Glaubensfrage

Hegel, Nietsche und das Judentum

1945 1960 1980 2000 2020

Das jeweilige Verhältnis von Georg Wilhelm Friedrich Hegel sowie Friedrich Nietzsche zum Judentum zeigt, dass es sich lohnt, hinter eingefahrene Denkmuster zu blicken.

1945 1960 1980 2000 2020

Das jeweilige Verhältnis von Georg Wilhelm Friedrich Hegel sowie Friedrich Nietzsche zum Judentum zeigt, dass es sich lohnt, hinter eingefahrene Denkmuster zu blicken.

Ende August jährten sich Geburt und Tod von zwei Welt-Philosophen, deren Haltungen zum Judentum uns zu denken geben sollten. Am 27. August 1770 wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren; am 25. August 1900 starb Friedrich Nietzsche. Das Judentum bildete für das Denken beider einen wichtigen Bezug.

Für Hegel musste das Christentum mit geschichtlicher Notwendigkeit das Judentum überwinden, um zur „vollendeten Religion“ zu werden. Dialektisch steckt darin zwar die Anerkennung für die historische Bedeutung des Judentums, aber auch dessen Ablösung durch das Christentum. Hegel konnte nicht erklären, warum es nach der Vollendung der Religion im Christentum überhaupt noch Juden gibt, aber er trat für ihre rechtliche Gleichstellung als Bürger ein.

Nietzsches Haltung zum Judentum wird oft durch die Brille seiner Verbindung zu Richard Wagner, seiner Rassegedanken und seiner Instrumentalisierung durch Antisemiten betrachtet. Auch er definierte seine Haltung zum Judentum aus dessen Beziehung zum Christentum. Das Judentum zur Zeit Jesu war für ihn eine Grund-
lage für die „Sklavenmoral“, die das Christentum in die Welt brachte. Dagegen bewunderte Nietzsche die Helden der Hebräischen Bibel und die Juden der Diaspora. Ihre vitale Kraft könne helfen, das durch die Degeneration der Moderne geschwächte Europa zu erneuern.

Was folgt aus diesen Ideen für heute, 250 Jahre nach Hegels Geburt und 120 Jahre nach Nietzsches Tod? Liberalismus wie der Hegels schützt nicht vor antijüdischem Denken, und Antiliberalismus wie bei Nietzsche kann für manche Juden sogar eine positive geschichtliche Rolle finden. Es lohnt sich, hinter eingefahrene Denkmuster zu blicken; dort findet man bisweilen, in Nietzsches Aphorismus, „notwendige Widersprüche im Denken, um leben zu können“.

Der Autor forscht zurzeit zu Jewish Studies an der Vanderbilt University, Nashville/USA.