Ausgangspunkt Auschwitz

Nobelpreis für den mitteleuropäisch-jüdischen Autor Imre Kertész.

Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an den Ungarn Imre Kertész. Die Schwedische Akademie begründete ihre während der Frankfurter Buchmesse bekannt gegebene Entscheidung damit, dass der Autor in seinem Werk die "Zerbrechlichkeit des Einzelnen in einem barbarischen Geschichtsverlauf" zeige.

"Das ist eine große Anerkennung für mich und bedeutet vielleicht auch, dass ich jetzt ein etwas ruhigeres Leben führen kann, jedenfalls finanziell, ich bin jetzt in Sicherheit, jedenfalls in dieser Hinsicht", sagte Kertész in einer ersten Stellungnahme. Einen Teil des Preisgeldes will er dem Wissenschaftskolleg Berlin spenden, wo er derzeit an einem neuen Buch mit dem Titel "Liquidation" arbeitet, in dem er sich mit der Zeit der Wende im ehemaligen Ostblock beschäftigt.

Der 1929 in einer jüdischen Familie in Budapest geborene Autor hat über seine Zeit als junger Häftling in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald den "Roman eines Schicksalslosen" (deutsch 1996) geschrieben, an dem er mehr als ein Jahrzehnt gearbeitet hat. Dass darin der KZ-Alltag aus der Perspektive eines ganz jungen Mannes beschrieben wird, hat keine autobiographischen Gründe, sondern gab Kertész die Möglichkeit, mit diesem naiven Blick die zahlreichen Deutungen zum Schweigen zu bringen, die sich vor den Holocaust geschoben haben, die historische Distanz verschwinden zu lassen und so ganz unmittelbare Irritationen zu erzeugen. Ausgangspunkt für Kertész war: "Wer aus dem KZ-Stoff literarisch als Sieger hervorgeht, lügt und betrügt todsicher." Das wendet sich auch gegen die engagierte, moralisierende Literatur, die mit der Erzeugung von gutem Gewissen zur Verdrängung beiträgt, wie im Schlusskapitel des Romans in der Begegnung mit einem Journalisten deutlich wird. Wer den Schrecken konsumierbar macht oder benutzt - und sei es mit den besten Zielen - und in Sinnsysteme integriert, vergeht sich noch einmal an den Toten.

In Ungarn wurde der Roman zuerst nicht gedruckt und dann totgeschwiegen, erst über den Umweg der deutschen Übersetzung wurde Kertész zu einem international anerkannten Autor. Kertész verändert Stil und Erzählweise von Buch zu Buch. "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" (dt. 1992) ist der bedrängende Monolog eines Holocaust-Überlebenden, der sich weigert, jemandes Vater zu sein, neues Leben in die Welt zu setzen - durchzogen mit variierten Fragmenten aus Paul Celans Gedicht "Todesfuge". Zusammen mit dem Roman "Fiasko" (dt. 1999), der die Ablehnung des ersten Werkes thematisiert, bilden die beiden Bücher eine "Trilogie der Schicksallosigkeit".

Kertész, für den die Lektüre des "Fremden" von Camus ein literarisches Initiationserlebnis war, schreibt bewusst eine Literatur aus der Perspektive der Opfer. Darum - und nicht aus religiösen Gründen - ist ihm sein Jude-Sein wichtig. Sein "Galeerentagebuch" reflektiert diese Position und gehört zu den bedeutendsten Aufzeichnungen von Schriftstellern. Kertész reflektiert das 20. Jahrhundert radikal und konsequent von Auschwitz her, wie besonders seine großen Essays unter dem Titel "Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt" (dt. 1999) deutlich machen. Die Erfahrung des Vernichtungslagers bildet den Horizont seines unermüdlichen Nachdenkens.

Nach dem Studium wurde Kertész 1948 Redakteur bei einer Tageszeitung, die bald zu einem kommunistischen Parteiorgan mutierte, was seine Entlassung zur Folge hatte. In den fünfziger Jahren schlug er sich mit publizistischen Gelegenheitsarbeiten durch, bevor er anfing, Boulevardstücke zu verfassen. Gleichzeitig begann die Arbeit am großen Roman.Viele Jahre hat sich Kertész seinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit Übersetzen verdient. Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Hugo von Hofmannsthal, Elias Canetti, Ludwig Wittgenstein, Joseph Roth, Arthur Schnitzler und andere hat er ins Ungarische übertragen. Österreich ist ihm nahe, wie nicht zuletzt die Wien-Reminiszenzen des Bandes "Ich, ein anderer", seines vielleicht persönlichsten Buches, zeigen. Cornelius Hell

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau