Ob Martin Walsers "Tod eines Kritikers" nun ein antisemitisches Buch ist oder nicht: Schwach und peinlich ist dieser Roman auf jeden Fall.

Es dürfte kaum ein neueres Buch geben, über das so viel geschrieben wurde, ehe es gedruckt werden konnte. Es dürfte auch wenige Bücher geben, die so intensiv besprochen wurden, ehe es die Möglichkeit gab, sie zu lesen. Jetzt ist Martin Walsers "Tod eines Kritikers" auf dem Markt und der Verlag konnte sich den Klappentext sparen. Das Buch handelt von dem, was ihm passierte, ehe es erschien, vom Literaturbetrieb und von den Medien.

Das Thema ist nicht neu bei Martin Walser, der in seinem Gesamtwerk konsequent wie kaum ein anderer Autor die gesellschaftliche Wirklichkeit mit scharfem Blick beäugt. Im l993 veröffentlichten Roman "Ohne einander" taucht bereits ein einflussreicher Kritiker auf, der Willi André König heißt, genannt "Erlkönig". Er wird als "Beleidigungsspezialist" vorgestellt, dessen Aussehen an ein Guernicapferd erinnere. Sein Stil ist ein "Bekanntgebungs-, also ein Verkündigungsstil", in dem es andauernd donnert, ohne dass es geblitzt hat. "Erlkönig" rechtfertigt seine Übertreibungstonart mit dem Schmerz, den die schlechten Bücher bei ihm produzieren: "Niemand hätte es gewagt, von ihm zu verlangen, dass er, der unter dem Schlechten litt, auch noch beweise, warum das, worunter er litt, so schlecht sei. Wäre es nicht schlecht, würde er doch nicht darunter leiden ..."

Schon damals, also vor fast zehn Jahren, wurde diese Kritik als Abrechnung Walsers mit seinem Intimfeind Marcel Reich-Ranicki gewertet. In "Tod eines Kritikers" wird die Kunstfigur des Willi André König zu André Ehrl-König weitergebildet und, manchmal beachtlich geschmacklos, als Marcel Reich-Ranicki zurechtmodelliert. Auch Tötungsfantasien sind da inkludiert.

Der Kritiker ist, immer in der Diktion des Autors, der Drauflosvirtuose, der das Entweder-oder eingeführt hat in die Literaturkritik; er huldigt der Herabsetzungslust; er ist der Böllgrassfrischhandke-Niedermacher, der immer von sich selbst rückhaltslos beeindruckt ist. Vor allem aber ist dieser Ehrl-König, dessen jüdische Herkunft auf Seite zwei kurz erwähnt wird, zu einem Literatur makelnden Machtmenschen geworden - samt seiner "Chorknabenherde" im deutschen Feuilleton.

In "Ohne einander" hatte Walser die öffentliche Meinung als "die neueste Kirche, den letzten Gott" bezeichnet: "Verglichen mit den selbstgerechten Priestern dieser Kirche waren alle früheren die schönstliebsten und wahrhaften Heiligen. Was ist das berüchtigte Unfehlbarkeitsdogma des römischen Papstes gegen die Verfassungsartikel, die die Alleskritiker gegen jede Belangbarkeit schützen. Sie dürfen alles und müssen nichts. Macht ist ein anderes Wort für Illegitimität. Keine Macht ist so illegitim wie die der Medien." Im neuen Roman heißt es schlicht: "Die Medien sind wahrheitsimmun."

Die Diskussion, ob "Tod eines Kritikers" ein antisemitisches Buch sei, hat die Tatsache in den Hintergrund gerückt, dass Walser eigentlich über die Literatur- und Medienszene geschrieben hat, "in der es keine Tatsachen gibt, sondern nur Versionen".

Martin Walser hat den Antisemitismus-Vorwurf als "Saisonjournalismus" von sich abgebeutelt. Andererseits blieb zum Beispiel der Spiegel hartnäckig: Hier handle es sich um einen Roman, "in dem der Antisemitismus nicht vorkommt, aber um ein antisemitisch marmoriertes Buch".

