Haftanstalt Graz-Karlau - © Foto: APA/ Erwin Scheriau
Politik

Pfarrers Zorn über die Wurstigkeit der Justiz

1945 1960 1980 2000 2020

Der Grazer Gefängnisseelsorger Norbert Engele setzt sich für den Langzeithäftling Juan Carlos Chmelir ein – und stößt auf eine Mauer der Ignoranz.

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Der Grazer Gefängnisseelsorger Norbert Engele setzt sich für den Langzeithäftling Juan Carlos Chmelir ein – und stößt auf eine Mauer der Ignoranz.

Norbert Engele bemüht sich um „wohlgesetzte Worte“, findet aber nur deftiges Vokabular: „Was ein Pfarrer schreibt, ist der Justiz völlig wurscht, das
wird nicht einmal ignoriert, das ist denen scheißegal.“ Der Anlass für den heiligen Zorn des Grazer Gefängnisseelsorgers ist die Ignoranz der Justiz gegenüber seinem Brief vom Ende des Vorjahres, in dem er sich für die Freilassung des LangzeithäftlingsJuan Carlos Chmelir einsetzt. Engele war 35 Jahre lang evangelischer Gefängnispfarrer und betreute nach seiner Pensionierung 2010 mit wöchentlichen Besuchen neun langstrafige Gefangene, darunter Chmelir. „Ich kenne diese Menschen besser als ihre nächsten Angehörigen“, sagt Engele, der neben Theologie auch Psychologie und Soziologie studierte, im Gespräch mit der FURCHE. In dem Brief beschreibt der Pfarrer Chmelir als einen „sich konstruktiv und kritisch mit seiner Person und den devianten Anteilen seiner Persönlichkeit“ auseinandersetzenden Menschen und als einen Häftling, der sich für körperlich behinderte Mitgefangene einsetzt. Der Pfarrer führt noch weitere positive Verhaltensweisen an und schließt das Schreiben: „Ich hoffe, nach all dem von mir Beschriebenen, dass Herr Chmelir nun endlich in die Freiheit entlassen wird. Da er sich so gefestigt und verantwortungsvoll in vielen Jahren bewährt hat, wäre ich jederzeit gerne bereit, Herrn Chmelir bei Ausgängen persönlich zu begleiten und, wann immer es mir möglich ist, ihm Einstiegshilfen in ein Leben in Freiheit zu bieten.“

„Unendliche Geschichte“

Juan Carlos Chmelir – die FURCHE berichtet seit 2008 über den sogenannten „Rekordhäftling“. Nicht aus Sensationslust, dieses Geschäft besorgen andere; aus
Chmelirs Gefängnisalltag gibt es schon lange keine Sensationen mehr, sondern nur noch das mühsame jahrzehntelange Aufbäumen der Hoffnung auf Freiheit gegen den täglichen Frust des Eingesperrtseins zu berichten. Auch nicht die seelsorgerische Motivation von Pfarrer Engele, dem Jesus-Wort folgend, „ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“, spielt beim journalistischen Zugang zu dem Thema und zur Person Chmelir eine Rolle. Entscheidend für das FURCHE-Interesse am Fall Chmelir, den die per Amtswegen damit Beschäftigten hinter vorgehaltener Hand „eine unendliche Geschichte“ nennen, ist das sich daran zeigende Funktionieren oder Nicht-Funktionieren eines rechtsstaatlichen Systems. Oder wie es Pfarrer Engele auf den zornigen Punkt bringt: Steht Wurs­tigkeit und Ignoranz über dem Recht?

Deshalb besuchte die FURCHE Chmelir im Sommer vor elf Jahren das erste Mal in der Justizanstalt Garsten; ein weiteres Treffen nach seiner Verlegung in die Justizanstalt Stein gemeinsam mit seiner kürzlich verstorbenen Frau und Stütze Silvia Chmelir folgte ein paar Jahre darauf; mittlerweile ist Chmelirs Gefängnis-Karussell seit 2013 in der Justizanstalt Graz-Karlau zum Stehen gekommen. Dieser Stillstand scheint auch bei der Entlassungsvorbereitung eingetreten zu sein, kritisiert Pfarrer Engele: „Dass bei Chmelir seit so vielen Jahren nichts weitergeht, ist für mich nicht nachvollziehbar“, sagt er, nennt diesen Fall ein Beispiel für generelle Missstände und die „Katastrophe der österreichischen Justiz“ und wagt sogar den Vergleich, dass der Massenmörder Anders Behring Breivik „in Norwegen womöglich nach 20 Jahren freigelassen wird, während in Österreich einer wie Chmelir doppelt so lang sitzt und nicht rauskommt“.

Seit 41 Jahren in Haft

Einer wie Chmelir – der ist tatsächlich nicht leicht zu finden: Am 8. Juni dieses Jahres wurde er 70 Jahre alt, am 20. Juni war er 41 Jahre durchgehend hinter Gittern – ein trauriger, für Mensch wie Justizsys­tem desaströser Rekord. Rechnet man die von kurzen Entlassungen unterbrochenen Haftzeiten hinzu, kommt man auf mehr als ein halbes Jahrhundert im Gefängnis; und wer die Zeiten in Heimen und Erziehungsanstalten dazu zählt, in die Chmelir nach dem Auseinanderbrechen seiner Familie gesteckt wurde, sieht fast ein ganzes Menschenleben in Unfreiheit vor sich.

