Suche nach den jüdischen Stimmen

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Bei den kommunalwahlen in antwerpen stehen auch jüdische kandidaten im Blickpunkt. Derweil verschieben sich im Diamantenviertel die Machtverhältnisse.

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Bei den kommunalwahlen in antwerpen stehen auch jüdische kandidaten im Blickpunkt. Derweil verschieben sich im Diamantenviertel die Machtverhältnisse.

Claude Marinower, 63, ist ein Dauerbrenner. Seit 30 Jahren ist er in der Antwerpener Lokalpolitik aktiv. Der frühere föderale Abgeordnete in Brüssel ist einer der bekanntesten jüdischen Politiker Belgiens. Aktuell ist er Stadtrat für Bildung. Gerne würde er das auch nach den Kommunalwahlen bleiben, die in ganz Belgien am 14. Oktober stattfinden. Auf der Liste der Liberalen Partei Open VLD steht er auf Platz 3.

Marinower steht für Kontinuität in einem hektischen Wahlkampf, in dem auch die gut 20.000 jüdischen Bewohner der Hafenmetropole eine wichtige Rolle spielen. Der Kampf um die vermeintliche "jüdische Stimme" hat zu einigen Schlagzeilen geführt. Neun jüdische Kandidaten stehen auf städtischen und Distrikt-Listen zur Wahl: vier bei den Liberalen, jeweils eine bei Sozial-und Christdemokraten, zwei bei der nationalistischen Neu-flämischen Allianz (N-VA) und eine beim rechtsextremen Vlaams Belang.

Stadt als Laboratorium

Wer ihre Funktion verstehen will, muss bei derjenigen Antwerpens ansetzen. Claude Marinower erklärt das so: "Diese Stadt gilt als Laboratorium. Was in Flandern oder Belgien passiert, geschieht zuerst in Antwerpen. Alle neuen Bewegungen nahmen hier ihren Ausgang. Die Wahlen in diesem Jahr stehen im Blickpunkt, weil Bürgermeister Bart De Wever auch Vorsitzender der N-VA, der stärksten Partei Flanderns ist. Darum ist Antwerpen ein Test für die föderalen Wahlen im Mai."

Zentrale Themen sind Mobilität und Sicherheit. Letzteres ist zumal im jüdischen Quartier um Hauptbahnhof und Stadtpark bedeutend. "Schon seit den Bombenanschlägen der 1980er sind die Sicherheitsvorkehrungen hoch. Die Terrorgefahr der letzten Jahre und der Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel verstärkten diesen Zustand noch. Dass die flämisch-nationalistische N-VA dabei ist, den Liberalen den Rang abzulaufen, liegt nicht zuletzt daran, dass sie sich als verlässliche Beschützerin der jüdischen Bevölkerung darzustellen weiß.

Das Werben um Antwerpens Juden wirkt arithmethisch gesehen eher unverhältnismäßig: "Wenn wir die Minderjährigen abziehen, und diejenigen, die nicht belgisch oder nicht registriert sind, schätze ich, es geht um neun-oder zehntausend Stimmen", so Marinower. "Aber man scheint zu hoffen, hier die eineinhalb oder zwei Prozent zu holen, die am Ende den Unterschied machen können."

Vor allem die christdemokratische CD&V hat diesbezüglich keine Mühen gescheut: mit Aron Berger präsentierte man den ersten chassidischen Kandidaten der Antwerpener Geschichte, der dann im Eiltempo zurücktrat, weil seine Weigerung, Frauen die Hand zu geben, unvermittelbar war. Umstritten ist auch seine Nachfolgerin, die 23-jährige Pädagogin Rezi Friedman. Was wiederum an ihrem Vater Moshe Friedman liegt: der notorische Antizionist, einst Teilnehmer einer Teheraner Konferenz von Holocaust-Leugnern, gilt in Antwerpen als Paria.

Dass sich andere Parteien um jüdische Kandidaten bemühen, hat vermutlich mit dem Beispiel André Gantmans zu tun. Der 68-Jährige saß in den 1990ern für die Liberalen als Schöffe im Stadtrat. Nach einem Korruptionsfall trat er zurück. Bei den letzten Kommunalwahlen 2012 zauberte die N-VA ihn als Kandidaten aus dem Hut - ein Schachzug von Parteichef Bart De Wever, mit dem Gantman befreundet ist. Nach dem Erdrutschsieg der N-VA wurde De Wever Bürgermeister, und Gantman die Personifizierung des besonderen Bemühens um Antwerpens Juden.

