Friedrich Nietzsche: Der Philosoph mit dem Hammer

1945 1960 1980 2000 2020

Friedrich Nietzsche, dessen Todestag sich zum 100. Mal jährt, gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts.

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Friedrich Nietzsche, dessen Todestag sich zum 100. Mal jährt, gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Gott ist tot!" Noch heute kritzeln Witzbolde diesen Satz Friedrich Nietzsches gerne an die Mauern von Kirchen. Mit diesem Wort, das er seinem Zarathustra in den Mund legt, kommt Nietzsche, so scheint es, allerdings mit einiger Verspätung. Im ausgehenden 19. Jahrhundert sind die Naturwissenschaften auf dem Vormarsch, unter den Gebildeten hat die Religion längst ihre Autorität eingebüßt. "Wer hätte es für möglich gehalten, dass ein Denker an der Schwelle zum 20. Jahrhundert wegen der kopernikanisch-brunischen Hypothesen noch einmal eine hysterische Szene liefern würde?", fragt der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Opus magnum "Sphären", jener Sloterdijk, den mit Nietzsche so manches verbindet, unter anderem die Tatsache, dass sie beide vom jeweiligen zeitgenössischen akademischen Philosophiebetrieb so gut wie gar nicht ernst genommen werden. Nietzsche, dessen Todestag sich im August zum 100. Mal jährt, zählt heute zu den einflussreichsten Denkern seiner Zeit, "ohne die das 20. Jahrhundert nicht geworden wäre, was es ist" (Biograf Ivo Frenzel).

Dass Nietzsche mit "Gott ist tot" Türen einrennt, die sperrangelweit offenstanden, hat vor allem biografische Gründe: Der 1844 in Sachsen als Sohn eines Pastors geborene Philosoph wuchs in einer Umgebung protestantischer Frömmigkeit auf. "Das erbitterte Anti-Christentum Nietzsches erscheint als Ausfluss seines leidenschaftlichen inneren Abwehrkampfes gegen das in ihm übermächtige Christentum", meint etwa Hans Joachim Störig, Autor des populären Standardwerkes "Kleine Weltgeschichte der Philosophie". Derselbe Nietzsche, der beklagt, die Kirche ließe "nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht", der bezeichnete auch den vollkommenen Christen als "vornehmste Form Mensch, der ich leibhaft begegnet bin".

Der sich entwickelnde Mensch mache drei Stufen durch, dozierte Nietzsche in seinem wohl berühmtesten Werk, "Also sprach Zarathustra" - Stufen, die auch in Nietzsches eigener Entwicklung auszumachen sind. Zu Beginn stehe die Abhängigkeit von Autoritäten und Meistern. Bei Nietzsche selbst waren dies das protestantisch und weiblich geprägte Elternhaus - sein Vater starb, als er fünf Jahre alt war -, seine nie erloschene Liebe zum klassischen Altertum und Richard Wagner.

Die zweite Stufe der menschlichen Entwicklung bestehe aus dem Sich- Losreißen von Autoritäten, aus dem Erkämpfen der Freiheit. Hier zeigt sich der antimoralistische, antidemokratische, antisozialistische, antifeministische, antiintellektualistische, antipessimistische und letzlich antichristliche Denker. Nietzsche wird zum "Philosoph mit dem Hammer", zum "Zertrümmerer überkommener Werte", der seine Universitätskarriere den Bach hinunter gehen lässt, der mit Wagner bricht, der mit "Gott ist tot!" provoziert.

Also sprach Nietzsche Das dritte Stadium, die Hinwendung zu eigenen Werten und endgültigen Zielen beginnt für Nietzsche im Jahr 1882 mit "Also sprach Zarathustra". Sein Schaffen nahm messianische Züge an, er gerierte sich gleichsam als Verkünder einer neuen Religion: "Tot sind alle Götter: Nun wollen wir, dass der Übermensch lebe", verkündete Nietzsche, der immer mehr in Isolation und übersteigerte Selbstschätzung abdriftete.

1889 erlitt er in Turin einen Nervenzusammenbruch, der Wahnsinn ergriff Besitz von ihm. Fast zwölf Jahre lang verbrachte er in geistiger Umnachtung, von seiner Mutter und seiner Schwester gepflegt, bis ihn am 25. August 1900 der Tod erlöste. Kurz vor dem Zusammenbruch noch hatte er in einem Brief geschrieben: "Unter den Lebenden so wenig als unter den Toten habe ich jemanden, mit dem ich mich verwandt fühle. Dies ist unbeschreiblich schauerlich."

