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Wo die Ausbeutung beginnt

Die Frage, ab wann man von Kinderarbeit sprechen kann und welche Formen der Kinderarbeit verboten werden sollten, ist höchst umstritten. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) definiert die Altersgrenze für Kinderarbeit mit 15 Jahren, die UN-Kinderrechtskonvention mit 18 Jahren. Dabei unterscheidet die ILO zwischen "child work", einfachen Hausarbeiten mit Lernwert, und "child labour", der ausbeuterischen Kinderarbeit in Minen, mit Chemikalien und Pestiziden in der Landwirtschaft oder mit gefährlichen Maschinen.

Kinderarbeit kommt laut Unicef besonders in Asien, im Pazifikraum und in Afrika vor. In absoluten Zahlen sind die meisten Kinderarbeiter zwar in Asien zu finden, doch ihr relativer Anteil ist in Afrika südlich der Sahara am höchsten. Dort finden sich 21 Prozent aller weltweit arbeitenden Kinder. Nach Angaben der ILO arbeiten derzeit weltweit 168 Millionen Mädchen und Buben. Davon arbeiten rund 60 Prozent der Kinder in der Landwirtschaft an der Seite ihrer Eltern. An zweiter Stelle folgt der sogenannte informelle Sektor, also die Arbeit ohne feste Anstellung auf Märkten, im Straßenverkauf oder in den Haushalten. Nur jedes fünfte arbeitende Kind übt eine bezahlte Tätigkeit aus.

Unrealistische Ziele

Insgesamt erfasst die Statistik Kinder unter 18 Jahren, die gefährliche Tätigkeiten ausführen, sowie unter 14-oder 15-Jährige, die mehr als 14 Stunden pro Woche arbeiten. Zwischen 2008 und 2012 ist die Zahl der Kinderarbeiter weltweit demnach um rund ein Drittel gesunken. Das von der ILO festgelegte Ziel, bis 2016 die schlimmsten Formen der Kinderarbeit zu beseitigen, scheint nicht erreichbar. Ebenso unrealistisch ist das Vorhaben, bis 2020 jegliche Art der Kinderarbeit aus der Welt zu schaffen. Die Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes tritt für "würdige Arbeit" ein, bei der Kinder entsprechend ihrem Alter und ihren Fähigkeiten mitarbeiten.

Die europaweite Kampagne "Make Chocolate Fair!" setzt sich für die Umsetzung des bereits bestehenden, strengen Verbots ausbeuterischer Kinderarbeit im Kakaoanbau ein (at.makechocolatefair.org). Als Ursache für das Phänomen ausbeuterischer Kinderarbeit und des Einsatzes von Kindersklaven gilt der rapide Preisverfall mit der Öffnung der Märkte in den Anbauländern seit den 1980er-Jahren. Seither hat die neokapitalistische Marktkonzentration auf Seiten der Abnehmer stark zugenommen. Im Falle der Kakaoproduktion vereinen die Abnehmer der Bauern -also Kakaomühlen und Schokoladenerzeuger sowie Supermärkte -87 Prozent der Wertschöpfung, wohingegen den Kakaobauern als letztes Glied der Kette gerade einmal sechs Prozent der Wertschöpfung bleiben.

Bessere Preise für kleine Bauern

Laut einer Studie der Tulane University in den USA gibt es in Ghana und der Elfenbeinküste, den Hauptanbauländern von Kakao, zwei Millionen Kinderarbeiter, davon sind über eine halbe Million von Ausbeutung und Versklavung betroffen. "Die Hebel zur Verbesserung liegen in der Erhöhung der Ab-Hof Preise, der Sensibilisierung der Bauern bezüglich Kinderarbeit und staatlichen Kontrollen zur Einhaltung des Verbots von ausbeuterischer Kinderarbeit", sagt Bernhard Zeilinger von der Entwicklungspolitik-Organisation Südwind. Konsumenten von Schokolade sollten auf Gütesiegel wie Fairtrade, UTZ oder Rainforest Alliance achten, um sicher zu gehen, dass es zu keiner ausbeuterischen Kinderarbeit in der Zulieferkette kam. Leider befinden sich auf den wenigstens Schokoladeprodukten Angaben zu den Produktionsbedingungen, weshalb in diesen Fällen mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, dass hier Ausbeutung - auch von Kindern - im Spiel ist.

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