Martin Walser: "Gott fehlt. Mir“

Reformierter Theologe preist Literaten: "Martin Walsers ‚Über Rechtfertigung, eine Versuchung‘ gehört zu den aufregendsten theologischen Texten, die ich in letzter Zeit gelesen habe.“

Es sind, um mit Nietzsche zu sprechen, unzeitgemäße Betrachtungen, die Martin Walser in seinem jüngsten Buch zur religiösen Lage der Gegenwart anstellt. Der kurze Text klingt wie ein Fanfarenstoß, ganz wie die ersten Takte von Richard Strauß’ sinfonischer Nachdichtung von Nietzsches "Also sprach Zarathustra“, aus dem Walser reichlich zitiert. Hier schreibt ein jung gebliebener Alter mit einer Verve, die man bei den theologischen Buchhaltern der heutigen Professorengeneration vermisst, vergleichbar mit der Leidenschaft eines Stéphane Hessel, dessen Kampfschrift "Empört Euch!“ einen Widerhall auslöste, den man auch Walsers Essay wünschen möchte.

Sein Büchlein "Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ gehört zu den aufregendsten theologischen Texten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Mit ihm können sich jene theologischen Dünnbrettbohrer nicht messen, die uns neue blühende Religionslandschaften versprechen und im Feuilleton die "Verbuntung“ der Religion feiern, als erlebten wir gerade die technische Revolution vom Schwarz-Weiß- zum Farb-Fernsehen. Wohlgemerkt wende ich mich keineswegs gegen jene, die auf religiöser Sinnsuche sind, sondern gegen jene Mainstream-Theologen, die ihnen - frei nach Lukas 11, 11-12 - Steine statt Brot, eine Schlange anstelle eines Fisches und einen Skorpion statt eines Eies geben.

Nichttheologe erinnert an Karl Barth

Walsers Essay ist ein rasantes Buch, inspiriert von jener Verwegenheit, ohne die nach Überzeugung des jungen Karl Barth eine Theologie nicht mehr zu begründen ist. Gegen den theologischen Common sense erinnert hier ausgerechnet ein Nichttheologe an Barth und die Dialektische Theologie, an jenen theologischen Aufbruch nach dem Ersten Weltkrieg, der die neuprotestantische Synthese von Christentum und moderner Kultur radikal infrage stellte. Hier wagt es ein Intellektueller, nicht etwa nur über Barths Theologie neu nachzudenken, sondern mit ihm - und Nietzsche - zu denken.

An die Stelle eines wohltemperierten Religionsbegriffs rückte Barth die leidenschaftliche Rede von Gott und seiner Offenbarung, welche der Welt und dem Menschen zur Krisis wird. Auch damals, 1919, als Barth seinen epochemachenden Kommentar zum Römerbrief veröffentlichte, den Walser ausgiebig zu Wort kommen lässt, herrschte eine bunte religiöse Gemengelage, von der Theosophie über die Anthroposophie bis hin diversen Formen des Okkultismus. Barth und seine Mitstreiter aber ließen sich nicht durch die Oberfläche der zeitgenössischen Religionskultur täuschen, sondern stellten sich jener Erschütterung, die von der Rede vom Tode Gottes ausging, die bei Jean Paul und Hegel ihren Anfang nahm und bei Friedrich Nietzsche ihren Höhepunkt finden sollte. Sie loteten die unmögliche Möglichkeit aus, von jenem Gott zu reden, ohne den alle Theologie ihre Daseinsberechtigung verliert, und dessen Fehl zur Signatur der Moderne geworden ist.

Wider spirituellen Zeitgeist und Atheismus

Walsers Streitschrift zeigt, dass eine zeitgeistige Spiritualität und jener neuerdings um sich greifende Atheismus im Grunde aus einem Holze geschnitzt sind. Letzterem schreibt er ins Stammbuch: "Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung.“ Weiter: "In der Welt der Atheisten hat die Leere keinen Platz. Leere gibt es nur dort, wo Gott fehlt. Und wo er dann durch keinen -ismus ersetzt wird. Eine Welt ohne Leere ist eine zu arme Welt.“ Und selbst bekennt Walser: "Gott fehlt. Mir.“ Gemessen an diesem Fehl Gottes ist alles Gerede von neuer Spiritualität ein Oberflächenphänomen.

Und Walser macht zugleich klar, was mit Gott abhanden gekommen ist: die Frage nach Rechtfertigung, welche die Geschichte des Christentums und des Abendlandes bis in das 20. Jahrhundert hinein umgetrieben hat. Bei Jean Paul und Dostojewski, auch bei Nietzsche, Kafka, Thomas Mann und Robert Walser war diese Frage noch lebendig. Die Frage, wie der sündige Mensch vor Gott gerechtfertigt werden kann, war das beherrschende Thema der Reformation im 16. Jahrhundert. In der Moderne wurde Luthers Frage nach dem gnädigen Gott in der Moderne durch die angeblich radikalere nach der Existenz Gottes abgelöst. So dachte selbst der Lutherische Weltbund auf seiner Vollversammlung 1963, also zur selben Zeit, in der das Zweite Vatikanische Konzil stattfand. Doch Walser präpariert scharfsinnig heraus, dass die Frage nach der Existenz Gottes keineswegs radikaler als jene nach dem gnädigen Gott ist.

Eine Gesellschaft, der die Rechtfertigungsproblematik in ihrer radikalen religiösen Dimension, wie sie allen voran bei Paulus, dann bei Augustin, Luther und Calvin durchbuchstabiert wird, abhanden gekommen ist, verfällt dem Irrtum, als genüge es zur Rechtfertigung der eigenen Person, Recht zu haben. Das Rechthaben aber gerät zur Rechthaberei. "Recht zu haben“, so Walser, "ist der akzeptierte Ersatz für Rechtfertigung. Eine Art Bewusstseinsimperialismus auch. Oft genug verbunden mit Macht und Machtgefühl. Zeitgeistopportunität. Was ist denn Political Correctness anderes als eine Domestizierung des Gewissens, eine Passepartout-Rechtfertigung?“ Eben in solcher Selbst-Rechtfertigung aber besteht jene Versuchung, von der Walser im Untertitel seines Essays spricht und gegen die er anschreibt.

Wer meint, die religiöse Frage nach der Rechtfertigung des Sünders erledige sich mit der Nichtexistenz eines gerechten Gottes, dem schlägt Walser vor: "Lesen wir’s als Roman.“ Dieselbe fruchtbare Lesestrategie wählt auch Jack Miles in seinem Buch "Gott. Eine Biographie“ (1996) und in der Fortsetzung "Jesus. Der Selbstmord des Gottessohnes“ (2001).

Lange Zeit galt die Rechtfertigungslehre als der fundamentale Widerspruch zwischen römisch-katholischem und evangelischem Glauben. Heute gilt dieser Streit als überwunden. Doch in Wahrheit war die Gemeinsame Erklärung von Lutherischem Weltbund und römisch-katholischer Kirche 1999 nur der Schwanengesang der Konsensökumene und zugleich der Beweis, wie wenig die Frage nach der Rechtfertigung die beteiligten Kirchen selbst noch umtreibt.

Walser stellt sich vor, ein Seminar über Barth und Nietzsche abzuhalten, immer freitags von 13 bis 15 Uhr. Was Walser umtreibt, ist eine "Hoffnung, die sich kühn anfühlt oder vermessen: Nietzsche, den Pfarrersohn heimzuholen. Also aufzuzählen, nachzuweisen, wie viel evangelische Theologie noch übriggeblieben ist in ihm und in seinem Zarathustra.“ Das erinnert an Eberhard Jüngels Versuch, die Rede vom Tode Gottes auf den Spuren der Dialektischen Theologie in die Theologie heimzuholen.

Das Religiöse vor dem Vergessen bewahren

Ich möchte mich gern für Walsers Seminar anmelden und auf ein Missing link zwischen Nietzsche und Barth hinweisen, das Walser nicht erwähnt: Franz Overbeck, Neutestamentler und Kirchenhistoriker in Basel und Freund Nietzsches. Er, der radikal mit der modernen Theologie abrechnete und sich zum Unglauben bekannte, wurde vom jungen Barth als heidnischer Zeuge der Auferstehung interpretiert. Und den Satz, wonach Theologie anders als mit Verwegenheit nicht wieder zu gründen sei, hat Barth bei Overbeck gefunden.

Walser wagt den Versuch, das Religiöse im radikalen Sinne Barths, Augustins und Luthers "vor dem Vergessen zu bewahren. An eine Sprache zu erinnern, in der Rechtfertigung noch vorkommt.“ Wenn es stimmt, dass Gott durch die Sprache zur Welt und uns Menschen kommt, dann ist die Sprachkrise heutiger Theologie und Verkündigung eine Gotteskrise.

Walser schließt sein Büchlein in Nietzsche’scher Manier mit einem Gedicht. Daher erlaube ich mir, auch meinerseits mit einem Gedicht zu schließen, das ich vor mehr als zwei Jahrzehnten meinem Essay "Theologie in dürftiger Zeit“ (1990) als Motto vorangestellt habe:

Die Sprache schweigt -

doch wir brechen das Schweigen

und teilen es aus unter Bettlern,

die vor den Kirchenportalen

im Kehricht nach essbaren Worten wühlen.

Über Rechtfertigung, eine Versuchung Zeugen und Zeugnisse. Von Martin Walser Rowohlt 2012 96 Seiten, geb., e 15,40

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