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Der Geist von Auschwitz

Zum 75. Geburtstag des ungarischen Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész: wichtige Interpretationen und ein Roman von 1977 erstmals auf Deutsch.

Imre Kertész ist nicht nur der Autor bedeutender Romane, sondern einer der großen künstlerischen und denkerischen Deuter der Gegenwart - der Welt nach Auschwitz. Zu seiner radikalen Konzentration auf Auschwitz schrieb er: "Das Überleben ist nicht nur das persönliche Problem der Überlebenden, die langen, dunklen Schatten des Holocaust legen sich über die gesamte Zivilisation, in der er geschah und die mit der Last und den Folgen des Geschehenen weiterleben muss", schrieb Kertész.

Der Schatten des Holocaust

Unter dem Titel "Der lange, dunkle Schatten" liegen nun Studien ungarischer Literaturwissenschaftler zu seinem Werk vor. Sie sind umso wichtiger, als im deutschen Sprachraum bislang noch kaum grundlegende Interpretationen seines Werkes geschrieben wurden. Um den Bedeutungsreichtum und die besondere Art der Darstellung des "Roman eines Schicksallosen" auszuloten, kommt man an diesem Band nicht vorbei. Ebenso interpretiert werden zwei andere Romane der Auschwitz-Tetralogie von Kertész, "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind" und "Fiasko" sowie sein "Galeerentagebuch" - Aufzeichnungen der Jahre 1961-91. Kertész wird im Rahmen der Weltliteratur gedeutet - zu Recht kommen Franz Kafka, Thomas Mann, Albert Camus und Jean Améry immer wieder vor.

Leider fehlen einige literarische "Ahnen" (vor allem Hermann Broch) und findet der 2003 erschienene Roman "Liquidation" in diesem Buch noch keinen Widerhall; er schreibt die Auschwitz-Romane von Kertész in die postkommunistische Gegenwart weiter und schafft durch die zahlreichen Selbstzitate auch eine neue Perspektive für das Verständnis des gesamten Werkes.

Eine Stärke ist die Verortung in der ungarischen Literatur, wobei für den deutschsprachigen Leser vor allem die Verbindungen zur großen Wiederentdeckungen Sándor Márai von Interesse sind. Wer Auschwitz in christlichem Horizont reflektiert, findet im Vergleich mit dem Schriftsteller János Pilinszky, einem Katholiken, reiches Denk-Material. Angesprochen werden auch unfassbare antisemitische Angriffe, denen Kertész in Ungarn in den 1990er Jahren ausgesetzt war und die zu seinem Austritt aus dem Schriftstellerverband führten. Wichtiger für das Verständnis seiner Literatur sind jene Hintergründe, die sich nur aus dem ungarischen Kontext erschließen, vor allem eine radikale Ironie. Darüber sowie über die "Erzählbarkeit" von Auschwitz oder die Bedeutung von "Schicksallosigkeit" bei Kertész oder seine Sicht auf das Individuum gibt dieser Band, der freilich eine Freude an der "Anstrengung des Begriffs" und gewisse literaturwissenschaftliche Kenntnisse voraussetzt, reiche Auskunft.

Schreiben im Kommunismus

Rechtzeitig zum Geburtstag des Nobelpreisträgers wurde auch ein 1977 erschienener Roman auf den deutschen Markt gebracht - ein "Gelegenheitswerk", das Kertész in zwei Wochen niederschrieb, wie er im Vorwort zur deutschen Ausgabe angibt, da sonst sein Roman "Der Spurensucher" (enthalten im Prosaband "Die englische Flagge") aus Mangel an Umfang nicht hätte erscheinen können.

Die "Detektivgeschichte" spiegelt die Arbeitssituation von Kertész wider - in der kommunistischen Diktatur über eine andere Diktatur zu schreiben. Er verlegte die Handlung in ideologisches "Feindesland" - eine imaginäre Diktatur Lateinamerikas -, ließ im Hintergrund jedoch die Fäden erkennen, durch die sie mit dem eigenen Land verknüpft ist.

Der Polizist Antonio Rojaz Martens, der von der Kripo kam und als Folterer "Karriere" gemacht hat, sitzt nach der Entmachtung des Terror-Regimes im Gefängnis und hat die Möglichkeit zu schreiben. Um diese Situation zu verdeutlichen, greift Kertész in die bewährte literarische Trick-Kiste: der Anwalt von Martens fungiert als Herausgeber der Aufzeichnungen. Wie im "Roman eines Schicksallosen" das naive Opfer spricht, um das Vorwissen des Lesers und die gängigen Deutungen von Auschwitz aufzubrechen, spricht hier der naive Täter. Auch dabei wird sichtbar, wie das Morden institutionalisierbar ist und wie schnell es die Maske der Legalität annehmen kann.

Am Fall des jungen Enrique Salinas, der als Student gegen das System rebellieren will und dessen Tagebuch ihm in die Hände fiel, bekennt Martens seine Untaten. Auch das Groteske aller Diktaturen rückt ins Bild: Enrique hat dem Regime gar nicht geschadet, sein Vater hat nur das Netz eines fiktiven Widerstands aufgebaut, um ihn so von tatsächlichen Widerstands-Aktionen abzuhalten. Aber da der Schuldige eines Terror-Regimes nun einmal schuldig sein muss, um das Regime und seine Büttel nicht zu desavouieren, werden Vater und Sohn gefoltert und hingerichtet.

Mechanismen der Diktatur

Die Funktion einer Diktatur, gespeist aus dem reichen biografischen "Anschauungsmaterial" von Kertész, wird - ebenso konkret wie parabelhaft - literarisch durchsichtig. Dass das Kertész in dieser aus dem Ärmel geschüttelten Geschichte, wie er sie selbst im Vorwort bezeichnet - nicht auf demselben Niveau und mit demselben quälenden Erkenntnisgewinn gelang wie in seinem Jahrhundertwerk "Roman eines Schicksallosen", war zu erwarten. Im Unterschied zu dessen Erzähler György Köves ist die Figur des Folterpolizisten Martens nicht entwicklungsfähig und mit der Aufgabe, die Mechanismen einer Diktatur zu entlarven, überfordert. Doch Imre Kertész ist nun einmal ein Autor, von dem man alles lesen will, was er geschrieben hat. Und der Abstand dieses bei allen Einwänden doch lesenswerten Buches macht noch einmal den Rang deutlich, den sein Hauptwerk einnimmt.

Der lange, dunkle Schatten

Studien zum Werk von Imre Kertész Hrsg. von Mihály Szegedy-Maszák und Tamás Scheibner. Passagen Verlag,

Wien 2004, 376 Seiten, geb., e 45,30

Detektivgeschichte

Von Imre Kertész. Aus dem Ungarischen von Angelika und Peter Máté. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2004, 138 Seiten, geb., e 13,30

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