Zwei Feste wie zwei Schwestern

Eine Woche vor der christlichen Osternacht haben die Juden dieses Jahr den Seder-Abend des Pesach-Festes gefeiert. Welche Gemeinsamkeiten verbinden die beiden Feste jenseits derselben Jahreszeit, in der sie stattfinden, und welche Unterschiede trennen sie? Wenn nach der Beziehung von Pesach und Ostern gefragt wird, ist auch die Bedeutung des Pesach für das Verständnis des letzten Abendmahls Jesu, das die christliche Tradition zur Eucharistiefeier weiterentwickelte, mitzudenken. Der heutige Seder Pesach und die Osternacht werden oft im Bild einer Beziehung von Mutter und Tochter gedacht. Dieses Bild ist falsch. Beide Liturgien schöpfen aus den Traditionen des Alten Testaments und sind in dieser Hinsicht Nachfolger des Pesach der Bibel.

Die Entwicklung des jüdischen Pesach-Festes Beschreibungen der Feier des Pesach-Festes im Jahrhundert vor der Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.), zu denen auch das Neue Testament gehört, zeigen die überragende Rolle des Tempels als Wallfahrtsziel und als einzig legitimem Ort, an dem die Schlachtung der Tiere für das Pesach-Mahl stattfinden kann. Sie geben fast keine Auskunft über die Gestaltung des Festmahls, das in den Häusern Jerusalems nach der Schlachtung am Tempel gehalten wurde. Mit der Zerstörung des Tempels, der Niederschlagung des Bar Kochba-Aufstands (132-135) und dem Verbot für Juden, in Jerusalem zu leben, war es aber nicht mehr möglich, das Pesach-Fest gemäß der Tradition zu feiern.

In dieser Situation schufen die damaligen Rabbinen den Kern der Pesach-Haggada, jener Erzählung, die beim Fest vorgetragen wird. Regeln für das Mahl sind in der Mischna, der zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrhunderts abgeschlossenen Sammlung religiöser und gesetzlicher Traditionen, die im Talmud kommentiert und weiterverarbeitet wurden, erhalten. Die Gelehrten griffen dabei auf biblische Motive, aber auch auf die Tischliturgien, wie sie schon vor 70 und nicht nur in der jüdischen Gesellschaft in Gebrauch waren, zurück. Bei einem derartigen Festmahl wurde eine bestimmte Anzahl von Bechern Wein getrunken. Über Speisen und Wein sprach man Segenssprüche. Nach dem Auftragen besonderer Gerichte konnte der Vorsitzende der Gesellschaft von diesen ausgehend gelehrte Diskussionen anregen. Die Etikette legte auch Regeln für das Gespräch fest und empfahl, durch bestimmte Fragen die Unterhaltung in Gang zu bringen.

Dieser Hintergrund spiegelt sich im Ablauf des Seder Pesach wider. Nach der Zeit der Mischna wurde er weiter ausgestaltet und schließlich um das 8. Jahrhundert in den ersten Niederschriften der Haggada, die man bis ins Hochmittelalter noch durch Zusätze erweiterte, festgelegt. (Zum Charakter des Sederabends siehe Seite 15) Die meisten Texte der heutigen Pesach-Haggada können nicht in die Zeit vor 70 zurückverfolgt werden - sie sind Früchte einer literarischen Tätigkeit, die erst danach einsetzte.

Christliches Ostern -ein antijüdisches Fest?

Wann Christen begonnen haben, einmal im Jahr ein Osterfest zu feiern, ist nicht dokumentiert. Paulus betont, dass Christus "als unser Paschalamm" geopfert worden ist (1 Kor 5,7-8), und er nützt den Hinweis darauf zu einem Aufruf, einen Lebenswandel in "Aufrichtigkeit und Wahrheit" zu führen. Paulus fordert nicht auf, im Andenken daran das Osterfest zu feiern. Die Erzählungen zum Letzten Abendmahl Jesu zeigen, dass man es auch als Paschamahl in Erinnerung hatte, dass sein Gedächtnisauftrag aber nicht in einem Osterfest, sondern in der Feier des Herrenmahls am ersten Tag der Woche erfüllt wurde.

Der älteste Text zur Tradition des christlichen Ostern aus dem zweiten Jahrhundert greift ebenfalls nicht auf das Abendmahl Jesu, sondern auf die Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis (Apg 12) zurück. Melito von Sardes predigt etwas später über die Einsetzung des Paschamahls im Buch Exodus (Ex 12) in beißender Polemik gegen das Judentum und das Pesach, die im Vorwurf des Gottesmordes gipfelt. In den folgenden Jahrhunderten legten die Christen des Ostens darauf Wert, eine Feier in der Nacht des jüdischen Pesach zu begehen und verstanden sie als Anti-Pesach im Gedenken an den Tod Christi. In einer langen Kontroverse setzte sich im vierten Jahrhundert der Ostersonntag als Termin durch. Damit wurde das Osterfest von der engen zeitlichen und inhaltlichen Bindung an das jüdische Pesach gelöst.

