Medienpolitik, mitten in der Steinzeit

1945 1960 1980 2000 2020

Die Bedrohung der "Wiener Zeitung" ist Symptom eines Zustandes im Land.

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Die Bedrohung der "Wiener Zeitung" ist Symptom eines Zustandes im Land.

Das schiere Alter sollte eigentlich ein gewichtiges Argument sein, um Einstellungsversuche aller Art hintanzuhalten: Dass es die 1703 gegründete Wiener Zeitung immer noch gibt, ist ein Unikum – nicht nur in der heimischen Medienlandschaft. Aber Alter wie Schönheit sind keine wirtschaftlichen Kategorien, und für Mes­sage-Control eignet sich ein Printmedium heutzutage auch nicht mehr.

Dass nun Pläne aus dem türkisen Teil der Regulierung ruchbar werden, die Pflichtinserate über Ausschreibungen, Gesellschafterinnenversammlungen und Ähnliches abzuschaffen, bringt die Wiener Zeitung in existenzielle Gefahr. Denn damit fiel die wirtschaftliche Basis fürs im Staatseigentum befindliche Tagblatt weg. Dass es Gründe für diesen Schritt gibt, ist das eine. Aber man sollte das Pferd auch einmal vom Schwanz aufzäumen: Wenn die Wiener Zeitung es wirtschaftlich nicht mehr derstemmt, dann verschwindet ein Qualitätsmedium von der Bildfläche. Der Wiener Zeitung gebührt dieser Titel ganz gewiss – Berichterstattung, die anderswo in den Medien kaum mehr unterkommt, Diskurse, für die sonst wo immer weniger Platz ist – all das kann das kleine, aber feine Blatt bieten.

Das Überleben der Qualitätspresse im Land wäre dringlich. Dazu bedürfte es aber einer Medienpolitik, die diesen Namen verdient. Zu dieser gehörten auch realistische Finanzierungs- und Fördermodelle sowie ein erkennbares politisches Interesse an Medienqualität im Lande. Das ist natürlich ein Wunsch ans Christkind. Nur ein Beispiel für den Status quo: Die „allgemeine Presseförderung“, die den „Großen“ zugute kommt, rührt aus den 1970er Jahren her: Sie wurde u.a. eingeführt, als die Trafiken am Sonntag nicht mehr öffneten und nicht zuletzt die Kronen Zeitung auf die bis heute herumhängenden Verkaufstaschen überging. Die Kreisky-Regierung versüßte so auch den Verkaufs­entgang bei Krone & Co als allgemeine Presseförderung, die es heute noch gibt. Besser lässt sich nicht beschreiben, dass Medienpolitik und Förderwesen im Staate weiterhin in der Steinzeit verharren.

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