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Zivilcourage hat einen Preis

Der Ute Bock-Preis für Zivilcourage ging an Elias Bierdel. Kurz vor der Verleihung traf sich der Preisträger mit der Preis-Namensgeberin. Das Gespräch verfolgte Wolfgang Machreich

Bitterkalt ist es, und Elias Bierdel bereut zutiefst, seinen Mantel im Auto gelassen zu haben. Frierend wartet er an der Ecke Große Sperlgasse/Karmelitergasse im zweiten Wiener Gemeindebezirk auf Ute Bock. Die ist in ihrem Büro von Hilfesuchenden belegt. Endlich geht die Tür auf …

Die Furche: Frau Bock, sind Sie zufrieden mit Elias Bierdel als Preisträger?

Ute Bock: Sicher, der ist genau der Richtige.

Elias Bierdel: Dass man seine Preisstifterin kennenlernen darf, ist ja sehr ungewöhnlich, das gibt es ja praktisch sonst nie. Meistens sind das ja verstorbene Menschen …

Bock: Warten’S noch a bissl! Nein, nein, ich werde sehr alt, dass sich viele sehr ärgern.

Bierdel: Haben Sie denn Ihren Verein so organisiert, dass das jemand nach Ihnen weitertragen kann. Es ist ja oft so, dass alles an einer Person hängt. Sie bewegen ja viel.

Bock: So schnell wird sich kein so ein Depp finden lassen. Da müssen Sie alles aufgeben. Das war schon so, als ich noch Heimleiterin gewesen bin.

Bierdel: Die Leiterin eines Gesellenheims?

Bock: Ja, und wie ich gegangen bin, haben sie das Heim aufgelöst. Das waren 80 Österreicher, unser Ausbund, die lieben Wiener Kinder. Das war auch nicht immer einfach, allein mit denen. Was sich die Gemeinde Wien da erspart hat …

Bierdel: Da haben Sie die Kampftechniken erlernt, die sie jetzt noch einsetzen.

Bock: Aber sicher. 45 Jahre habe ich nichts anderes gemacht als arme Kinder ankeppeln – da wird man perfekt. Aber ich möchte es nicht anders haben. Das ist mein Leben. Wenn ich mich noch einmal entscheiden könnte, würde ich es wieder so machen.

Bierdel: Ich habe ja mit einem anderen Thema zu tun, das sich – auf den ersten Blick jedenfalls – draußen auf dem Mittelmeer abspielt. Aber ich sehe schon einen Zusammenhang zwischen unserer Arbeit. Es geht darum, wie wir Menschen begegnen, die von außen kommen. Ich lebe ja jetzt im Burgenland. Da erkenne ich dieselben Kräfte, wo Menschen pauschal nur noch als Bedrohung wahrgenommen werden. Einerseits wollen wir diese Menschen nicht dahaben, andererseits brauchen wir sie für alle möglichen Arbeiten. Oder wenn man in den bekannten Zeitungen auf den hinteren Seiten nachschaut, da bieten immer wieder „schwarze Perlen“ für 30 Euro auch schon mal ohne Gummi den Vollservice an. Das weiß jeder. Das passiert ja vor unseren Augen. Eine Heuchelei zur Potenz.

Bock: Ich glaube, ganz so schlecht sind die Österreicher nicht. Es wird halt sehr viel von oben gemacht. Man zwidert die Leute so an, dass sie selber gehen. Es war immer so, dass man die Leute wieder loszuwerden versuchte – aber nicht auf so brutale Weise. Jetzt war die Geschichte mit Eberau – eigentlich schon ein kleiner Volksaufstand. Und was war die Antwort der Politik: Wir lassen in Traiskirchen niemanden mehr aus dem Lager hinaus. Wissen Sie, was das heißt? Sie müssen die Leute einmal kennenlernen … Wenn ich nicht in meinem Büro bin, haben wir jeden Tag eine Rauferei. Jeder hat die Nerven blank liegen. Jeder ist furchtbar empfindlich. Jeder hat furchtbare Angst. Stellen Sie sich vor, was das in einem Lager mit 750 Menschen heißt? Alle Nationalitäten. Dazu die vielen Geschichten in so einem Lager: Einmal rinnt das Klo, dann funktioniert die Dusche nicht, dann ist das Essen nicht gut … Wegen jedem Dreck wird dann gestritten. Aber das sind Leute, die aus einer Gegend kommen, wo man das Leben mit dem Messer verteidigt. Stellen Sie sich vor, wenn die tagelang nicht raus dürfen! Jeder in dem Geschäft weiß, dass sowas nicht geht. Warum machen die das dann? Dass es eskaliert und man sagen kann: Wir haben es immer schon gewusst, dass das Kriminelle sind! Das kann doch nicht sein. Wenn man jemanden auf die Straße setzt, kein Geld gibt, nichts zum Essen … Die können doch nicht erwarten, dass sich so einer zur Kirchentür hinsitzt und still verstirbt – das ist ja lächerlich!

