"Nur die Toten haben recht"

"Dossier K." von Imre Kertész - Spitzentitel der ORF-Bestenliste im Dezember.

Aus meiner Geschichte erfahre ich nicht, was mit mir geschehen ist: doch das wäre nötig", schrieb Imre Kertész in seinem Roman Liquidation. Darum weigert er sich konsequent, einfach nur seine Geschichte zu erzählen - auch im Dossier K., das sich auf den ersten Blick als Interview gibt. In der Vorbemerkung notiert Kertész, es gehe auf ein Gespräch mit seinem Freund und Lektor Zoltán Hafner zurück; die Angabe, dass Hafner den vorliegenden Text redigiert hat, entfällt aus unerfindlichen Gründen in der deutschen Ausgabe. Der vorliegende Text ist auf jeden Fall Prosa von Imre Kertész in Form eines Selbstgesprächs. Er selbst verweist auf die Platonischen Dialoge, aus denen Nietzsche den Roman herleitet, und meint, der Leser habe eigentlich einen Roman in der Hand.

Dieser Roman bewegt sich entlang der Grenze von Autobiografie und Fiktion, sie ist die Schnur, an der die einzelnen Perlen dieses Selbstgesprächs aufgefädelt sind. Wo diese Grenze liegt, wird schon auf den ersten Seiten angesprochen: "Der wesentliche Unterschied besteht ... darin, daß die Fiktion eine Welt erschafft, während man sich in der Autobiografie an etwas, das gewesen ist, erinnert." Und, wie Kertész weiter schreibt: "Die Welt der Fiktion ist eine souveräne Welt, die im Kopf des Autors geboren wird und den Gesetzen der Kunst, der Literatur gehorcht." Dossier K. räumt dem autobiografischen Erinnern viel Platz ein und macht deutlich, wie sehr Kertész in den Romanen den Stoff des eigenen Lebens "verwertet", das heißt in die Fiktion eingeschmolzen hat.

Aus der Roman-Welt von Kertész kommend, erfährt man im Dossier K., wie sein Leben an vielen Stellen von den Romanen abweicht. Aber Dossier K. ist dennoch keine Autobiografie. Kertész verweigert sich ihr aus vielen guten Gründen: zum einen, weil er sich nicht mehr in die früheren Erlebnisse hineinversetzen kann. "Ich habe angefangen einzusehen, dass ich meine Jugendzeit nie mehr verstehen werde", schreibt er. Gerade auch die Verarbeitung früherer Erlebnisse in den Romanen hat eine Distanz zu diesen Erlebnissen bewirkt. Außerdem will Kertész keine banalen Veteranengeschichten des Überlebens erzählen.

Der tiefere Grund, warum sich Kertész der Autobiografie verweigert, liegt jedoch darin, dass diese immer suggeriert, das einzelne Leben entwickle sich zielgerichtet. Und gerade das ist für einen KZ-Überlebenden unerträglich. Für Kertész ist klar: Wenn er die eigene Rettung als rational betrachtet, müsste er auch die Idee der Vorsehung akzeptieren. "Wenn aber die Vorsehung rational ist, warum hat sie sich dann nicht auch auf die übrigen sechs Millionen ausgedehnt, die umgebracht worden sind?" Diese unbeantwortbare Frage hat Konsequenzen für die Romane von Kertész wie für seine Ablehnung einer Autobiografie: "Jede einmalige Geschichte ist Kitsch, weil sie sich dem Gesetzmäßigen entzieht. Jeder einzelne Überlebende zeugt von einer Betriebspanne. Nur die Toten haben recht, sonst niemand."

Auschwitz als Kulturbruch

Dossier K. zeigt noch einmal, dass Kertész nicht seine private Überlebensgeschichte zu Romanen verarbeitet hat, sondern den Bruch, den Auschwitz für die europäische Kultur bedeutet. Oder, wie es im Dossier K. lapidar heißt: "Anscheinend kommt man rasch bei der Frage des Mordes an, wenn man über Kultur und europäische Wertordnung zu sprechen beginnt."

Für jeden Kertész-Leser ist Dossier K. unentbehrlich. Aber nicht, weil hier der Vorhang ein Stück weit zur Seite geschoben und einige Einblicke in das Privatleben des Autors möglich werden oder Bruchstücke seiner Familiengeschichte auftauchen. Das Buch ist kein Interview, keine Autobiografie und schon gar keine Einführung in sein Werk; es setzt vielmehr dessen Lektüre voraus. Aber es legt Hintergründe des Werkes von Kertész frei, wie sie in dieser Form noch nie zutage getreten sind, auch nicht in seinen Essays oder im Galeerentagebuch.

Wenn das Buch eines Nobelpreisträgers gleichzeitig die ORF-und die SWF-Bestenliste führt, steht der Verdacht im Raum, die Kritiker scheuten das Risiko und feiern einen Berühmten. Doch die glasklare und so ironische wie hartnäckige Ermittlung, die Imre Kertész in eigener Sache ohne jede Koketterie führt, hat diese Entscheidung mehr als verdient.

Dossier K.

Eine Ermittlung

Von Imre Kertész. Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm.

Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006, 238 Seiten, geb., e 20,50

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