#Volksabstimmung

100 Jahre Kärntner Volksabstimmung

Graz - © Foto: Philipp Steiner (cc)
Feuilleton

Steirische Slowenen: immer brav und ruhig

1945 1960 1980 2000 2020

Nach der EU-Erweiterung in den Süden trauen sich viel mehr Steirer als zuvor zu ihrer slowenischen Sprache stehen - mehr aber schon nicht.

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Nach der EU-Erweiterung in den Süden trauen sich viel mehr Steirer als zuvor zu ihrer slowenischen Sprache stehen - mehr aber schon nicht.

Der Artikel 7 unterscheidet nicht - im Staatsvertrag werden Kärntner und steirische Slowenen absolut die gleichen Rechte zugebilligt. In der Realität hingegen gibt es sehr wohl Unterschiede - im Guten wie im Schlechten: Dass es in Kärnten eine slowenische Minderheit gibt, die auf ihre Recht pocht ist bekannt, dass dieser Minderheit ihr Recht auf zweisprachige Ortstafeln seit Jahrzehnten verweigert wird, gehört ebenfalls zum traurigen Allgemeingut. Von den steirischen Slowenen jedoch wissen die meisten Österreicher wenig bis gar nichts.

"Slowenen provozieren"

Den Grund dafür nennt Michael Petrowitsch: "Wir waren in den vergangenen Jahren immer brav und ruhig." Petrowitsch ist Geschäftsführer des Artikel-VII-Kulturvereins der steirischen Slowenen und letzte Woche überlegte er einmal ein wenig lauter, regte zweisprachige Ortstafeln in steirischen und benachbarten slowenischen Gemeinden an - und umgehend war er für einige nicht mehr brav, sondern sehr schlimm: "Schade, dass es kein Österreich für Österreicher mehr gibt", lautete der erste Leserkommentar auf der orf-Steiermark-Homepage, nachdem dort Petrowitsch' lautes Nachdenken über Ortstafeln veröffentlicht wurde. "Ich finde es als reine Provokation der Slowenen", schimpfte ein anderer Internetnutzer und setzte noch gleich einen deftigen Seitenhieb nach: "Aber Provokation war schon immer eine Stärke der Slowenen."

Der Artikel 7 unterscheidet nicht - im Staatsvertrag werden Kärntner und steirische Slowenen absolut die gleichen Rechte zugebilligt. In der Realität hingegen gibt es sehr wohl Unterschiede - im Guten wie im Schlechten: Dass es in Kärnten eine slowenische Minderheit gibt, die auf ihre Recht pocht ist bekannt, dass dieser Minderheit ihr Recht auf zweisprachige Ortstafeln seit Jahrzehnten verweigert wird, gehört ebenfalls zum traurigen Allgemeingut. Von den steirischen Slowenen jedoch wissen die meisten Österreicher wenig bis gar nichts.

"Slowenen provozieren"

Den Grund dafür nennt Michael Petrowitsch: "Wir waren in den vergangenen Jahren immer brav und ruhig." Petrowitsch ist Geschäftsführer des Artikel-VII-Kulturvereins der steirischen Slowenen und letzte Woche überlegte er einmal ein wenig lauter, regte zweisprachige Ortstafeln in steirischen und benachbarten slowenischen Gemeinden an - und umgehend war er für einige nicht mehr brav, sondern sehr schlimm: "Schade, dass es kein Österreich für Österreicher mehr gibt", lautete der erste Leserkommentar auf der orf-Steiermark-Homepage, nachdem dort Petrowitsch' lautes Nachdenken über Ortstafeln veröffentlicht wurde. "Ich finde es als reine Provokation der Slowenen", schimpfte ein anderer Internetnutzer und setzte noch gleich einen deftigen Seitenhieb nach: "Aber Provokation war schon immer eine Stärke der Slowenen."

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Dabei hatte Petrowitsch schon vor der orf-Meldung im Gespräch mit der Furche betont, dass er die Ortstafelfrage in der Südsteiermark "schön langsam" thematisieren und "keinesfalls mit der Brechstange" durchsetzen wolle - um in der grünen Mark nur ja keine "Kärntner Verhältnisse heraufzubeschwören".

