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Eine Chance für die Dritte Welt

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Die Armut von Kleinbauern in den Ländern des Südens ist bedrückend, der massive Einsatz von Pestiziden verursacht Gesundheitsprobleme und ökologische Schäden. Fairer Handel soll nun einen Ausweg aus der Armutsspirale bringen.

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Die Armut von Kleinbauern in den Ländern des Südens ist bedrückend, der massive Einsatz von Pestiziden verursacht Gesundheitsprobleme und ökologische Schäden. Fairer Handel soll nun einen Ausweg aus der Armutsspirale bringen.

Für viele Österreicher ist die belebende Tasse Kaffee zum Frühstück unverzichtbar. Wer denkt aber dabei schon daran, daß der Genuß oft ein sehr einseitiger ist? Denn für die Ernte und Weiterverarbeitung von Kaffeebohnen in den Ländern des Südens bekommen die dort ansässigen Kleinbauern meist nur einen Hungerlohn. Das Einkommen einer achtköpfigen Familie in Zentralamerika beträgt gerade einmal 800 Schilling pro Jahr. Der Speiseplan besteht aus Reis, Bohnen und Maisfladen, mehr können sich die Bauern nicht leisten. Sie leben in ärmlichen Verhältnissen, klagen über Gesundheitsschäden, verursacht durch Pestizide und sind nicht selten Opfer von Spekulanten auf dem internationalen Börsenmarkt.

Grund genug für "TransFair", einem gemeinnützigen Verein zur Förderung des fairen Handels mit Ländern des Südens, hier regulierend einzugreifen. Die Devise: sozial und ökologisch verantwortlich handeln. 1993 in Österreich gegründet, ist die Geschichte des nun fünfjährigen Bestehens von TransFair eine Erfogsstory.

"Angefangen hat alles mit vielen guten Wünschen," erzählt Helmut Adam von TransFair von den Anfängen bei einer Pressekonferenz in Wien. "Jetzt sind wir ein fester Bestandteil der Wirtschaftsrealität geworden."

Über 2.000 Geschäfte in ganz Österreich führen bereits Produkte mit dem Gütesiegel von TransFair. Damit werden Bauern in Afrika, Asien und Lateinamerika faire Preise garantiert, deren Einkommen dadurch um das Vierfache steigt. "Das ist immer noch nicht viel, es reicht aber für ein bescheidenes Leben in Würde. Die Familien werden satt, die medizinische Versorgung ist gewährleistet und die Kinder können zumindest die Grundschule besuchen," erzählt Adam von seinen Besuchen vor Ort.

28 Organisationen aus den Bereichen Entwicklungspolitik, Soziales, Bildung und Umwelt und kirchliche Einrichtungen - etwa der Katholische Familienverband der Erzdiözese Wien und die Caritas - unterstützen den gemeinnützigen Verein Mittlerweile sind die Kaffee- und Teeprodukte nicht nur in Ökoläden erhältlich. Auch Supermärkte, Gastronomiebetriebe, Büros und Kantinen bieten immer öfter die sozial gerechten Lebensmittel an.

TransFair stellt dabei die Kontakte mit der Wirtschaft her. So gibt es Kooperationen mit renommierten österreichischen Markenartikel wie J. Hornig, Julius Meinl, Zumtobel, Teekanne und Milford.

Gut eine Million Kaffeepackungen mit dem Gütesiegel werden pro Jahr in Österreich verkauft, die Hälfte davon ist Bio-Kaffee.

Auch für Staatssekretärin Benita Ferrero-Waldner, zuständig für die österreichische Entwicklungszusammenarbeit, ist die Unterstützung des fairen Handels ein besonderes Anliegen: "Es kann uns nicht egal sein, unter welchen Umständen unsere Konsumgüter entstehen. Gerechtigkeit und eine Chance auf eine menschenwürdige Existenz müssen gefördert werden. Und TransFair erreicht mit seinem Modell der modernen Entwicklungszusammenarbeit direkt die sozial schwache Bevölkerung. Wenn sich auch noch die Interessen der Wirtschaft mit sozialen und ökologischen Interessen decken, dann kann man das nur befürworten," so Ferrero-Waldner.

Hilfe zur Selbsthilfe Die Entwicklungszusammenarbeit, so die Staatssekretärin, habe bereits einen langen Weg hinter sich. Vom einfachen Geldfluß für karitative Projekte und kurzfristiger Hilfe ist man abgegangen. Der Schwerpunkt liegt heute bei der Hilfe zur Selbsthilfe, die Nachhaltigkeit und langfristige Erfolge gewährleisten soll.

