Digital In Arbeit

Zuwendung am heißen Draht

Die Telefonseelsorge Wien hat seit 35 Jahren rund um die Uhr ein offenes Ohr für Menschen in Krisensituationen.150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen sich Zeit für ein klärendes Gespräch - und hüten sich vor Ferndiagnosen.

Druck ablassen - Tag und Nacht, kostenlos und anonym: Mehr als 100.000 Mal pro Jahr nützen Hilfesuchende in ganz Österreich diese Möglichkeit und wählen die Notruf-Nummer 142 der Telefonseelsorge. Mehr als 30.000 Mal läutet allein in der Wiener Dependance am Stephansplatz das Telefon. Dort wechseln einander 150 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab - und hören erst einmal zu. "Wir verstehen uns als Stelle, wo Menschen anderen Menschen begegnen", erklärt Dora Stepanek, die zusammen mit Beowulf Moser die Wiener Telefonseelsorge leitet. Erst vor wenigen Tagen feierte die Einrichtung, die gemeinsam von der katholischen und evangelischen Kirche getragen wird, ihr 35-jähriges Bestehen.

Warum man sich nicht als bloßes "Sorgentelefon" versteht, sondern tatsächlich als seelsorglicher Dienst, ist für die diplomierte Sozialarbeiterin schnell erklärt: "Es geht uns um die Hinwendung zum ganzen Menschen - ganz im Sinne Jesu." Diese bewusste Zuwendung ist auch das Herzstück jener psychotherapeutischen Methode, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern - immerhin 80 Prozent von ihnen sind Frauen - im Rahmen ihrer einjährigen Ausbildung vermittelt wird: die personzentrierte Psychotherapie nach Carl Rogers. "Es ist wichtig, den Anderen mit seinem Wertesystem zu akzeptieren und sich durch Empathie in ihn hineinzufühlen, als ob man er wäre", beschreibt Stepanek eine Grundhaltung der Telefonseelsorger. Freilich sei es dabei wichtig, authentisch zu bleiben und in keine fremde Rolle zu schlüpfen. Für diese Haltung hat Rogers den Fachterminus der "Kongruenz" geprägt. Nicht zuletzt müsse man sich vom Irrglauben verabschieden, dem anderen gute Ratschläge erteilen zu können, betont Stepanek im Gespräch mit der Furche: "Ich bin nicht die Expertin für das Leben des Anderen, sondern er oder sie ist es."

Kein Psychotherapie-Ersatz

Diese Eckpfeiler der Gesprächsführung zu verinnerlichen, sei das Ziel der Mitarbeiter-Ausbildung, die zur Gänze von der Telefonseelsorge getragen wird. Eine Psychotherapie könne und wolle man durch ein solches Gespräch aber niemals ersetzen, so Stepanek. "Wir sind aber ein Türöffner und fragen manche Anrufer, ob sie nicht schon daran gedacht haben, einen Therapeuten oder eine Therapeutin aufzusuchen." Primär gehe es darum, für Menschen in Krisensituationen ein erster Ansprechpartner zu sein.

Dass es in unserer Gesellschaft gerade an dieser Zuwendung mangelt, zeigt die Statistik der Wiener Telefonseelsorge: Mehr als die Hälfte der Anrufer, genau 57 Prozent, lebt allein. Kein Wunder, dass das Thema Einsamkeit in vielen Telefonaten zur Sprache kommt. Am häufigsten greifen die Anrufer jedoch wegen akuter oder chronischer Beziehungsproblemen zum Hörer. Ebenso sind Depressionen und Ängste ein häufiges Gesprächsthema. Immer öfter würden auch Probleme am Arbeitsplatz thematisiert, erklärt Dora Stepanek: "Viele haben Angst, ob sie den steigenden Anforderungen gewachsen sind. Hier nimmt der Druck zu - gerade unter jüngeren Leuten."

Auch wenn die Zahl der Gespräche mit Menschen in akuten Krisen mit zwölf Prozent eher gering ist, so sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier besonders gefordert - zumal, wenn Suizidgedanken geäußert werden. Supervision sei hier unerlässlich, so Stepanek. Sie selbst kann sich an so manches erschütternde Telefonat erinnern: etwa an das Gespräch mit einer Alkoholikerin, die gerade einen Entzug durchlebte und jene Probleme, deretwegen sie zu trinken begonnen hatte, noch massiver durchlitt; oder an den Anruf einer 50-jährigen Frau, die das Gefühl hatte, in der Pflege ihrer Mutter aufgerieben zu werden. "Das ist ein Problem, wo man es sich sogar verbietet, den eigenen Freunden davon zu erzählen. So etwas darf' einen gar nicht frustrieren", schildert Stepanek diesen psychodynamischen Teufelskreis. Während Frauen sich in solchen Situationen eher einer unbekannten Stimme am Telefon anvertrauen, sind Männer noch zurückhaltender. Die Statistik belegt diese Verschlossenheit: Nur 34 Prozent der Anrufe kommen von Männern.

Hilfeschrei per E-Mail

Gerade für sie und für Jugendliche hat man seit November 2001 ein neues Angebot: Seelsorge im Internet. Unter www.telefonseelsorge.at haben sie die Möglichkeit, sich ihre Sorgen völlig anonym von der Seele zu schreiben. Bisher fanden immerhin 380 E-Mails den virtuellen Weg ins Haus am Stephansplatz. Tendenz steigend.

Informationen bei der Telefonseelsorge Wien unter

(01) 512 52 24.

Notruf-Nummer: 142 (österreichweit),

E-Mail-Beratung: www.telefonseelsorge.at

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau