-Geschichten. Von Richard Nimmerrichter. Universitas Verlag, München 2001. 208 Seiten, geb., öS 198,-/e 14,39

DIABOLISCHE VERSE. Von Wolf Martin. Leopold Stocker Verlag, Graz 2001. 192 Seiten, geb., öS 198,-/e 14,39

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