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Politik

Kärntner Volksabstimmung: Ivo, das war ich

1945 1960 1980 2000 2020

FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic ist in den 90er-Jahren mit ihrer Familie vor dem Jugoslawienkrieg nach Kärnten geflüchtet. Die vierte Strophe des "Kärntner Heimatliedes", die jedes Jahr am 10. Oktober angestimmt wurde, lässt sie bis heute nicht los.

1945 1960 1980 2000 2020

FURCHE-Redakteurin Manuela Tomic ist in den 90er-Jahren mit ihrer Familie vor dem Jugoslawienkrieg nach Kärnten geflüchtet. Die vierte Strophe des "Kärntner Heimatliedes", die jedes Jahr am 10. Oktober angestimmt wurde, lässt sie bis heute nicht los.

Jedes Jahr am 10. Oktober haben wir im Musikunterricht das „Kärntner Heimatlied“ gesungen. Dabei hat sich vor allem die vierte Strophe in mein Gedächtnis eingebrannt: „Wo Mannesmut und Frauentreu’/ die Heimat sich erstritt auf’s neu’,/ wo man mit Blut die Grenze schrieb/ und frei in Not und Tod verblieb;/ hell jubelnd klingt’s zur Bergeswand:/ Das ist mein herrlich Heimatland.“

Mit blutigen Grenzen, Not und Tod konnte ich als Kriegsflüchtling aus dem ehemaligen Jugoslawien etwas anfangen. Mit „herrlich Heimatland“ jedoch weniger. Meine Familie war vor dem Nationalismus geflohen. Nun versuchten wir uns im Haider-Kärnten eine Zukunft aufzubauen. Hier, so dachten wir, könnten wir den Hass auf den eigenen Nachbarn, der in Jugoslawien zum Krieg geführt hatte, hinter uns lassen. Ich zeichnete das Kärntner Wappen, sang im Musikunterricht Lieder wie „Der schwarze Ivo tanzt den Kolo“.

Jedes Jahr am 10. Oktober haben wir im Musikunterricht das „Kärntner Heimatlied“ gesungen. Dabei hat sich vor allem die vierte Strophe in mein Gedächtnis eingebrannt: „Wo Mannesmut und Frauentreu’/ die Heimat sich erstritt auf’s neu’,/ wo man mit Blut die Grenze schrieb/ und frei in Not und Tod verblieb;/ hell jubelnd klingt’s zur Bergeswand:/ Das ist mein herrlich Heimatland.“

Mit blutigen Grenzen, Not und Tod konnte ich als Kriegsflüchtling aus dem ehemaligen Jugoslawien etwas anfangen. Mit „herrlich Heimatland“ jedoch weniger. Meine Familie war vor dem Nationalismus geflohen. Nun versuchten wir uns im Haider-Kärnten eine Zukunft aufzubauen. Hier, so dachten wir, könnten wir den Hass auf den eigenen Nachbarn, der in Jugoslawien zum Krieg geführt hatte, hinter uns lassen. Ich zeichnete das Kärntner Wappen, sang im Musikunterricht Lieder wie „Der schwarze Ivo tanzt den Kolo“.

Ivo, das war ich, Ivo, das war die Bedrohung. Erst viel später verstand ich, warum. Geflüchtete aus Jugoslawien schienen in Kärnten eine kollektive Retraumatisierung auszulösen, nicht nur wegen des Abwehrkampfes. Wir erinnerten die Kärntner daran, dass das Slawische hier autochthon ist. Wir wurden zu den Erben ihrer Verdrängung.

Anstatt jedes Jahr am 10. Oktober das Verbindende zu suchen, stimmte unser Musiklehrer also die vierte Strophe des „Kärntner Heimatliedes“ an. Er stellte sie gerne den anderen voran. Doch wurde sie erst 1930 der Landeshymne hinzugefügt. Sie stammt übrigens von Agnes Millonig – einer Heimatdichterin und 1933 Mitglied der NSDAP. Diese vierte Strophe, sie wird gesungen – auch heute noch.

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