Laut Volkszählung 2001 leben in der Steiermark 2192 österreichische Staatsbürger, für die Slowenisch Umgangssprache ist - rund zwölf Prozent aller österreichischen Slowenen. Gegenüber 1991 ist allerdings die Zahl derer, die sich in der Steiermark zur slowenischen Minderheit bekennen um 29 Prozent, in den Grenzbezirken sogar um 83 Prozent gestiegen. Grund dafür ist vor allem die eu-Erweiterung Richtung Süden - die Grenze zu Slowenien ist nicht nur geographisch eine andere geworden, sie beginnt sich auch in den Köpfen zu verflüchtigen.

Doch noch sind Barrieren vorhanden - auch bei den steirischen Slowenen selbst: "Zweisprachige Ortstafeln passen nicht zum Verhalten der hiesigen slowenischsprachigen Bevölkerung", sagt Andrea Haberl-ZemljicÇ. Ortstafeln mit slowenischer Aufschrift wären ein Bruch "mit dem historischen Verhalten, das darin bestanden hat, unauffällig zu sein", ergänzt die Radkersburger Historikerin (siehe auch Beitrag unten). Besser anfreunden kann sich Haberl-ZemljicÇ mit einem anderen Vorschlag von Artikel-VII-Verein-Geschäftsführer Petrowitsch, den dieser "als ersten Schritt" vorgebracht hat: Braune Kulturtafeln neben oder unter den Ortstafeln, die auf die Zweisprachigkeit der Gemeinden hinweisen. Solche "kulturell-touristischen" Tafeln seien "weniger anrüchig", meint Haberl-ZemljicÇ, wie sie überhaupt dem Tourismus am ehesten zutraut, aus der Vergangenheit herrührende Traumatisierungen diesseits und jenseits der Grenze auf- und abzuarbeiten.

Grauslichkeiten für alle

Mit Kulturtafeln hat auch der Radkersburger Bürgermeister Peter Merlini kein Problem, im Gegenteil: "Nach einem Jahrhundert, das für jede Sprachgruppe in der Region Grauslichkeiten mit sich gebracht hat", sieht Merlini in der Vielsprachigkeit eine Chance für seine Stadt und deren Umgebung. In einem Viertelkreis von 20 bis 25 Kilometern, sagt Merlini, "wird hier die Minderheit zur Mehrheit und umgekehrt". Der Bürgermeister plädiert deswegen dafür, auf diesen Kulturtafeln nicht nur slowenische, sondern auch kroatische und ungarische Verweise anzubringen. Ohne seine Meinung zuvor mit anderen Stadträten akkordiert zu haben, ist Bürgerlisten-Mandatar Merlini überzeugt, dass er für dieses Vorhaben "mindestens die Mehrheit" der Radkersburger hinter sich hat.

Nicht vom Bund überredet

Und auch in der Grazer Burg sympathisiert man mit Kulturtafeln: Nicole Prutsch, Sprecherin von Frau Landeshauptmann Waltraud Klasnic, bestätigt, dass "die Chefin", Petrowitsch aufgefordert habe, ein diesbezügliches Konzept "als Basis für Verhandlungen und Gespräche" vorzulegen. Die Kritik, das Land Steiermark habe sich erst auf Drängen des Bundes hin zur Anerkennung der steirischen Slowenen als Teilvolksgruppe mit Sitz und Stimme im Volksgruppenbeirat überreden lassen, lässt Prutsch nicht gelten: "Vom Bund wurde uns diese Anerkennung nicht diktiert - bei uns hat dieses gute Zusammenleben Tradition."

Dem guten Miteinander zwischen steirisch und slowenischsprachigen Steirern fehle aber noch die "offizielle Anerkennung der slowenischen Volksgruppe durch den steirischen Landtag", bemängelt die grüne Landtagsabgeordnete Edith Zitz. Mit "künstlerisch-aufbereiteten" Tafeln hätte aber auch Zitz ihre Freude: Um die "so lange verdrängte Minderheit der steirischen Slowenen wieder ins allgemeine Bewusstsein zu bringen" - "denn der Artikel 7 ist in der Steiermark beim bestem Willen noch nicht umgesetzt."

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