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Feuilleton

Von Ikonen, Mamis & Kätzchen

1945 1960 1980 2000 2020

Marlene Streeruwitz geht in ihrem dritten Roman Spuren Anna Mahlers in Los Angeles nach.

1945 1960 1980 2000 2020

Marlene Streeruwitz geht in ihrem dritten Roman Spuren Anna Mahlers in Los Angeles nach.

Im Windschatten der Künstlermuse Alma Mahler-Werfel gibt es auch noch eine Tochter, die Bildhauerin Anna, ruhmlos, sanft gehüllt in die Patina eines Glanzes, der vom Vater Gustav Mahler rührt. Der neue Roman der österreichischen Autorin Marlene Streeruwitz ist der Versuch, den Spuren Anna Mahlers in ihrer Exilstadt Los Angeles nachzugehen. Eigentlich hätte ursprünglich eine Biografie daraus werden sollen. Streeruwitz recherchiert selbst in L.A., wohin Anna während der Nazizeit emigrierte. Das Abtragen biografischer Indizien schlägt schließlich um in die Erkenntnis, daß fremdes Leben nie objektiv vermessen werden kann, das Projekt also scheitern muß. In der Nachwelt verarbeitet sie die Rohstoffe dieser Entstehungsgeschichte zum Reisebericht, montiert das damals entstandene Gesprächsmaterial in den Text und macht einen Liebe-Abschied-Neubeginnprozeß zum Herzblut des Romans.

Margarethe Doblinger reist also für zehn Tage nach L.A., in eine Stadt mit Palmenkulisse, Möwengeschrei und Giftsprayaktionen. L.A. ist auch eine Stadt der Emigranten. "Angeweht. Angespült. Und es nie wieder ganz geworden." Assimilation als Versuch, das Gefühl des Schmerzes bleibt. Wir haben es hier zu tun mit Interviews, Strandspaziergängen, Einkäufen, Cafebesuchen, Alltäglichem. Da sind der kranke Regisseur Joseph Albrecht, der sich sehnsüchtig Bahlsen-Kekse wünscht, die lungenleidende Freundin Manon, der skurrile Nachbar und Pistolenbesitzer Pete, der alte Komponist Ernst Krenek, Studenten, Freunde. Sie alle erzählen auch über sich und formen zugleich mit am Mythos Anna. Streeruwitz tastet in den diffusen biografischen Bröseln nach Fragen, kratzt an der perfekten Ikone, der es trotz eigener künstlerischer Arbeit nicht gelingt, sich über "eingestanzte Grenzen" hinauszuschwingen. Streeruwitz bringt den Mythos sacht zum Tropfen, zeigt das Dilemma der schönen, stilisierten Frau. "Vitrinenexistenz eines vergangenen Jahrhunderts" nennt sich das. Anna sucht ihre Identität in der Bildhauerei, anders als die Mutter, die "immer nur sich zum Einsatz gehabt und nichts geleistet, was außerhalb Bestand hatte". Aber auch Anna, die in Elias Canettis Augenspiel zur bodenlosen Tiefe ihrer Augen zusammenschrumpft, zimmert sich in ihre Rolle ein. Die Avantgarde lehnt sie ab. Ihr künstlerischer Horizont umfaßt das Timbre einer "konservativen Rebellin", höchstes Ideal ist die "Schönheit der Statue". Anna, die Unglückliche, die Rastlose, die sich täglich über Leere und Weltschmerz hinwegsetzen muß. Selbst ihre Kinder hat sie nie "als Teil ihres Lebens" begriffen.

