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Franz Grillparzer: Zum 150. Todestag

DISKURS
Grillparzer - © Foto: gemeinfrei

"Die Jüdin von Toledo": Der Grillparzer zu 9/11

1945 1960 1980 2000 2020

Als Mahnstück über Glaubenskriege, zu Fragen von religiöser und nationaler Identität hat Stephan Kimmig Grillparzers "Die Jüdin von Toledo" am Wiener Burgtheater inszeniert.

1945 1960 1980 2000 2020

Als Mahnstück über Glaubenskriege, zu Fragen von religiöser und nationaler Identität hat Stephan Kimmig Grillparzers "Die Jüdin von Toledo" am Wiener Burgtheater inszeniert.

Es ist kein Zufall, dass das Burgtheater akkurat am 11. September die neue Saison mit Franz Grillparzers "Die Jüdin von Toledo" startet: Den Stoff aus dem 12. Jahrhundert hat Grillparzer bereits als Folie für seine Kritik an den herrschenden Zuständen im Österreich Metternichs herangezogen und ein verschlüsseltes Drama über Engstirnigkeit, Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit verfasst. Neun Jahre nach den Attentaten auf das World Trade Center inszeniert Stephan Kimmig Grillparzers Drama als Mahnstück über Glaubenskriege.

Dementsprechend beginnt der Abend vor dem Vorhang mit einem zeitgenössischen Text zum Begriff Heimat: Peter Jordan (vor allem als #Tatort#-Kommissar bekannt), der den König Alfonso verkörpert, steht an der Rampe; auf den Vorhang ist eine idyllische Berglandschaft projiziert, das vergrößerte Bild der Almblumen bewegt sich sanft zu Alfonsos Worten, der "Heimat" skandiert und es in Beziehung zu aktuellen Fragestellungen setzt.

Als sich der Vorhang hebt, zeigt Katja Haß# Bühne einen modernen Gerichtssaal, in der Mitte hängt mahnend das Signum des Christentums: das Kreuz. Nationale und religiöse Identität vor dem Volk affirmierend stellt sich König Alfonso mit Gattin Eleonore und dem Infanten an die Rampe. Doch wie inhaltsleer politische Ziele sind, zeigt die Tatsache, wie schnell diese den privaten Interessen weichen: Denn als Rahel, die Tochter des Juden Isaak, den für Juden verbotenen Ort betritt, ist Alfonso von ihrer Ausstrahlung überwältigt und wirft sämtliche Werte im Moment über Bord. Rahel, die aufgrund der Erbschaft mütterlicherseits und ihrer bemerkenswerten Schönheit übermütig wirkt, mag Diskriminierung durch antijüdische Ressentiments nicht akzeptieren.

Jordans Alfonso ist ein aalglatter Mann ohne Eigenschaften, der - als er sich bereits wieder von seinem verführerischen Spielzeug distanziert hat (denn nichts anderes bedeutet ihm die Jüdin) - zur Ordnung zurückkehren möchte. Doch Eleonore, die Caroline Peters überzeugend zwischen verkrampfter Etikette und echter Verletztheit spielt, kann die Kränkung nicht so einfach vergessen. Das #Gerümpel# Vergangenheit, wie Alfonso die Liebesgeschichte bezeichnet, lässt sich nicht von einem Moment zum anderen vergessen, und aus privater Erniedrigung werden politische Verfolgung und Mord.

Verbissene Revolutionärin im RAF-Look

Yohanna Schwertfeger ist als junge Rahel zwar überzeugend verspielt und bezaubernd, doch bleibt sie nichts anderes als ein entzückendes Bild für Männerprojektionen. Jene Anziehungskraft und betörende Stärke, die Grillparzer dieser Frauenfigur zuschrieb, lässt sie bitter vermissen. Rahels ältere Schwester Esther hat Katharina Lorenz als verbissene Revolutionärin gestaltet, die immer wieder darauf hinweist, "bewusst, zweckgerichtet zu handeln und Widerstand zu leisten".

Das ist nicht Grillparzer, sondern Dramaturgin Barbara Sommer und Kimmig haben die Rolle zur politischen Kämpferin erweitert, die im grauen Rollkragenpullover und einer dunklen, zerschlissenen Hose wie eine RAF-Terroristin aussieht. Martin Schwab ist als Vater Isaak allzu tönend, ein feiger, selbstmitleidiger Jude, der am Ende, als Rahel längst getötet wurde, nur sein im Garten vergrabenes Gold im Sinn hat.

Dazwischen stehen der aufhusserische Manrique (Bernd Birkhahn) und sein Sohn Don Garceran, den Juergen Maurer wunderbar changierend spielt. Vor allem ihm und Caroline Peters gelingt der echte Gestus, der eine gebrochene Figur erahnen lässt.

Alle anderen Figuren bieten wenig Identifikation: in diesem Fall aber eine kluge Entscheidung Kimmigs, für keinen der Charaktere Partei zu ergreifen, sondern jeden Einzelnen versponnen und selbstgerecht auf die Bühne zu stellen.

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