Dabei soll nichts beschönigt werden: Chmelir war ein Schwerverbrecher, Ende der 1970er-Jahre tötete er bei einem Postüberfall einen Menschen, ein anderer wurde schwer verletzt, das Gericht verurteilte ihn zu „lebenslang“. 1989 brach er aus der Justizanstalt Graz-Karlau aus. 1983 schaffte er es bei seinem ers­ten Ausbruchsversuch auf das Kirchendach der Justizanstalt Garsten, protestierte dort mit einem „Sitzstreik“ gegen die Haftbedingungen. Auf seiner Flucht 1989 nahm er eine Frau zur Geisel. In Klagenfurt ließ er sie frei; mit einer Selbstanzeige und einem Protestbrief gegen die Haftbedingungen, fünf Tage später wurde er geschnappt, zu weiteren 18 Jahren Haft verurteilt.

Der Massenmörder Breivik wird womöglich nach 20 Jahren freigelassen. Chmelir sitzt in ­Österreich schon doppelt so lang.

Chmelir kontaktierte seine damalige Geisel bereits vor vielen Jahren, „zum Entschuldigen und zum Frieden machen“. Die Frau schrieb daraufhin ans Gericht: „Ich für meinen Teil habe mit dieser Geschichte längst abgeschlossen, jedwede Rachegefühle gegenüber Herrn Chmelir liegen mir fern. Ich wünsche ihm, dass er seine restliche Lebenszeit noch auf sinnvolle Art für sich und seine Angehörigen beschließen kann. Ich hege keinerlei Groll und habe von meiner Seite keine Einwände, sollte das Gericht einer vorzeitigen Entlassung Chmelirs zustimmen.“

Neben der positiven Einschätzung von Pfarrer Engele zeichnen mittlerweile drei psychiatrische Gutachten ein wohlwollendes Bild der Entwicklung von Chmelir: „Aufgrund dieser Änderung sind jedoch seine Möglichkeiten, entlassen zu werden, realistisch geworden …“ Und der Leiter der Justizanstalt Graz-Karlau, Josef Mock, bestätigte im FURCHE-Gespräch, dass Chmelir „in den nächsten Wochen stufenweise Vollzugslockerungen“ gewährt werden. Konkret geht es darum, ihn mit begleiteten Ausgängen „an die Freiheit zu gewöhnen“.

„Miese“ Sozialarbeit

Das Zitat stammt aus dem März des Vorjahres. Knapp eineinhalb Jahre später antwortet Gerhard Derler, stellvertretender Leiter in der Karlau, auf die Frage der FURCHE nach den Fortschritten bei Chmelirs Resozialisierung und ob es dafür einen Plan gibt: „Natürlich gibt es bei Chmelir, so wie bei allen anderen Insassen, einen Stufenplan. Wir arbeiten gemäß diesem Vollzugsplan in Richtung Entlassungsvorbereitungen, was auch den Insassen kommuniziert wird.“ In Chmelirs „Merkblatt für die bedingte Entlassung eines Strafgefangenen“ vom März 2017 heißt es ebenfalls, dass der Leiter der Justizanstalt Graz-Karlau plant, die Lockerungsschritte umzusetzen, „um ein für eine bedingte Entlassung wesentliches und tragfähiges soziales Umfeld zu schaffen“. Der Plan war laut Merkblatt für ein Jahr angesetzt.

Zweieinhalb Jahre später fällt die Bilanz dürftig aus: Chmelir kommt bis dato auf lediglich zehn begleitete Sozialtraining-Ausgänge zu jeweils ein paar Stunden. Tendenz sinkend: Heuer hatte Chmelir erst zwei kurze Ausgänge; bei dem im Juli durfte er seine aus Spanien angereiste Schwes­ter in der Grazer Innenstadt treffen. So wie Pfarrer Engele haben sie und zwei weitere in Wien lebende Schwestern Chmelirs bei Gericht um die Entlassung ihres Bruders angesucht und „in jeder Hinsicht familiäre Unterstützung“ zugesagt. Die amtliche Nicht-Reaktion darauf war die gleiche wie bei der Eingabe des Gefängnis-Seelsorgers. Und die Damen wundern sich, dass trotz der von Justizminister Clemens Jabloner abwärts geäußerten Klage über die überfüllten Justizanstalten bei ihrem Bruder „nichts weitergeht“. Das Thema Sozialarbeit in Österreichs Gefängnissen macht es Pfarrer Engele erneut unmöglich, „wohlgesetzte Worte“ zu finden. Sein aus langjähriger Erfahrung resultierender Kommentar dazu lautet einfach nur: „Mies!“ Und tägliche Bestätigung dafür findet der Pfarrer im Umgang der österreichischen Justiz mit Juan Carlos Chmelir und der „Unwilligkeit, dass einer sagt, es ist genug!“

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