Mit Zettelkasten und einer scharfen Prise Witz

"Man kann nie beschreiben, was man sieht, sondern nur, was man weiß", so Friedrich Achleitner. Am 23. Mai 1930 im oberösterreichischen Schalchen geboren, begann er 1965 seine Feldforschung zur österreichischen Architektur des 20. Jahrhunderts, eine epochale baukulturelle Landvermessung und Pioniertat: Er legte einen Zettelkasten an, packte seine Kamera, fuhr Dörfer und Gemeinden ab, fotografierte und besuchte alle Bauten, die ihm besonders schienen, mehrmals. Er durchkämmte Bauämter, Bibliotheken, Archive, hob Pläne aus, machte sich ein Bild, sortierte, verglich, wog ab, fand die richtigen Worte und das passende Format. 1980 erschien endlich "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Band I (Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg)". Drei Jahre später folgte der zweite Band (Kärnten, Steiermark, Burgenland), 2010 war auch die Wien-Trilogie vollendet. "Es ist ganz angenehm, wenn so ein Marathon abgeschlossen ist", meinte er kurz nach seinem 80. Geburtstag. Weit mehr als ein Architekturführer, setzte "der Achleitner" bleibende Maßstäbe. Das klare, dreispaltige Layout von Walter Pichler und das ausgeklügelte System, die Basisinfo klassifizierend mit Beschreibung, Plänen, Abbildungen zu ergänzen, geben sofort Orientierung. Die Texte sind eine Klasse für sich. Achleitner besuchte die Abteilung Hochbau der Höheren Bundesgewerbeschule in Salzburg, wo er mit Johann Georg Gsteu, Friedrich Kurrent und Wilhelm Holzbauer eine Klasse teilte. Alle drei traf er an der Wiener Akademie der Bildenden Künste in der Meisterklasse Holzmeister wieder. 1953 bis 1958 arbeitete er mit Gsteu als Architekt: ihre Rosenkranzkirche machte Furore. Die Literatur hat ihm die "wiener gruppe" - mit H.C. Artmann, Gerhard Rühm, Konrad Bayer und Oswald Wiener - und das "literarische cabaret" zu verdanken. Achleitner schrieb einen radikal experimentellen "Quadratroman" und viele Bücher voll lautmalerischer Dialektgedichte, unorthodoxer Gedankengänge und einer scharfen Prise Witz. Zehn Jahre war er Architekturkritiker der Presse, er lehrte an der Akademie der Bildenden Künste. Seine Vorlesungen sind legendär. Am Mittwoch, dem 27. März 2019, ist Friedrich Achleitner 88-jährig in Wien verstorben.

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