Grundsatz-Entscheidungen

Eine "bescheidene" Rolle habe er in dieser Strategie gespielt, räumt Gantman ein. Näher beschreiben will er sie nicht. Gesprächiger ist er, wenn es um aktuelle Wahlkampf-Themen geht, vor allem "Sicherheit und Diversität. In Antwerpen mit all den verschiedenen Nationalitäten geht es um eine grundsätzliche Entscheidung: Entweder bleibt jeder in seiner Ecke, oder alle fügen sich in den Rahmen fundamentaler Werte der Aufklärung".

Diese Diskurse zeigen, was so manche jüdische Wähler zur N-VA bringt. Die Rechnung aber ist nicht vollständig ohne einen zentralen Aspekt. Als Sammelbecken flämischer Nationalisten ist die Partei auch mit deren ideologischen Rändern konfrontiert. Vor allem die Kollaboration der flämischen Bewegung mit den deutschen Besatzern ist im jüdischen Antwerpen nicht vergessen. Der N-VA jedoch steht sie nicht mehr im Weg, seit sich Bart De Wever vor einigen Jahren öffentlich dafür entschuldigte. Eine "Zäsur" nennt Gantman diesen Schritt. Für ihn ist die Partei damit entlastet. "Denn eine Initiative De Wevers ist eine Initiative der Partei", bemerkt er feinzüngig.

Auch Tatjana Scheck ist eine jüdische Kandidatin -nur dass sie sich nicht als solche profiliert. Bekannt ist die Violinistin, die ihre eigene Musikschule betreibt, für ihr Engagement auf Gebieten wie Jugend, Kunst und Kultur, was ihr den 5. Listenplatz der Partei sp.a eingebracht hat. Einst galten die Sozialdemokraten als Integrator, wo Minderheiten sich repräsentiert fühlten. Was die Juden Antwerpens angeht, sind diese Zeiten vorbei. Nahostkonflikt, Islam-und Integrationsdiskurse haben das Verhältnis belastet. "Eine sehr komplexe Geschichte", bemerkt die Kandidatin. "Linke Parteien in Europa sehen zu oft nur eine Seite des Nahost-Konflikts. Komplex ist das auch für mich persönlich: meine Familie mütterlicherseits wohnt in Israel. Meiner Partei ist wichtig, mit mir jemanden zu haben, die das nuanciert ausdrückt. Ich sehe die jüdische Gemeinschaft als erste migrantische Gemeinschaft dieser Stadt. Seitdem sind viele dazugekommen, die friedlich nebeneinander leben."

Das New York-Modell

Tatjana Scheck, Mitte 40 und seit 15 Jahren Parteimitglied, sieht sich in der Nachfolge jener Sozialdemokratie, die Juden im letzten Jahrhundert ein politisches Zuhause bot. Wobei sie just nicht auf partikuläre ethnische Bindungen setzt, sondern auf Gleichheit und Partizipation. "Ich sehe mich als Kandidatin eines vielfarbigen, superdiversen Antwerpen. Wir wollen eine Art New Yorker Modell, mit Raum für die Festtage jeder Gruppe, statt sie gegeneinander auszuspielen."

Der Seitenhieb gegenüber der N-VA ist unmissverständlich. Der wirft Tatjana Scheck vor, auf der anti-muslimischen Welle zu reiten. Dass es bei manchen Muslimen auch in Antwerpen antisemitische Tendenzen gibt, "dürfen wir nicht kleinreden". Die rechten Ränder der N-VA aber will sie ebensowenig vernachlässigen. Zuletzt wurden einige junge Kandidaten von Wahllisten gestrichen, die der identitären flämischen Jugend-Bewegung "Schild &Vrienden" angehörten. Die Parteispitze distanzierte sich. Bei Tatjana Scheck aber bleiben Zweifel: "Da stelle ich mir doch ein paar Fragen, wenn ich De Wever bei der Shoah-Gedenkfeier mit einer Kippa sehe."

Melting Pot Antwerpen Über 172 Nationalitäten sind in Antwerpen, einer Stadt von gerade einmal 500.000 Menschen, vertreten. Die jüdische Gemeinde hat heute etwa 20.000 Mitglieder.

Werben um Antwerpen Tatjana Scheck tritt für die flämischen Sozialdemokraten an und sieht sich als Vertreterin eines superdiversen Antwerpen, das Anleihen an New York nimmt.

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