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Literatur

IN SCHWEBE, IM FLUSS

1945 1960 1980 2000 2020

PETÉR ESTERHÁZY SPIELT IN SEINEM NEUEN ROMAN RAUSCHHAFT MIT IDENTITÄTEN.

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PETÉR ESTERHÁZY SPIELT IN SEINEM NEUEN ROMAN RAUSCHHAFT MIT IDENTITÄTEN.

"Das bin ich, in Anführungsstrichen, ich bin meine Reisebeschreibung, mein romanhafter Lebenslauf (in dem ich auch Rechenschaft darüber gebe, wie oft der Held in seinen Träumen gestorben ist) ... Keiner schreibt, was er ist, sondern was er gern wäre." So beginnt der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy sein neues Buch "Esti", das er keiner Textsorte explizit zugeordnet hat, aber einem Helden, dem "einzigen Helden" dieses Bandes, nämlich Kornel Esti, verschrieben hat. Mit dieser Eröffnung steckt Esterházy gleich zu Beginn wesentliche Koordinaten dieser fiktionalen Reise ab. Man weiß, dass mit diesem Protagonisten nichts festgelegt ist, quasi alles in Schwebe, im Fluss, dass alles unendlich ist, wie ein großer Rausch, ein schillerndes Hologramm, "eine schwermütige Dämmerung","eine glückliche Stunde".

Moderne Figur

Péter Esterházy gilt heute als einer der arriviertesten europäischen Autoren und wurde vielfach ausgezeichnet. Besonderes Interesse hat seine Auseinandersetzung mit der ungarischen Geschichte und seiner eigenen Familie in "Harmonia Caelestis" geweckt. Mit seinem neuen Prosatext begibt er sich, wenn auch völlig anders, auf Spurensuche und verankert sich in der literarischen Tradition. Denn "Esti" ist gewissermaßen als Hommage an den ungarischen Autor Deszö Kosztolányi zu verstehen, mit dem ihn, wie er in einem 3sat-Interview bekennt, eine "lange Geschichte als Leser" verbindet. Dessen Romanfigur Kornel Esti sieht er als "schwer definierbare, sehr moderne Figur, die mit den Identitäten spielt". Und gerade darin zeigt sich für Esterházy auch das Potential für die Gegenwart.

Geschichte wird hier keine erzählt. Denn Esti - dieser Name ist übrigens auch der einstige Spitzname des Autors selbst - ist alles und nichts, auf jeden Fall nicht fassbar. Abgesehen davon, dass Esti als kurzberockte Studentin auftaucht, die das Spiel "Ultimo" wie Männer beherrscht, als einfaches Bauernhofhuhn oder Karpfen, hat er wie der Autor selbst auch eine Affinität zu Büchern und zur Sprache. Sein "Paradies ist eine Bibliothek", er macht sich Gedanken über den Roman ("aufgeregt träumten wir vom absoluten Roman, vom totalen Roman, vom Minimumroman, vom stummen Roman, vom narrationslosen Roman (Pityus Idee!)"), widersetzt sich dem Englischen, und das trotz der neun Sprachen, die er beherrscht, weil er glaubt, dass der Vornehme nur eine Sprache verwenden soll.

An anderer Stelle erzählt Esti wiederum ganz Prosaisches. Die Rede ist von seinem ersten Fahrrad samt riesengroßer Freude und Stolz, als ihn plötzlich jemand anspricht, um es sich kurz auszuborgen. Nur mit Staunen kann er feststellen, wie es für immer in der Unendlichkeit verschwindet. Später läuft Esti einmal einem Dieb hinterher, der einer Frau mit Kind die Börse entwendet hat. Die Verfolgung wächst sich zu einer spektakulären Abenteuerjagd aus. Der Dieb will die Beute schließlich mit ihm teilen, doch Esti flieht damit. Als er sie zurückbringen will, kann er den Namen der Besitzerin nicht eruieren, in der Brieftasche sind keine Papiere, nur Geld.

Radikales Experiment

Esterházy hat sich hier an ein radikales Experiment gewagt. Einerseits erdet er seinen Text mit der Anknüpfung an die literarische Tradition der Moderne - sein Buch ist ein wahres intertextuelles Feuerwerk -, andererseits treibt er ein wildes, gefinkeltes Spiel mit literarischen Mustern und Genres, durchbricht Erwartungshaltungen und Strukturen zwischen Tod und prallem Leben. Weisheiten und Abgründe sind in diesem Buch verborgen, man muss es langsam lesen, in Etappen, um einen Zipfel dieses diffusen Lebens zu erhaschen.

Esti

Roman von Péter Esterházy. Übersetzt von Heike Flemming. Hanser Berlin 2013.368 S., geb., € 25,60