Bierdel: Ich war in der Informationsveranstaltung zu Eberau. Da habe ich einen windelweichen Landeshauptmann erlebt, der nur auf formaler Ebene gegen das Vorgehen der Innenministerin argumentiert hat. Nicht an einer Stelle hat er klar inhaltlich Position bezogen zur entscheidenden Frage: Wie wollen wir mit diesen Menschen weiterhin umgehen?

Bock: Wenn die Innenministerin 14 Tage vor ihrer Entscheidung nach Eberau gefahren wäre, die Leute zu einer Diskussion eingeladen hätte, erklärt hätte, Ängste abgebaut, Hilfe zugesagt und ein paar Dutzend zusätzliche Polizisten für die Region, die für Ruhe und Ordnung sorgen: Ich bin überzeugt, dann wäre das gegangen. Ein Drittel der Menschenist dagegen, weil sie überrumpelt worden sind.

Bierdel: Diese Residenzpflicht haben wir in Deutschland ja bereits, all diese schrecklichen Dinge kommen jetzt auch hierher. Da hab ich keinen Grund, speziell über die Österreicher zu schimpfen.

Bock: Ja, das ist wahrscheinlich schon in vielen Ländern so. Na und? Wir sind ja sonst auch nicht immer so konform mit der übrigen Welt. (Lacht.)

Bierdel: Das ist schön, dass Sie noch lachen können …

Bock: … ich muss, sonst häng ich mich auf!

Bierdel: Was macht es denn? Warum sind diese Menschen in diesem hohen Maße unerwünscht? Für Deutschland kann ich es sagen, da kenne ich mich besser aus. Da habe ich das Gefühl, das ist eine Art Krankheit. Wir sind nicht mehr in der Lage, jemanden willkommen zu heißen. Das wir sagen, setz dich mal her, erzähl mal, kriegst eine Tasse Kaffee, reden wir, schauen wir, was wir tun können … Dass das nicht geschieht, ist eine Krankheit. Da vergibt man sich ja nichts, wenn man ein wenig freundlicher ist.

Bock: Es ist halt von allen Seiten her enger geworden. Die Supermarktverkäuferin, die nebenbei putzen gehen muss, damit sie die Miete bezahlen kann. Kein Mann, nur schreiende Kinder … Das, was einmal Mittelstand war, wird immer weniger. Keine Vollzeitarbeit mehr, nur mehr Teilzeit und Betrogen-Werden von vorn bis hinten …

Bierdel: Aber nicht von den Ausländern, bitteschön.

Bock: Viele glauben genau das, dass die herkommen und unsere Arbeitsplätze wegnehmen. Der Österreicher sagt ja nicht, ich bin schuld, weil ich keine Ausbildung habe, der gibt den Fremden die Schuld, ist ja leichter.

Bierdel: Was denken Sie, wo geht das hin?

Bock: Ich weiß nicht, ich will die Sache nicht zu Ende denken. Wir müssen was verändern. Erstens muss man die Bevölkerung informieren, dass das so ist. Was die mit den Leuten aufführen, das muss, so wie das andere, das Negative, jeden Tag in der Zeitung stehen. Ich glaube nicht, dass der normale Österreicher das will. Schauen’S, wenn ein Österreicher mit einem Asylwerber im selben Haus wohnt. Der eine muss in der Früh um fünf zum Arbeiten außer Haus, der andere bleibt liegen, weil er eh nicht arbeiten darf. Der eine kommt am Abend nach Hause, ist hundemüde, da macht der andere einen Wirbel, kriegt Besuch … Dann liest der Österreicher noch in der Krone, dass die von unseren Steuergeldern leben. Dass der einen Grant kriegt, ist doch klar. Doch ich glaube sehr wohl, dass die SPÖ Stimmen gewinnen würde, wenn sie das so sagt: Wir sind zwar nicht begeistert, dass die da sind, aber sie sollen ordentlich untergebracht sein, ihr Essen haben, arbeiten dürfen, ihre Kinder in die Schule schicken – jeder würde so was unterschreiben.

Bierdel: Ich auch. Das Mindeste muss doch sein: Wer da ist, wird behandelt wie ein Mensch – das wäre schon ein schöner Fortschritt. Aber ist es richtig, wenn wir privat den Staat aus der Pflicht nehmen?

Bock: Nein, das ist falsch. Aber was soll ich sagen zu einer Familie, die zu mir kommt? Gehts mit euren sechs Kindern hinüber in den Park zum Schlafen – ich hol drei Reporter, die das fotografieren. Was nehmen die Kinder mit, bitte? Was soll aus den Kindern dann werden?

Bierdel: Aber die Idee, dass man mehr Privathaushalten erlaubt, Menschen aufzunehmen, die wird erschwert. Das unterstützen wir nicht, sagen dann die Landesbehörden. Die haben Angst davor, dass da etwas ohne sie besser funktioniert. Aber zum Schluss noch einmal zu Ihnen, Frau Bock: Warum machen Sie das überhaupt?

Bock: Weil ich einen Vogel habe!

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