Diese Reise Margarethes verbindet Streeruwitz mit dem Ichwerdungsprozeß ihrer Protagonistin. In der Analyse ihrer Situation landet sie plötzlich bei sich selbst. Freund Helmut hat kurz vor dem Abflug abgesagt. Eine mißglückte Liebesreise wird zum Ablösungsakt. Schön langsam erschließt sich Margarethe in diesem Fluidum von Gefühlen der Subtext ihres Beziehungslebens. Das Ausspülen der Erinnerungen versteigt sich zu fruchtbringender Reflexionsarbeit. Schwenks zurück in die Kindheit erhellen, machen transparent. Der Weichzeichner fehlt. Auch hier zeigt Streeruwitz ein luftiges Imaginationspanorama weiblicher Existenzrinnsale. Von der versorgenden, Hemden bügelnden Mami bis zum kuscheligen Kätzchen. Margarethe ist "krisensüchtig" und eine "Avantgarde der Ehrlichkeit". Bis jetzt gab es kein "Frau-Sein", denn sie bestand bloß "aus Accessoires." Obwohl Margarethe-Gretel-Margaux nur "Trümmer rund um sich" registriert, kristallisiert sich aus dem emotionalen Scherbenhaufen so etwas wie eine identitätsstiftende Komponente heraus, die wie ein Magnet Teile zum Ganzen fügt und ein Ich zuläßt.

Streeruwitz läßt sich nicht ein auf die sanfte Tour der Kompromisse. Das untermauert auch ihre Sprachästhetik. Poröse Sätze, oft nur ein Wort, unvollständig, ein Faible für Grammatikrisse. Ihre Sprache kommt ohne Maschen und Rüschen aus und wird von einem höchst eigenwilligen poetischen Puls getragen. Nie eintönig oder kraftlos, vielmehr ein permanenter Sog.

Bereits in ihren früheren Romanen "Verführungen" und "Lisa's" Liebe hat die Autorin treffsicher und souverän in die Alltäglichkeit weiblicher Erfahrungsreservoirs gegriffen und assoziativ nüchterne Bewußtseinsbänder dazugeschaltet. Bestechend tarieren sie den Zusammenhang aus zwischen sozialer Realität und schablonenhafter Verortung von Weiblichkeit. Streeruwitz konzentriert sich auf die Fallen im Leben einer Frau, schreibt dazu den Soundtrack der Erkenntnismatrix. Interessant ist dabei die Frage nach dem Blickwinkel, aus dem heraus sich Aus- und Aufbrüche realisieren lassen. Irgendwann haben ihre Figuren in den Schlaglöchern des Lebens den nötigen Rückenwind. Auch Margarethe kann also beruhigt heimfahren, das Mitbringsel für die Tochter im Koffer gut verstaut.

Nachwelt - Ein Reisebericht. Roman von Marlene Streeruwitz S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1999 400 Seiten, geb., öS 291,-/E 21,14

Im Windschatten der Künstlermuse Alma Mahler-Werfel gibt es auch noch eine Tochter, die Bildhauerin Anna, ruhmlos, sanft gehüllt in die Patina eines Glanzes, der vom Vater Gustav Mahler rührt. Der neue Roman der österreichischen Autorin Marlene Streeruwitz ist der Versuch, den Spuren Anna Mahlers in ihrer Exilstadt Los Angeles nachzugehen. Eigentlich hätte ursprünglich eine Biografie daraus werden sollen. Streeruwitz recherchiert selbst in L.A., wohin Anna während der Nazizeit emigrierte. Das Abtragen biografischer Indizien schlägt schließlich um in die Erkenntnis, daß fremdes Leben nie objektiv vermessen werden kann, das Projekt also scheitern muß. In der Nachwelt verarbeitet sie die Rohstoffe dieser Entstehungsgeschichte zum Reisebericht, montiert das damals entstandene Gesprächsmaterial in den Text und macht einen Liebe-Abschied-Neubeginnprozeß zum Herzblut des Romans.