Gott ist tot!" Noch heute kritzeln Witzbolde diesen Satz Friedrich Nietzsches gerne an die Mauern von Kirchen. Mit diesem Wort, das er seinem Zarathustra in den Mund legt, kommt Nietzsche, so scheint es, allerdings mit einiger Verspätung. Im ausgehenden 19. Jahrhundert sind die Naturwissenschaften auf dem Vormarsch, unter den Gebildeten hat die Religion längst ihre Autorität eingebüßt. "Wer hätte es für möglich gehalten, dass ein Denker an der Schwelle zum 20. Jahrhundert wegen der kopernikanisch-brunischen Hypothesen noch einmal eine hysterische Szene liefern würde?", fragt der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Opus magnum "Sphären", jener Sloterdijk, den mit Nietzsche so manches verbindet, unter anderem die Tatsache, dass sie beide vom jeweiligen zeitgenössischen akademischen Philosophiebetrieb so gut wie gar nicht ernst genommen werden. Nietzsche, dessen Todestag sich im August zum 100. Mal jährt, zählt heute zu den einflussreichsten Denkern seiner Zeit, "ohne die das 20. Jahrhundert nicht geworden wäre, was es ist" (Biograf Ivo Frenzel).

Dass Nietzsche mit "Gott ist tot" Türen einrennt, die sperrangelweit offenstanden, hat vor allem biografische Gründe: Der 1844 in Sachsen als Sohn eines Pastors geborene Philosoph wuchs in einer Umgebung protestantischer Frömmigkeit auf. "Das erbitterte Anti-Christentum Nietzsches erscheint als Ausfluss seines leidenschaftlichen inneren Abwehrkampfes gegen das in ihm übermächtige Christentum", meint etwa Hans Joachim Störig, Autor des populären Standardwerkes "Kleine Weltgeschichte der Philosophie". Derselbe Nietzsche, der beklagt, die Kirche ließe "nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht", der bezeichnete auch den vollkommenen Christen als "vornehmste Form Mensch, der ich leibhaft begegnet bin".

Der sich entwickelnde Mensch mache drei Stufen durch, dozierte Nietzsche in seinem wohl berühmtesten Werk, "Also sprach Zarathustra" - Stufen, die auch in Nietzsches eigener Entwicklung auszumachen sind. Zu Beginn stehe die Abhängigkeit von Autoritäten und Meistern. Bei Nietzsche selbst waren dies das protestantisch und weiblich geprägte Elternhaus - sein Vater starb, als er fünf Jahre alt war -, seine nie erloschene Liebe zum klassischen Altertum und Richard Wagner.

Die zweite Stufe der menschlichen Entwicklung bestehe aus dem Sich- Losreißen von Autoritäten, aus dem Erkämpfen der Freiheit. Hier zeigt sich der antimoralistische, antidemokratische, antisozialistische, antifeministische, antiintellektualistische, antipessimistische und letzlich antichristliche Denker. Nietzsche wird zum "Philosoph mit dem Hammer", zum "Zertrümmerer überkommener Werte", der seine Universitätskarriere den Bach hinunter gehen lässt, der mit Wagner bricht, der mit "Gott ist tot!" provoziert.

Also sprach Nietzsche Das dritte Stadium, die Hinwendung zu eigenen Werten und endgültigen Zielen beginnt für Nietzsche im Jahr 1882 mit "Also sprach Zarathustra". Sein Schaffen nahm messianische Züge an, er gerierte sich gleichsam als Verkünder einer neuen Religion: "Tot sind alle Götter: Nun wollen wir, dass der Übermensch lebe", verkündete Nietzsche, der immer mehr in Isolation und übersteigerte Selbstschätzung abdriftete.

1889 erlitt er in Turin einen Nervenzusammenbruch, der Wahnsinn ergriff Besitz von ihm. Fast zwölf Jahre lang verbrachte er in geistiger Umnachtung, von seiner Mutter und seiner Schwester gepflegt, bis ihn am 25. August 1900 der Tod erlöste. Kurz vor dem Zusammenbruch noch hatte er in einem Brief geschrieben: "Unter den Lebenden so wenig als unter den Toten habe ich jemanden, mit dem ich mich verwandt fühle. Dies ist unbeschreiblich schauerlich."

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