Chmelir-Geisel unterstützt Entlassung

Die FURCHE hat im Oktober letzten Jahres die Geschichte des 1978 wegen Mordes bei einem Postüberfall zu lebenslanger Haft verurteilten Juan Carlos Chmelir aufgegriffen (Nr. 44, Seite 6). Der rote Faden des damaligen Artikels war, dass Silvia Chmelir seit 30 Jahren auf die Freilassung ihres Partners wartet und nichts unversucht lässt, damit er freikommt. 2007 schreibt sie an das Gericht: „In der Hoffnung, dass mein Freund und Ex-Mann nach drei Jahrzehnten in das Programm für eine Haftentlassung kommt, werde ich voll hinter ihm stehen.“

Frau Chmelir verdächtigt die Justiz, Rache an Herrn Chmelir zu verüben. Sie hat Angst, dass „sie ihn abdrehen da drinnen“, denn „er war ein Revoluzzer – das verzeihen die ihm nie!“ Norbert Minkendorfer, Leiter der Justizanstalt Garsten, verwies diese Vorhaltungen damals im Gespräch mit der FURCHE ins Reich der Phantasie. Mit Rache, sagte Minkendorfer, habe auch das lange Warten Chmelirs auf Resozialisierungsmaßnahmen nichts zu tun. Das liege einzig und allein daran, dass es zuwenig Therapie- und Arbeitsmöglichkeiten gebe, sagte der Anstaltsleiter. Chmelir sei ihm „nicht unsympathisch“ und er will sich für Arbeitsbeschaffung, Einzeltherapien und ein neues Gutachten einsetzen: „Früher oder später kommt er frei!“

Kurz nach Erscheinen des FURCHE-Artikels wurde auch tatsächlich ein Therapieplatz für Chmelir gefunden und der zuständige Psychologe stellte dem Langzeit-Häftling ein sehr gutes Zeugnis aus. Anfang dieses Jahres hat man Chmelir jedoch völlig überraschend von Garsten in die Justizanstalt Graz-Karlau verlegt, die Therapie wurde deswegen wieder abgebrochen. Seit März ist Chmelir dort als Hausarbeiter tätig. Die anfänglichen Hänseleien und Sticheleien von Aufsehern, er werde „frühestens als Greis oder mit dem Rollstuhl entlassen“, hätten aufgehört, sagt Chmelir.

1989 war Chmelir aus der Justizanstalt Graz Karlau ausgebrochen und hatte bei seinem Fluchtversuch eine Frau als Geisel genommen. Die Frau hat kürzlich einen Brief an das Gericht geschickt, in dem sie „zwanzig Jahre nach dem für mich schrecklichen Erlebnis“ festhält: „Während der Entführung erhielt ich in Gesprächen mit Chmelir den Eindruck, dass er das Unrecht seiner Handlung einsah und daraufhin versuchte, mich möglichst unbeschadet zu meiner Familie zurückkehren zu lassen, obwohl ihm bewusst sein musste, dass er dadurch den weiteren erfolgreichen Fortgang seiner Flucht gefährdete … Ich für meinen Teil habe mit dieser Geschichte längst abgeschlossen; jedewede Rachegefühle gegenüber Herrn Chmelir liegen mir fern. Ich wünsche ihm, dass er seine restliche Lebenszeit noch auf sinnvolle Art für sich und seine Angehörigen beschließen kann. Ich hege keinerlei Groll und habe von meiner Seite keine Einwände, sollte das Gericht einer vorzeitigen Entlassung Chmelirs zustimmen.“ (wm)

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