Helmut Adam ist stolz auf die "Brückenfunktion" von TransFair: "Vielen Bauern in südlichen Ländern, die auf den Dörfern die Früchte ihrer Arbeit für wenig mehr als Nichts an lokale Zwischenhändler abgeben mußten, konnten wir das Tor zum Markt öffnen." Heute verkaufen weit über eine halbe Million Kleinbauern ihre Produkte direkt an die Importeure und Verarbeiter in Europa.

Gudrun Berger, Geschäftsführerin von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, betont, daß fairer Handel besonders Kindern in der Dritten Welt zugute komme. "1,3 Milliarden Menschen leben unter der Armutsgrenze, das heißt, sie müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Die Hälfte davon sind Kinder. Daher müssen wir soziale und ökologische Aspekte zu Grundprinzipien des wirtschaftlichen Handelns machen." Ein wesentliches Ziel sei, so Berger, die Öffentlichkeit zu mobilisieren und eine moralische Verantwortung bei Produzenten und Konsumenten zu schaffen.

Fairer Handel sei schon alleine deshalb notwenig, meint die Unicef-Mitarbeiterin, da sich die Einkommensschere zwischen Armen und Reichen immer weiter öffnet. War das Einkommen der Reichen 1960 im Schnitt "nur" 30mal höher, beträgt das Verhältnis heute eins zu 79. Gute Preise für landwirtschaftliche Produkte aus dem Süden könnten dazu beitragen, dieses Ungleichgewicht zu verringern.

Obwohl das TransFair Gütesiegel selbst kein Öko-Siegel ist, fördert der Verein gezielt umweltverträgliche Anbaumethoden und die Vermeidung von Pestiziden. Kleinbauern von Tee, Kakao und Kaffee bekommen, wenn sie die Auflagen des kontrolliert ökologischen Anbaus erfüllen, zusätzlich Geld.

Viele Produkte entsprechen aber bereits den strengen EU-Kriterien über biologischen Anbau. So etwa der Kaffee Organico aus Mexiko, unangefochtener Marktführer auf diesem Gebiet. Die ökologische Komponente des fairen Handels spielt für Jean-Marie Krier von der privaten Entwicklungszusammenarbeit für die Dritte Welt (EZA) in Bergheim, Salzburg zunehmend eine zentrale Rolle. Die EZA engagiert sich bereits seit 20 Jahren gemeinsam mit den Weltläden für den fairen Handel und ist "Geburtshelferin" von TransFair in Österreich. Krier: "Neben dem sozialen Aspekt tritt immer stärker die ökologische Verantwortung in den Vordergrund, denn der biologische Anbau ist für die Lebenssituation der Produzenten im Süden wesentlich besser. Wo mit viel Chemie gearbeitet wird, klagen die Bauern über massive Gesundheitsbeeinträchtigungen." Ein Handel, der nur auf soziale Fairness zielt, greife zu kurz, so Krier.

Das Konzept des fairen Handels kommt bei den Produzenten in den Entwicklungsländern so gut an, daß sich wesentlich mehr Bauern der Initiative anschließen möchten, als derzeit möglich ist. "Viele Gruppen drängen zu uns. Wir können aber leider nur in dem Umfang neue Bauern aufnehmen, wie wir den Absatz in Europa steigern können," bedauert Helmut Adam.

Orangensaft, Bananen Für die Zukunft gibt sich Adam aber optimistisch. "Wir haben in Österreich Zuwachsraten beim Verkauf unserer Produkte von rund 20 Prozent pro Jahr und wollen in den kommenden fünf Jahren den Marktanteil um das Dreifache steigern. Weltweit werden vier bis fünf Milliarden Schilling jährlich mit fairem Handel umgesetzt. Das ist nicht mehr so marginal, daß man das übersehen könnte."

Weitere Projekte werden in Österreich bereits in Angriff genommen. Neben den etablierten Produkten Tee, Kaffee und Schokolade, sollen im kommenden Jahr Orangensaft und Bananen in Österreich angeboten werden. Der Preis pro Liter Orangensaft, so Adam, wird um rund vier Schilling teurer sein als herkömmlicher Saft.

Die Chancen für diese neuen Produkte stehen gut. In den Niederlanden, der Schweiz und in Belgien, wo seit einiger Zeit fair gehandelte Bananen verkauft werden, beträgt der Marktanteil zwischen zehn und 15 Prozent am Gesamtumsatz. "Das tut den großen traditionellen Firmen schon so weh, daß sie mit beachtlichen Maßnahmen reagieren," berichtet Adam von den Erfahrungen der Partnerorganisationen in diesen Ländern.

Längerfristig ist für Österreich auch der Handel mit Textilien mit einem TransFair-Siegel geplant, da gerade in diesem Bereich die Ausbeutung besonders prekär ist.

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