Margarethe Doblinger reist also für zehn Tage nach L.A., in eine Stadt mit Palmenkulisse, Möwengeschrei und Giftsprayaktionen. L.A. ist auch eine Stadt der Emigranten. "Angeweht. Angespült. Und es nie wieder ganz geworden." Assimilation als Versuch, das Gefühl des Schmerzes bleibt. Wir haben es hier zu tun mit Interviews, Strandspaziergängen, Einkäufen, Cafebesuchen, Alltäglichem. Da sind der kranke Regisseur Joseph Albrecht, der sich sehnsüchtig Bahlsen-Kekse wünscht, die lungenleidende Freundin Manon, der skurrile Nachbar und Pistolenbesitzer Pete, der alte Komponist Ernst Krenek, Studenten, Freunde. Sie alle erzählen auch über sich und formen zugleich mit am Mythos Anna. Streeruwitz tastet in den diffusen biografischen Bröseln nach Fragen, kratzt an der perfekten Ikone, der es trotz eigener künstlerischer Arbeit nicht gelingt, sich über "eingestanzte Grenzen" hinauszuschwingen. Streeruwitz bringt den Mythos sacht zum Tropfen, zeigt das Dilemma der schönen, stilisierten Frau. "Vitrinenexistenz eines vergangenen Jahrhunderts" nennt sich das. Anna sucht ihre Identität in der Bildhauerei, anders als die Mutter, die "immer nur sich zum Einsatz gehabt und nichts geleistet, was außerhalb Bestand hatte". Aber auch Anna, die in Elias Canettis Augenspiel zur bodenlosen Tiefe ihrer Augen zusammenschrumpft, zimmert sich in ihre Rolle ein. Die Avantgarde lehnt sie ab. Ihr künstlerischer Horizont umfaßt das Timbre einer "konservativen Rebellin", höchstes Ideal ist die "Schönheit der Statue". Anna, die Unglückliche, die Rastlose, die sich täglich über Leere und Weltschmerz hinwegsetzen muß. Selbst ihre Kinder hat sie nie "als Teil ihres Lebens" begriffen.

Diese Reise Margarethes verbindet Streeruwitz mit dem Ichwerdungsprozeß ihrer Protagonistin. In der Analyse ihrer Situation landet sie plötzlich bei sich selbst. Freund Helmut hat kurz vor dem Abflug abgesagt. Eine mißglückte Liebesreise wird zum Ablösungsakt. Schön langsam erschließt sich Margarethe in diesem Fluidum von Gefühlen der Subtext ihres Beziehungslebens. Das Ausspülen der Erinnerungen versteigt sich zu fruchtbringender Reflexionsarbeit. Schwenks zurück in die Kindheit erhellen, machen transparent. Der Weichzeichner fehlt. Auch hier zeigt Streeruwitz ein luftiges Imaginationspanorama weiblicher Existenzrinnsale. Von der versorgenden, Hemden bügelnden Mami bis zum kuscheligen Kätzchen. Margarethe ist "krisensüchtig" und eine "Avantgarde der Ehrlichkeit". Bis jetzt gab es kein "Frau-Sein", denn sie bestand bloß "aus Accessoires." Obwohl Margarethe-Gretel-Margaux nur "Trümmer rund um sich" registriert, kristallisiert sich aus dem emotionalen Scherbenhaufen so etwas wie eine identitätsstiftende Komponente heraus, die wie ein Magnet Teile zum Ganzen fügt und ein Ich zuläßt.

Streeruwitz läßt sich nicht ein auf die sanfte Tour der Kompromisse. Das untermauert auch ihre Sprachästhetik. Poröse Sätze, oft nur ein Wort, unvollständig, ein Faible für Grammatikrisse. Ihre Sprache kommt ohne Maschen und Rüschen aus und wird von einem höchst eigenwilligen poetischen Puls getragen. Nie eintönig oder kraftlos, vielmehr ein permanenter Sog.

Bereits in ihren früheren Romanen "Verführungen" und "Lisa's" Liebe hat die Autorin treffsicher und souverän in die Alltäglichkeit weiblicher Erfahrungsreservoirs gegriffen und assoziativ nüchterne Bewußtseinsbänder dazugeschaltet. Bestechend tarieren sie den Zusammenhang aus zwischen sozialer Realität und schablonenhafter Verortung von Weiblichkeit. Streeruwitz konzentriert sich auf die Fallen im Leben einer Frau, schreibt dazu den Soundtrack der Erkenntnismatrix. Interessant ist dabei die Frage nach dem Blickwinkel, aus dem heraus sich Aus- und Aufbrüche realisieren lassen. Irgendwann haben ihre Figuren in den Schlaglöchern des Lebens den nötigen Rückenwind. Auch Margarethe kann also beruhigt heimfahren, das Mitbringsel für die Tochter im Koffer gut verstaut.

Nachwelt - Ein Reisebericht. Roman von Marlene Streeruwitz S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1999 400 Seiten, geb., öS 291,-/E 21,14