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Schokolade - bitter produziert

Juli 2013. In der Elfenbeinküste greift die Polizei einen Autokonvoi mit 750 Personen auf, darunter 200 Kinder. Er kommt von Burkina Faso und ist unterwegs in die Kakaoanbau-Regionen der Elfenbeinküste. Die Annahme liegt nahe, dass die Menschen auf Kakaoplantagen eingesetzt werden sollen.

Der Hintergrund: Wie eine Erhebung der US-amerikanischen Tulane Universität ergab, sind rund eine Million Kinder in Ghana und 820.000 Kinder in der Elfenbeinküste auf Kakaoplantagen im Einsatz. Großteils unter Bedingungen, die laut Bestimmungen der International Labour Organization (ILO) und der UN-Kinderrechtskonvention verboten sind.

40 Prozent der weltweit verkauften Kakaobohnen werden allein in der Elfenbeinküste produziert. Auch in Ländern wie Nigeria, Gabun oder dem Kongo steht Kinderarbeit in der Kakaoproduktion auf der Tagesordnung. Die Kinder werden ihren Familien von Menschenhändlern entrissen und gezwungen, unter menschenverachtenden Bedingungen zu arbeiten. Sie sind tagtäglich chemischen Spritzmitteln ausgesetzt, da industrielle Kakao-Monokulturen sehr anfällig für Schädlinge sind. Und nicht nur in der Kakaoproduktion sind Kinder im Einsatz: Laut UNICEF werden weltweit 158 Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren gezwungen zu arbeiten. In Textilfabriken, Steinbrüchen oder auf Plantagen sind viele von ihnen gesundheitsschädlichen Bedingungen ausgesetzt.

Produzenten verpflichten sich

Großkonzerne wie Nestlé oder Kraft Foods (Milka, Nussini) beziehen ihre Rohstoffe von der Elfenbeinküste. Auf den wenigsten Schokoladeprodukten finden sich Angaben über die Produktionsbedingungen. "Aufgrund der Intransparenz entlang der Wertschöpfungskette können wir nicht ausschließen, dass Schokolade-Unternehmen die Ausbeutung von Kindern bewusst in Kauf nehmen“, kritisiert Bernhard Zeilinger, Leiter der Südwind-Kampagne "Make Chocolate Fair!“.

Bereits 2001 haben die weltgrößten Schokoladeproduzenten auf massiven Druck der Zivilgesellschaft das Harkin Engel Protokoll unterzeichnet und sich damit verpflichtet, Maßnahmen gegen Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen zu setzen. Hintergrund war die Veröffentlichung einer Studie der UNICEF und des U.S. State Departments, welche unzählige Fälle von versklavten Kindern aus Mali, Burkina Faso und Togo auf Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste und Ghana öffentlich machte. "Trotz der Unterzeichnung des Abkommens wurden seitdem kaum Anstrengungen unternommen, der Kinderarbeit vorzubeugen“, meint Zeilinger. Die erste Frist im Jahr 2005 wurde nicht eingehalten und auf 2008 verschoben, um dann erneut um drei weitere Jahre verlängert zu werden. Zwar hat die Weltkakaostiftung der "Bill & Melinda Gates Stiftung“ gemeinsam mit 14 Schokoladeunternehmen im Februar 2010 das Programm "Lebensgrundlage Kakao“ gegründet, um die Lebensverhältnisse von 75.000 ivorischen Kleinbauern bis 2014 zu verbessern. "Wichtiger wäre jedoch, dass die Unternehmen die Rückverfolgbarkeit ihrer Kakaobohnen gewährleisten“, kritisiert Zeilinger.

Sinkende Erträge, Perspektivenlosigkeit und Abwanderung in die Städte zwingen die Konzerne, zu reagieren: "Es wird immer weniger Kakao angebaut, gleichzeitig kann der steigende Bedarf an Kakaobohnen kaum noch gedeckt werden“, erklärt Gerhard Riess von der Gewerkschaft PRO-GE.

Mit fairen Löhnen Rohstoff sichern

"Zur Sicherung des Kakaos müssten die Konzerne rasch handeln und den Kakaobauern faire Bezahlung und soziale Arbeitsbedingungen garantieren. Ausbeutende Kinderarbeit muss ein für alle Mal beendet werden“, sagt der Gewerkschafter. "Wenn Bauern fair bezahlt werden, sind sie nicht mehr gezwungen, ihre Kinder einzusetzen“, ergänzt Zeilinger.

Nichtregierungsorganisationen aus 16 EU-Ländern, darunter auch Fairtrade und Greenpeace, fordern in einer Petition Schokoladeunternehmen dazu auf, für faire Arbeitsbedingungen und nachhaltigen Kakaoanbau zu sorgen. Kakaobauern sollen für ihre Produkte faire Preise gezahlt bekommen, die Plantagenarbeiter existenzsichernde Löhne. Das Verbot von ausbeutender Kinderarbeit soll bedingungslos eingehalten werden, die ökologisch-nachhaltige Landwirtschaft unterstützt und die Zulieferkette unabhängig kontrolliert werden.

Bereits erfüllt werden all diese Voraussetzungen von Produkten, die das Fairtrade-Gütesiegel tragen. Sie werden nach den internationalen Standards der Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) hergestellt und gehandelt. Die Richtlinien verbieten unter anderem Zwangsarbeit und ausbeutende Kinderarbeit. Im Handel legt die FLO faire Mindestpreise fest, die die durchschnittlichen Produktionskosten decken. Zusätzlich nutzen die Produzenten nachhaltige Anbaumethoden, über 75 Prozent der Fairtrade-Produkte sind bereits Bio. Für Bioanbau und Sozialprojekte bekommen die Unternehmen eine Prämie. Fairtrade setzt Standards für bessere Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern und fördert die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Unternehmer.

Achtung bei Gütesiegeln

Zu weiteren Zertifikaten zählt UTZ, das sich von einem Wort der Maya ableitet und so viel wie "gut“ bedeutet. Auch UTZ-zertifizierte Produkte sind mit nachhaltig produziertem Kakao, unter fairen Arbeitsbedingungen und ohne Kinderarbeit entstanden. Die Arbeiter werden im Umgang mit Pestiziden, Düngemitteln oder Sicherheitsstandards geschult. Damit ein Kakao-Produkt das UTZ-Siegel erhält, müssen allerdings lediglich 30 Prozent des Kakaos aus UTZ-zertifizierter Herkunft stammen. Wenn das Logo auf die Rückseite einer Schokoladen-Verpackung gedruckt ist, müssen gar nur weniger als 30 Prozent des Kakaos UTZ-zertifiziert sein.

Ähnliches trifft auf das Rainforest Alliance-Siegel zu. Das Verbot von Kinderarbeit ist auch hier Voraussetzung für das Zertifikat, bei den Produkten stammen jedoch nur 30 Prozent der Inhaltsstoffe aus zertifizierten bäuerlichen Betrieben. Zum Vergleich: Fairtrade-Schokolade besteht zu 100 Prozent aus zertifiziertem Kakao.

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