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Verschwunden und präsent

Als 93-Jährige lebt Ilse Aichinger, wahrscheinlich die letzte große Nachkriegsdichterin, in Wien. Eine Kinogeherin und Stadtflaneurin blieb sie bis ins hohe Alter. Legendär ihr wöchentlicher Besuch des "Dritten Mannes", den sie für einen der besten Filme hält. Und der von einer Zeit oder auch den Folgen einer Zeit erzählt, von der auch die Aichinger nicht loskommen kann und will.

Christine Nagels Film "Wo ich wohne", eine geniale Assoziation an den gleichnamigen Kurzprosatext der Autorin, ist eine berührende Hommage an Ilse Aichinger. Die Autorin, die hinter ihren Texten verschwinden will, kommt auch im Film nicht im Bild vor, außer in alten TV-Aufnahmen. Aber über ihre Stimme wie über ihre Texte ist sie präsenter als im Bild. Außerdem montiert Nagel Super-8-Filme, die die Aichinger in den 1960er- und 1970er-Jahren selber gedreht hat, in den Film hinein. Leibhaftig anwesend hingegen ist Helga Aichinger-Michie, Ilses Zwillingsschwester, die es 1938 mit einem Kindertransport nach England geschafft hat, während Ilse mit ihrer jüdischen Mutter in Wien überleben musste. Erstmals zitiert der Film auch aus dem Briefwechsel zwischen Helga und Ilse in den letzten Kriegs-und ersten Nachkriegsjahren.

Überleben und Heimatlosigkeit

Das Überleben, die Heimatlosigkeit, die Heimatstadt, die zur Fremde geworden ist, sind die Themen, die Aichingers Schreiben bestimmt haben. Motive der Erzählung "Wo ich wohne" werden von Schauspielern nachgestellt und fügen sich perfekt ins filmische Konzept: Wie sich die Wohnung der Protagonistin der Erzählung, zweifelsohne ein Alter Ego Ilse Aichingers, sich vom 1. Stock ins Souterrain "verflüchtigt", ist nur eine der Metaphern, mit denen Christine Nagel in ihrem Film arbeitet. Sie kommt ihrer Autorin auf ihre Weise nahe. Und wie.

Wo ich wohne

A 2014. Regie: Christine Nagel. Mit Ilse Aichinger, Helga Michie, Verena Lercher. Stadtkino. 81 Min.

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