Mächtige ohne Pflichten

"Das Andere Davos" ist nur eine Veranstaltung von weltweit 2000, die im Rahmen des Weltsozialforums Wirtschaftsalternativen aufzeigen.

Das Weltsozialforum (WSF) ist als Antwort auf das von Unternehmen finanzierte Weltwirtschaftsforum entstanden. Das erste Weltsozialforum fand 2001 in Puerto Alegre statt, spätere wurden in Bombay, Caracas und Bamako abgehalten. Es bringt zehntausende Menschen aus vielfältigen Bewegungen und allen Kontinenten zusammen. Wie das WEF tagte im Jänner 2008 auch das Weltsozialforum. Nicht von 5000 Soldaten abgeschottet wie in Davos, sondern im Rahmen eines Aktionstages am 26. Jänner 2008 mit zirka 2000 öffentlich zugänglichen Veranstaltungen auf fünf Kontinenten.

Anders handeln

Die Veranstaltung Das Andere Davos am 26. Jänner in Zürich war Teil dieser internationalen Veranstaltungen. Es entstand 1999, um dem Gipfeltreffen des WEF in Davos Kritik und Alternativen entgegenzusetzen. Seit 2000 wird Das Andere Davos von Attac Schweiz organisiert. Hat dieser Gegengipfel im offiziellen Davos auch keinen Platz, so ist die Globalisierungskritik mit der Verleihung des Public Eye Award in Davos doch brillant vertreten. Bei dieser Gegen-Gala zeichnen Pro Natura und die globalisierungskritische NGO Erklärung von Bern die übelsten Unternehmen aus. 2008 ging der Public Eye People's Award an den französischen Atomkonzern Areva, der in Afrika Uran abbaut, die Minenarbeiter über die Risiken radioaktiver Strahlung aber weder aufklärt noch schützt und Krebs als HIV-Erkrankungen diagnostizieren lässt, um allfällige Behandlungskosten zu sparen.

Das Andere Davos lud ins Zürcher Volkshaus zu einer satirischen "Kreuzfahrt" auf dem Luxusliner MS Neoliberalismus. "An Bord" verbrachten die Gäste den Nachmittag mit einer Ausstellung, Filmen, Workshops, und Diskussionsforen, um abschließend an einer hochkarätig besetzten Podiumsveranstaltung teilzunehmen. Das nicht unbescheidene Motto des offiziellen Davos um Klaus Schwab war "The Power of Collaborative Innovation". Beim Anderen Davos, bestätigte das Podium - mit Susan George, Christian Felber, Rita Schiavi und Jean Ziegler - den "innovativen" Charakter der WEF-Politik, die u.a. zu deregulierten Finanzmärkten und der Vorherrschaft der Konzerne geführt hat.

"Pathologische Konzerne"

Durch die Deregulierung auf den Finanzmärkten haben die dort Mächtigen keine Pflichten mehr, dafür aber alle Freiheiten. Freiheiten, die sie - wie Jean Ziegler ausführte - genutzt haben, um in nur sechs Monaten zirka 35 Milliarden Schweizer Franken an Pensionsgeldern durch Spekulationen zu vernichten. Das ist existenzgefährdend für die betroffenen Pensionisten, aber auch jene Menschen, die durch den Stellenabbau bei Banken ihre Arbeit verlieren. Die "innovative" Verschiebung der Macht hin zu den Konzernen bilanziert ebenfalls mit einer in vielen Fällen tödlichen Ausbeutung von Mensch und Natur. Christian Felber qualifizierte das Verhalten internationaler Konzerne als pathologisch, weil es auf Gewinnmaximierung - für die Aktionäre und Vorstände - durch Vernichtung ausgerichtet ist. Gespürt haben dies - so Felber - auch jene 240 Forscher von Novartis Wien, die sich der Pharmariese trotz einer Gewinnsteigerung von sieben Milliarden Euro (2006) auf 12 Milliarden Euro (2007) offensichtlich nicht mehr leisten wollte. So weit, so schlecht. Aber wo viel Schatten ist, da ist auch Licht. Susan George, Politikwissenschaftlerin und ehemalige Vizepräsidentin von Attac Frankreich, hob in ihrem Beitrag einige Alternativen hervor, die die weltweite globalisierungskritische Bewegung zu "innovativen" WEF-Politiken anbietet: Steuergerechtigkeit, internationale Abgaben (zum Beispiel auf Kapitalströme, Ressourcen, etc.), die Entschuldung des Südens. Viele Maßnahmen für eine gerechtere Welt lassen sich mit bereits existierenden Strukturen umsetzen und stellen die Menschenrechte in den Mittelpunkt. Diese Alternativen sind ein Beweis, dass die globalisierungskritische Bewegung lebendig ist, selbst wenn sie in den Medien totgeschwiegen wird, so George.

Ziegler beobachtet das Entstehen einer globalen Zivilgesellschaft, die an solchen Aktionstagen weltweit sichtbar ist. Auch Arbeitnehmerverbände sind Teil dieser globalen Bewegung. Rita Schiavi, Schweizer Gewerkschafterin bei Unia, kämpft gegen den Neoliberalismus und berichtete in ihrem Referat über die laufenden Verhandlungen im Schweizer Bauhauptgewerbe, wo durch die von Arbeitgeberseite geforderte weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten, die Menschen schrittweise ins Präkariat abgedrängt werden.

Die Autorin ist Aktivistin bei Attac Vorarlberg.

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