Die Nachrichten, die aus dem Dunkel der Geschichte über den Ursprung des christlichen Osterfestes hervortreten, zeigen, dass Antijudaismus eine der Grundkomponenten seiner Bedeutung war. Christen beobachteten die Entwicklung des Judentums kritisch (wenn auch nicht immer gut informiert). Die Predigten, die Johannes Chrysostomus ( 407) gegen diejenigen Christen hielt, die sich jüdischen Bräuchen anschlossen, bezeugen ebenfalls das - allerdings positive - Interesse von Christen an jüdischer Liturgie. Gab es ein ähnliches Interesse auch auf Seiten des Judentums?

Das Pesach-fest grenzt sich vom christlichen Ostern bewusst ab Der rabbinischen Literatur von Talmud und Midrasch - und schließlich auch der Pesach-Haggada - sind explizit antichristliche Ausfälle fremd. Dennoch muss gefragt werden, ob das Judentum im Gegensatz zum Christentum seine Liturgie in perfekter Isolation entwickelte.

Abgesehen von späteren Texten der Pesach-Haggada, in denen Leid und Verfolgung durch die Mörderbanden der Kreuzfahrer ihre Spuren hinterließen, lassen ältere Texte darauf schließen, dass ihre Autoren Missverständnisse zu vermeiden wussten.

In der Pesach-Haggada (und schon der Mischna) wird das Glaubensbekenntnis des Bauern aus dem Buch Deuteronomium ("Ein umherirrender Aramäer war mein Vater. Er zog nach Ägypten ...", Dtn 26,5ff), das die Geschichte des Volkes zusammenfasst, Satz für Satz bis Vers 8 "Der Herr führte uns mit starker Hand ... aus Ägypten", ausgelegt.

Dazu heißt es in der Haggada: "Nicht durch Vermittlung eines Engels, nicht durch einen Seraph und nicht durch einen Boten, sondern der Heilige, gepriesen sei Er, [eine Umschreibung für Gott, Anm.] in seiner Herrlichkeit selbst ..."

In Kenntnis des biblisches Buches Exodus mag man sich darüber wundern, dass die Pesach-Haggada den Namen des Mose nicht erwähnt, obwohl ihm die Bibel eine so überragende Rolle in allen Vorgängen rund um die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten zuteilt. Wahrscheinlich betonten die Autoren die absolute Einzigkeit Gottes in ihrer "Erzählung" (Haggada) des Auszugs aus Ägypten gegenüber den Christen, die gerade zu Ostern des Todes Jesu - des "Boten" Gottes par excellence - gedachten und seine Auferstehung feierten. Das Verständnis ist durch Handschriften belegt, die dem Ausdruck: "und nicht durch einen Boten" den Zusatz "und nicht durch das Wort" anfügen. Nach Meinung christlicher Exegeten der Antike wirkte Christus als "Wort" Gottes auch schon im Alten Testament.

Nachdem Ostern und Pesach nicht nur die Geschichte deuten, sondern vor allem die Zukunft eröffnen, bekennen die Autoren der Haggada dort die Hoffnung auf Gottes unvermittelten Beistand, wo die Christen ihre Hoffnung im "Christ ist erstanden" zum Ausdruck bringen. Den Mitfeiernden des Seder-Abends wurde ein eindeutiges Bekenntnis gegeben. Der Verzicht auf die Nennung des Namens von Mose gegenüber der allen anwesenden bekannten biblischen Geschichte profiliert die theologische Aussage. Sein Fehlen wurde später wieder als Mangel erkannt, so dass die Lebensgeschichte des Mose in Haggada-Illustrationen erscheint, nachdem der festgelegte Text nicht mehr erweitert werden konnte.

Zwei Feste, entwickeltaus derselben biblischen Tradition Die Beziehung zwischen der Osternachtfeier und der Feier des Seder-Abends mit der Pesach-Haggada wird somit besser als die zweier "Schwestern" ins Bild gebracht, denn als die von "Mutter" und "Tochter". Die Pesach-Haggada kann daher auch nicht dazu herangezogen werden, um den allzu kurzen Beschreibungen des letzten Abendmahls Jesu einen bunteren Hintergrund zu geben. Die Texte der Eucharistie stehen in derselben Tradition, aus der Jahrhunderte später die Pesach-Haggada entwickelt wurde.

Der Seder Pesach und die drei österlichen Tage des Christentums haben sich aus der Tischliturgie, der Etikette bei antiken Festmählern und den Traditionen des Alten Testaments entwickelt. Ihre spezifische Form erhielten sie erst nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels. Mit einem gelegentlichen Seitenblick auf den je anderen entwickelten ihre Träger zwei Feste der Erinnerung an Befreiung und Auferstehung, die den Glauben der Mitfeiernden und ihre Hoffnung für die Zukunft stärken.

Der Autor ist Liturgiewissenschaftler an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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