Konrad - © Foto: AFP Photo / BELGA Photo / Reic Lalmand
Nachruf

Einer, der nicht dazugehören wollte

1945 1960 1980 2000 2020
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Eigentlich hätte er allen Grund gehabt, verbittert durchs Leben zu gehen. Den Nationalsozialismus überlebte er, den die Nazis seiner jüdischen Herkunft wegen gerne ermordet hätten, gemeinsam mit seiner Schwester im Verborgenen. Mit dem sozialistischen Staat, zu dem Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde, stand er als Kritiker autoritärer Zustände im Dauerkonflikt. Für ihn als Schriftsteller hatte das verheerende Folgen, wurde ihm doch über Jahre ein Publikationsverbot auferlegt. Weder verbohrte sich György Konrád in Zorn noch in Resignation, die Idee von einem Ende nationalistischer Hybris und die Hoffnung auf die Durchsetzungskraft der Demokratie wurden zu Triebfedern seines Schreibens. In Essays hat er sich ausgiebig über ein Europa der Vernunft Gedanken gemacht. Als Romancier beschäftigte ihn der Einzelne im Widerstreit mit einem politischen System, das einem jeden die Luft zum Atmen raubt. Im persönlichen Umgang erwies er sich als überaus höflicher Gesprächspartner, der den Austausch von Gedanken suchte. Er trat nicht herrisch in Erscheinung, um seinen Anliegen Durch­schlagskraft zu verleihen, dafür war er viel zu neugierig auf die Meinung von anderen. Er bekämpfte dogmatische Haltungen und hütete sich, selbst dogmatisch zu werden.

Einige seiner Bücher zählen zum Grundbestand neuer ungarischer Literatur. Nach Lektüre des Romans „Der Stadtgründer“ von 1975 lässt sich erahnen, warum die Obrigkeit mit Konrád nichts zu schaffen haben wollte. Er nahm sich heraus, eine Welt zu zeichnen, in der nach einer Hochwasserkatastrophe die Macher das Sagen haben und alles tilgen, was ihrem technokratischen Vorhaben im Wege steht. Formal erinnert gar nichts an die Vorgaben des sozialistischen Realismus, Vorbilder zu schaffen. In späten Romanen bediente sich Konrád autobiografischer Motive. In „Glück“ (2001) erzählt er seine Überlebensgeschichte im Dritten Reich. Der Roman „ Sonnenfinsternis auf dem Berg“ (2003) schildert seine eigene Entwicklung bis zur Jahrtausendwende. Zu sehen ist ein ewiger Kritiker, der sich nicht gern vereinnahmen lässt, sein eigenes Ding macht und den dafür der Bannstrahl der Ächtung trifft.
Am Freitag ist György Konrád in Budapest verstorben.