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Feuilleton

Gegen Abhängigkeiten kämpfen

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Marlene Streeruwitz’ neuer Roman "Nachkommen“ durchforstet die Mechanismen des Literaturbetriebs. Dabei formuliert sie ein Bekenntnis zum Widerspruch und zum Ausscheren aus normierten Strukturen.

Ein Interview mit dem 3sat-Sender auf der Frankfurter Buchmesse. Verweigerung der Smokey-eyes und der Inszenierung. Verwirrende Fragen der Journalistin und eine kategorische Antwort: "Ich lehne jede Verantwortung für alle diese Erbschaften ab, mit denen ich belastet werde. Jede Verantwortung.“ Diesen Satz aus ihrem gerade erschienenen Roman "Nachkommen“, der kürzlich auch in einem realen 3sat-Porträt zitiert wird, sieht die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz vielleicht paradigmatisch für die Botschaft, die sie ihrem Text mit großem Nachdruck eingeschrieben hat. Ihre Protagonistin Nelia formuliert hier ein klares Bekenntnis zum Widerspruch, zum Einspruch, zum Ausscheren aus den zur Normalität gewordenen Gesellschaftsordnungen und Strukturen, die auf den Säulen von Ungerechtigkeit gebaut sind. Dieser Satz ist eigentlich sogar ein Aufruf zum Ungehorsam, weil es darum geht, der falschen Freiheit zu entsagen und sich dem "Instrument der Unterwerfung“ zu widersetzen.

Vielschichtige Themen

Bequem sind Marlene Streeruwitz’ Werke sicher nicht. Zerstreuungsliteratur schon gar nicht. Als sie in den Neunzigern an die literarische Öffentlichkeit getreten ist, ist sie mit ihrer radikalen Revision patriarchal etablierter Weiblichkeitsentwürfe bekannt geworden. Immer wieder hat Streeruwitz mit ihrem Blick für Zumutungen der Gesellschaft polarisiert. Ihr Zugang zum Schreiben funktioniert über Ideologie- und Gesellschaftskritik, die sie auf der Metaebene schonungslos entblößt.

Der Plot ihres jüngsten Romans speist sich aus einem Bündel von Themen, die alle auf ihre Weise vielschichtig angelegt sind. Im Mittelpunkt steht die junge Autorin Nelia Fehn. Nach dem Tod ihrer Mutter, einer Schriftstellerin, kümmert sich der Großvater um sie. Nun ist er tot. Vor dem Begräbnis nimmt sie von ihm Abschied und fährt nach Frankfurt. Man hat ihr Romandebüt für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Hier kommt Nelia quasi das erste Mal mit den Facetten des Literaturbetriebs in Berührung, hier trifft sie ihren Vater, den sie bisher noch nicht kennen gelernt hat. Und rund um diese Tage, die minutiös und zeitdehnend geschildert werden, geht es auch noch um Politik, um Armut, um die Krise und eine Liebe in Griechenland.

Streeruwitz verknotet hier souverän verschiedene inhaltliche Ebenen. Zum einen geht es um die Familiengeschichte einer jungen Erwachsenen, die noch immer um die Mutter trauert und in deren Familie sie als uneheliches Kind - ganz abgesehen von den ideologischen Gräben - keinen Halt findet. Der Vater, ein Professor, war nie präsent. Als sie ihm in Frankfurt zum ersten Mal begegnet, brennen sich die kühlen Worte "Ich habe kein Kind gewollt“ unauslöschlich in ihr Gedächtnis ein. "Für ihn hätte sie in der Möglichkeitsform bleiben sollen.“ Nelia kann diesem Fremden keinen Platz mehr in ihrem Leben geben, ihm keinesfalls Rechte zugestehen. An der Person ihres Vaters wird ihr die patriarchale Ordnung nur noch einmal mehr bewusst: "Dieser Mann als Bienenkönigin umgeben von den treuen Arbeitsbienen.“ Für jede Lebenslage die passende Frau, "Vertraute“, die als "Verstärkermedium ... für seine Männlichkeit“ fungieren. Bloß ihre Mutter war eine Ausnahme: "Deine Mutter konnte man nicht verlieren. Sie hat einem nie gehört, und das war ihr sehr ernst damit. Mit ihrer Unabhängigkeit.“

