"Religionen streben Dialog an"

Nach einem Forschungsaufenthalt im Kosovo und zahlreichen Besuchen bei den verschiedenen Religionsführern analysiert Werner Freistetter vom Institut für Religion und Frieden die Situation im krisengeschüttelten Balkanland.

Welchen persönlichen Eindruck hatten Sie bei Ihrem Aufenthalt im Kosovo?

Werner Freistetter: Besonders ins Auge springt die Armut im Kosovo, aber gleichzeitig auch der ungebrochene Lebenswille vor allem der jungen Bevölkerung. Bei der Jugend sehen die Religionsführer auch den größten Handlungsbedarf. Die Jugend braucht eine besondere Förderung.

Wie verliefen die Gespräche mit den Führern der verschiedenen Religionsgemeinschaften?

Freistetter: Als katholischer Priester wurde ich durchwegs freundlich empfangen. Natürlich spielt hier die jeweilige Situation in der sich die Religionsgemeinschaft gerade befindet eine große Rolle. Die Gesprächspartner brachten mir ihre Sichtweise recht eindrucksvoll nahe und versuchten so auf ihre Probleme aufmerksam zu machen.

Welche Position nehmen die Religionsgemeinschaften bezüglich des zukünftigen Status des Kosovo ein?

Freistetter: Der zukünftige Status des Kosovo beschäftigt natürlich auch die Religionsführer, auch wenn sie eine Beteiligung an der politischen Auseinandersetzung nicht anstreben. Wichtig erscheint ihnen zumeist die Stellung der eigenen Religionsgemeinschaft in dem im Aufbau befindlichen Staatswesen. Welche Rolle den Religionsgemeinschaften von der internationalen Verwaltung zugedacht wird, ist nämlich noch keineswegs klar.

Werden die Friedensbemühungen der Religionsgemeinschaften untereinander Erfolg haben?

Freistetter: Auch hierfür gilt, dass alle Religionsführer den konstruktiven Dialog anstreben, auch wenn bei manchen Themen die Auffassungen sehr weit auseinander liegen. Natürlich gibt es manche emotional aufgeladene Themen. Aber längerfristig existiert die Chance, dass alle Beteiligten die Bereitschaft zu Kompromissen finden können. Man kann zuversichtlich sein, dass sich auf allen Seiten die Vernunft durchsetzen wird, dass bei den verschiedenen Diskussionspunkten eine für alle zufriedenstellende Lösung gefunden wird.

Gibt es bereits positive Anzeichen der Annäherung der Religionen?

Freistetter: Als positives Beispiel möchte ich den Wallfahrtsort Letni´ce anführen. An sich handelt es sich dabei um eine ehemals katholisch-kroatische Enklave. Der Marienwallfahrtsort hat jedoch auch für die anderen Religionsgemeinschaften, Muslime und Orthodoxe, Bedeutung. Vor allem, dass nun in Anfängen bereits wieder Gläubige aus allen genannten Religionen diesen Wallfahrtsort besuchen, lässt für die Zukunft auf ein Mehr an Miteinander hoffen.

Welche Rolle spielt Religion im Kosovo überhaupt?

Freistetter: Alle Religionsgemeinschaften betonen die Säkularität der kosovarischen Gesellschaft. Der Konflikt wird als politischer bzw. ethnischer gesehen und nicht als religiöser. Religion wird vor allem als Teil des kulturellen Erbes gesehen. Direkten Einfluss der Religion auf die Politik kann man jedoch weitgehend ausschließen. Es handelt sich teilweise um ein Problem der politischen Dominanz, das sich auch im Religiösen ausdrückt.

Ist Ihnen gegenüber die Gefahr eines wachsenden militanten Islams hervorgehoben worden?

Freistetter: Die Gefahr eines Fundamentalimus wird von den Albanern, muslimisch oder katholisch, verneint, da dies nicht dem Charakter des kosovarischen Islam entspräche. Einige arabische Nicht-Regierungsorganisationen sind zwar vor Ort tätig, ihr Einfluss scheint aber gering. Dies liegt auch daran, dass Religion im Kosovo nicht den Stellenwert besitzt, der oft von den Menschen in Österreich erwartet wird.

Wie kann Österreich, kann die katholische Kirche Österreichs in der derzeitigen Situation helfen?

Freistetter: Österreich darf das Kosovo nicht vergessen. Auch wenn in den Medien andere Krisenherde vorherrschen, so ist die Situation immer noch sehr gespannt. Eine gewaltsame Änderung der Situation ist zwar durch die Präsenz der internationalen Gemeinschaft nicht mehr zu befürchten, aber die Gesellschaft birgt ein hohes Konfliktpotenzial in sich. Durch die Erfahrungen des Krieges, die hohe Kriminalität und die noch im Aufbau befindliche staatliche Autorität sind Auseinandersetzungen gewaltsamer Natur eine reale Möglichkeit im täglichen Leben.

Wie würden Sie das Gefühl in den jeweiligen Volksgruppen beschreiben?

Freistetter: Die Stimmung in der serbischen Bevölkerung kann man als gedrückt bis anklagend bezeichnen. Sie fühlen sich auch vom Westen im Stich gelassen. Die Albaner, ob nun Moslems oder Katholiken, stehen der Zukunft gedämpft optimistisch gegenüber. Sie wollen jedoch ihre Situation selbst in die Hand nehmen. Dies sieht man nicht nur an den unzähligen in den letzten Jahren neu gebauten Häusern, sondern auch am regen öffentlichen Leben, das man in den Straßen der Städte beobachten kann.

Was können die verschiedenen Religionsgemeinschaften für den Frieden im Kosovo beitragen?

Freistetter: Gerade in der jetzigen Situation sind die Religionsgemeinschaften mit ihren Friedensbotschaften gefordert. Wenn alle diesen, ihren Auftrag ernst nehmen und auch Europa seine Verpflichtungen erfüllt, kann man zuversichtlich für den inneren Frieden im Kosovo sein.

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