Der Helfer gegen das große Sterben

Es ist der 1. September 2012: In Aachen wird der Friedenspreis verliehen, Preisträger: der mexikanische Menschenrechtsaktivist Alejandro Cerezo Contreras und borderline-Europe e.V. Bei der Preisübergabe kommt Elias Bierdel nicht auf die Bühne, er überlässt das seinen Mitstreitern Stefan Schmidt, seinen "liebsten Kapitän aller Weltmeere und Zeiten“ und Judith Gleitze, Leiterin des Sizilien-Büros.

Im Spätsommer 2004, traf ich Elias Bierdel zum ersten Mal. Ende Juni hatte das Schiff der gleichnamigen Hilfsorganisation, die Cap Anamur unter Kapitän Stefan Schmidt und Bierdel 37 Schiffbrüchige aus einem sinkenden Schlauchboot gerettet. Wenig später wurde dem Schiff die Einfahrt in den sizilianischen Hafen Porto Empedocle verwehrt, eine tagelange Blockade folgte."Wir tun etwas sehr Einfaches“, sagte Elias damals "wir versuchen, Menschenleben zu retten.“ Und: "Wie normal wollen wir es finden, dass da draußen das große Sterben weitergeht.“ Damals, an dem trüben Tag in Köln, schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Doch es kam anders: Anfang Oktober feierte man das 25-Jahr-Jubiläum der Hilfsorganisation - wenige Tage danach wurde Elias Bierdel entlassen. Einfach so. 2002 erst war er zum Leiter der Cap Anamur gewählt worden.

Bierdel hat schon früh als Journalist begonnen, nach seinem Volontariat war er Redakteur bei der Westfälischen Rundschau. Ende der 80er-Jahre zog er samt Familie nach Griechenland und arbeitete als freier Journalist. Mitte der 90er-Jahre wurde er schließlich ARD-Korrespondent in Wien, zuständig u. a. für den Balkan. Er berichtete ausgiebig aus dem Kosovo, bis kurz vor dem Nato-Einsatz. Damals traf er auf die Hilfsorganisation Cap Anamur und traf für sich die Entscheidung, die Fronten wechseln zu wollen, er wollte nicht mehr nur distanziert berichten, sondern direkt helfen.

Es war nicht leicht für ihn im Oktober 2004 diese neue Laufbahn so jäh unterbrochen zu sehen. Doch er gab nicht auf. Er schrieb ein Buch über den dramatischen Sommer des Schiffes Cap Anamur und begann, Vorträge zu halten. 2007 gründete er gemeinsam mit Kapitän Schmidt und Judith Gleitze, die eine langjährige NGO-Erfahrung als Leiterin vom Flüchtlingsrat-Berlin-Brandenburg mitbrachte, borderline-europe, Hauptanliegen: auf das Sterben an den Grenzen Europas aufmerksam zu machen.

"Fortune favors the bold“, sagen die Amerikaner, angelehnt an die alten Lateiner, den Mutigen hilft das Glück und auf wenige trifft es mehr zu als auf Elias Bierdel. Ende der Nuller-Jahre zog er ins Burgenland, aus privaten Gründen. Der Prozess gegen ihn und Stefan Schmidt wegen Schleuserei endete erst 2009 mit einem Freispruch. Und dann fand Elias Bierdel ausgerechnet im Südburgenland sein maßgeschneidertes Betätigungsfeld: Anfang 2010 wurde er am österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung in Stadtschlaining Verantwortlicher für die PR und Projektmanager. Die Schmähung durch die Medien ist lange Vergangenheit, 2007 erhielt er den ersten Preis, den Georg Elser Preis, dann, in Österreich den Ute-Bock-Preis-für-Zivilcourage und den Blue Planet Award der ethecon-Stiftung Ethik und Ökonomie in Berlin. Sein Wegstreiter, Kapitän Stefan Schmidt, erhielt 2009 die Carl-von-Ossietzky-Medaille. Nun wurden sie alle zusammen in Aachen geehrt. Elias Bierdel, ein mitunter fast zu brillanter Redner, war bei der Dankesrede die Rührung und Freude anzumerken - und das Gefühl, angekommen zu sein.

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