Inszenierter Literaturbetrieb

Zum anderen geht es aber um den Literaturbetrieb. Schon Gstrein oder Glavinic haben ihn in ihren Werken thematisiert. Streeruwitz’ Ansatz ist jedoch insofern anders, als sie die Sicht einer jungen, unerfahrenen Autorin präsentiert, die als Newcomerin vermarktet und zugleich als solche schubladisiert wird. Auf diese Weise entlarvt sie das festgezurrte perfide System der Abhängigkeiten samt Werbung, Mäzenatentum, Literaturkritik, Machtgehabe und Hierarchien, in das die Jungen zwischen Auftauchen und Verschwinden von Anfang an eingespannt sind: "Systeme als Ausdruck von Interessenslagen. Wie man aufgehängt war. In den Strukturen. Eingehängt. Eingeordnet“, weiß Marios, Nelias griechischer Freund. Die Verleihung des Deutschen Buchpreises mutiert zu einer Veranstaltung, zu der die große Inszenierung gehört: Fotos, Reden, Videos und die demütigende, vergebliche Hoffnung zwischen Entblößung und Scham. Dann noch der Trubel um die Buchmesse, die Erkenntnis, dass "Literatur nicht gelesen“ wird und dass Geld an allen Ecken und Enden fehlt.

Nelia wächst als spröde Protagonistin in den Roman hinein. Sie ist anders, unzugänglich, eckt an und reagiert nicht so, wie es ihre Umwelt von ihr erwartet. Aus persönlicher Überzeugung verweigert sie ihre Einbindung in das neoliberalistische Marktsystem. Literatur als "Suche nach dem Lebendigen“. "Das ist doch so eine antistatistische Maßnahme. Eine antidatensammlerische Maßnahme. Da verbinden sich Daten zu einer konkreten Geschichte und nicht zu einer Tabelle. Literatur kann der Person gerecht werden.“ Das ist Nelias Ansatz, der zugleich ihr Scheitern am System unweigerlich besiegelt.

Poetik der Kürze

In das letzte Kapitel spinnt Streeruwitz die Betrachtung des dreiteiligen Griselda-Gemäldes eines unbekannten Meisters aus der Zeit der Renaissance, das Nelia erneut zu einem Reflexionsprozess anstößt. Griselda ist eine Figur aus Boccaccios "Decameron“, die man grausamen Prüfungen unterzieht, um ihren Gehorsam auf die Probe zu stellen. Streeruwitz plant ein größeres Griselda-Projekt, das sie Stefan Gmünder so erklärt hat: "Es geht ... um die Frage, worin sich überall Gehorsam versteckt. In der Treue zum Beispiel, in den ganzen beruflichen Eigenschaften, die wir im Sinne der Selbstoptimierung mitbringen sollen. Auch sie sind auf Gehorsam aufgebaut. Das heißt, es geht um eine innere Militarisierung, die nicht weniger dicht ist als jene Mitte des 19. Jahrhunderts. Nur ist sie anders geschichtet und stellt sich als kleine Freiheit dar.“

Sprachlich zeigt Marlene Streeruwitz wieder ihre subtile Poetik der Kürze, die Literaturszenerie im bekannten Stakkato-Stil. Ihre schlichten abgehackten Sätze, ihre Vorliebe für poröse und brüchige Satzstrukturen sind bereits zu ihrem Markenzeichen geworden. Überhaupt sind ihr Schablonen jeder Art zuwider. Unruhe und Verweigerung versus Assimilation stilisiert Streeruwitz zum Subtext. Je länger ihre Protagonistin in diesem System ausharrt, desto deutlicher wird ihr bewusst, dass sie wieder herausmuss. Scharfsinnig, breit angelegt in der Kritik und angriffig wie immer präsentiert sich dieser neue Roman. Im Herbst folgt das Debüt ihrer Protagonistin. Marlene Streeruwitz als Nelia Fehn. Über die Liebe und die Krise. Sicher ein spannender Coup.

Nachkommen

Von Marlene Streeruwitz S. Fischer 2014

432 Seiten, gebunden, e 20,60