Wer will, kann diesen Befund durch ein paar waghalsige Interpretationsmanöver herbeizerren, doch könnten manche Reaktionen auch als Ablenkung vom eigentlichen Thema gedeutet werden: Verhüllungsjournalismus sozusagen. Am höchst unsympathischen Wesen eines Kritikers wird das Unwesen einer bestimmten Form von Literaturkritik anschaulich gemacht. Das klingt ungefähr so anregend, wie sich diese als Roman getarnte Abrechnung tatsächlich liest.

Walsers Roman ist nämlich keiner. Der Autor reiht seitenweise Tonbandprotokolle und Zitate aus fiktiven Manuskripten aneinander, dazu lässt er monologisierende Figuren auftreten, die alle so reden, wie Martin Walser schreibt, wenn er gerade nicht seine besten Momente hat. Und je älter Walser wird, um so längere Wörter gelingen ihm. Diesmal dürfte es "Sommerschlußverkaufkarstadtschlüpfer" sein. Andererseits ist man geneigt, diese allzu gesuchte Wortgewalt als Heimsuchung hinzunehmen. Diesem Autor fallen nämlich die schwerfälligsten Wortungetüme scheinbar ebenso leicht zu wie duftige Feinsinnigkeiten, etwa das hübsche Wörtchen "wahrsinnig".

Das ändert aber nichts daran, dass dieses Buch als Roman missglückt ist. Manchmal kommt auch, um mit Alfred Polgar zu reden, der deutsche Humor unter der Tarnkappe dahergehechelt und schreit: Da bin ich. Da bin ich. Vieles ist ein bisserl allzu bodenseeständig - bis hin zum zweimaligen Vermerk, dass Ehrl-König handgemachte Schuhe aus Antwerpen trage, die ihn zweieinhalb Zentimeter größer erscheinen lassen. Oder folgende Beobachtung: "Ehrl-Königs Mund reichte vor nichts als Lächeln bis zu den Ohrläppchen."

Am schlimmsten aber ist, dass sich das Ironiebündel Walser vor lauter Enragement geradezu auflöst. Er gehört zwar zu den von Marcel Reich-Ranicki Erniedrigten und Beleidigten (freilich auch zu den fallweise Bejubelten), aber die Ironie eines Gekränkten ist selten ironisch. Und besonders abgegriffen und schäbig wirkt sie, wenn sie so aufdringlich mit Verbitterung unterlegt ist, wie in diesem Fall. Dabei ist er auch noch so verliebt in die Umsetzung von Sprecheigentümlichkeiten seines Feindes in eine adäquate Schreibweise ("Schschschriftstellerrrr"), dass ihm gar nicht mehr auffällt, wie schnell solcher Spott langweilig wird.

So rührt Walser umständlich an seinem Szene-Martini. Weil er aber spürt, dass das zu wenig ist, mengt er ein paar Spritzer Mythos und Mystik dazu, samt einem Schuss Apokalypse. Aus Erfahrung weiß man, dass Martin Walser sehr trotzig sein kann. Er wird sich nicht abfinden mit einer geistigen Entwicklung, die nach seiner Erfahrung aus der Ästhetik eine Moral des Gefallens, des Vergnügens und der Unterhaltung gemacht hat. Er wird sich auch nicht abfinden damit, dass nach der Umwertung aller Werte als letzter allgemeingültiger Wert nur der Unterhaltungswert übrig bleiben soll.

Das Thema ist ausbaufähig. Es muss ja nicht gleich wieder ein Roman werden. Im übrigen funktionieren die Mechanismen, die Martin Walser so heftig attackiert, auf wundersame Weise zu seinen Gunsten: "Tod eines Kritikers" erklomm auf Anhieb den ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste. Im Ranking des heimischen Kurier landete das Buch auf dem sechsten Platz, unmittelbar vor Philip Roths "Der menschliche Makel".

Vor der Ironie der Marktkräfte kann sich übrigens im konkreten Falle jede ironieverliebte literarische Fiktion nur verstecken: In Walsers Roman stellt nämlich der Kritikerpapst den amerikanischen Autor Philip Roth dem von ihm kritisierten deutschen Langweiler-Literaten ständig als Vorbild hin.

TOD EINES KRITIKERS

Roman von Martin Walser. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2002, 219 Seiten, geb., e 20,90

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