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Quint-Essenzen und Untiefen

DISKURS

Hausbewohner schikanieren Kind: Was Gemeine schaffen

1945 1960 1980 2000 2020

Bis dato hat Kolumnistin Brigitte Quint das Wort "Gemeinschaft" positiv konnotiert. Nach einem Vorfall in einem Wiener Wohnhaus ist sie dem Begriff auf den Grund gegangen. Ihre Essenz: "Ich war naiv."

1945 1960 1980 2000 2020

Bis dato hat Kolumnistin Brigitte Quint das Wort "Gemeinschaft" positiv konnotiert. Nach einem Vorfall in einem Wiener Wohnhaus ist sie dem Begriff auf den Grund gegangen. Ihre Essenz: "Ich war naiv."

In einem Wohnhaus im dritten Wiener Gemeindebezirk ist ein Kind den Bewohnern ein Dorn im Auge. Oder besser gesagt im Ohr. Ihnen missfallen seine Geräusche. Sie würden sich anhören wie Tierlaute, erklärten sie dem Vater des autistischen Buben.

Sie hielten es für unzumutbar, dass dieser seinen Sohn (der seit der Trennung der Eltern ohnehin nur jedes zweite Wochenende oder in den Ferien vor Ort ist) im Garten spielen lässt. Zunächst ignorierte der Vater die Beleidigungen seiner Nachbarn. Deshalb begann einer der Hausgenossen, das Kind mit Wasser zu bespritzen, sobald es sich nach draußen begab. Gleichzeitig wurde ein Schreiben ins Stiegenhaus gehängt. Darin werden die „Störenfriede“ aufgefordert, dem betroffenen Kind ein Beruhigungsmittel zu verabreichen. „Damit das laute Geheule ein Ende hat.“

Unterzeichnet wurde der Text mit „Die Hausgemeinschaft“. Gemeinschaft. Bis dato konnotierte ich das Wort fast ausschließlich positiv. Ich assoziierte damit Verbundenheit, Zusammenhalt, das Füreinandereintreten. Die Franzosen würden es „Esprit de Corp“nennen. Wie gutgläubig, ja naiv ich doch war. Die deutsche Sprache ist nicht so romantisch, wie ich es gerne hätte. Laut Duden wird eine Gemeinschaft lediglich definiert als Gruppe von Personen, die durch gemeinsame Anschauungen untereinander verbunden sind. Und das Wort „gemein“ bezeichnet im ursprünglichen Sinn eine Eigenschaft, die Menschen gemeinsam besitzen.

Der Begriff trifft im Falle des Nachbarschaftsverbundes in Wien-Landstraße den Nagel auf den Kopf. Im doppelten Sinn. Die Unterschrift „Die Hausgemeinschaft“ könnte treffender nicht sein.

Lesen Sie auch die Quint-Essenz "Generationenkonflikt: Ruf mich NICHT an!" oder "Dem verzeihe ich alles".

In einem Wohnhaus im dritten Wiener Gemeindebezirk ist ein Kind den Bewohnern ein Dorn im Auge. Oder besser gesagt im Ohr. Ihnen missfallen seine Geräusche. Sie würden sich anhören wie Tierlaute, erklärten sie dem Vater des autistischen Buben.

Sie hielten es für unzumutbar, dass dieser seinen Sohn (der seit der Trennung der Eltern ohnehin nur jedes zweite Wochenende oder in den Ferien vor Ort ist) im Garten spielen lässt. Zunächst ignorierte der Vater die Beleidigungen seiner Nachbarn. Deshalb begann einer der Hausgenossen, das Kind mit Wasser zu bespritzen, sobald es sich nach draußen begab. Gleichzeitig wurde ein Schreiben ins Stiegenhaus gehängt. Darin werden die „Störenfriede“ aufgefordert, dem betroffenen Kind ein Beruhigungsmittel zu verabreichen. „Damit das laute Geheule ein Ende hat.“

Unterzeichnet wurde der Text mit „Die Hausgemeinschaft“. Gemeinschaft. Bis dato konnotierte ich das Wort fast ausschließlich positiv. Ich assoziierte damit Verbundenheit, Zusammenhalt, das Füreinandereintreten. Die Franzosen würden es „Esprit de Corp“nennen. Wie gutgläubig, ja naiv ich doch war. Die deutsche Sprache ist nicht so romantisch, wie ich es gerne hätte. Laut Duden wird eine Gemeinschaft lediglich definiert als Gruppe von Personen, die durch gemeinsame Anschauungen untereinander verbunden sind. Und das Wort „gemein“ bezeichnet im ursprünglichen Sinn eine Eigenschaft, die Menschen gemeinsam besitzen.

Der Begriff trifft im Falle des Nachbarschaftsverbundes in Wien-Landstraße den Nagel auf den Kopf. Im doppelten Sinn. Die Unterschrift „Die Hausgemeinschaft“ könnte treffender nicht sein.

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