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Da fehlt das weibliche Geschlecht

Harold Pinters Stück "The Homecoming“ aus 1964 in der Inszenierung von Luc Bondy bei den Festwochen mit dem großen Bruno Ganz.

Es ist ein seltsames Stück, mit dem Luc Bondy im Oktober 2012 seine erste Saison als neuer Leiter des Pariser Odéon-Theaters eröffnet hatte. Das mit viel französischer Theater- und Filmprominenz besetzte Stück stellte er nun in seiner letzten Spielzeit als Intendant der Wiener Festwochen auch dem Wiener Publikum vor.

"Die Heimkehr“ oder französisch "Le Retour“ ist ein selten gespieltes und hierzulande recht unbekannt gebliebenes Stück des englischen Dramatikers und Literaturnobelpreisträgers Harold Pinter.

Lücken im Gebälk

Geschrieben 1964, erzählt es von einer Familie aus der sozialen Unterschicht des Londoner Westends. Genauer gesagt handelt es sich um eine Rumpffamilie, weil Jessy, die Frau des ehemaligen Schlachters Max (Bruno Ganz), schon vor Jahren gestorben ist. So muss in der Inszenierung von Luc Bondy der reine Männerhaushalt selber Hand anlegen, um das doch recht heruntergekommene Heim mit seinen vielen Nischen auf Vordermann zu bringen. Johannes Schütz hat ein fast überrealistisches Interieur gebaut, in dem die Spuren der Zeit sich nicht so einfach weg polieren lassen. Sorgsam hat er einige Lücken ins Gebälk gebaut, so dass man das Gefühl nicht los wird, hier fällt gleich alles auseinander.

Hier wohnt der Familienpatriarch Max mit seinen Söhnen Lenny, einem etwas beschränkt wirkenden aber dafür umso gefährlicheren Schlaks (grandios Mischa Lescot), der sein Geld offenbar mit Zuhälterei verdient, und dem virilen Joey (Louis Garrel), der von einer Zukunft als Profiboxer träumt. Und da ist auch noch Max’ jüngerer Bruder Sam (Pascal Gregory), mit bizarrem Toupé und immer im Trenchcoat, so als sei er nur zu Besuch hier und wolle gleich gehen. Tatsächlich liebt es Max, den Bruno Ganz nuancenreich als verhalten bösartigen Alten zeigt, ihn zu demütigen und ihm mit dem Rauswurf zu drohen.

Überhaupt lassen das Haus, das bei genauerem Hinsehen Spuren häuslicher Gewalt erkennen lässt, der raue Ton (den Philippe Djian in seiner Übersetzung ins Französische allerdings entschärft hat), sowie der Umgang der Hausgenossen miteinander böse Ahnungen zu. Dazu gehört die Andeutung, dass Max mit den Jungens, als sie noch klein waren, "viel Spaß im Badezimmer hatte“, ebenso wie der Umstand, dass er gern mal zulangt und das in diesem Haushalt scheinbar nichts Besonderes ist, sondern zum Repertoire der alltäglichen Erziehungsmethoden gehört. Hier fehlt offenbar der Einfluss des weiblichen Geschlechts …

Laszive Gattin

Als mitten in der Nacht Teddy, der älteste Sohn, der es in Amerika zum Philosophieprofessor gebracht hat, nach Jahren der Abwesenheit hereinplatzt, scheinen sich Änderungen anzubahnen. Der biedere Professor (Jérôme Kircher) ist gekommen um seiner Familie seine schöne Frau Ruth (Emmanuelle Seigner) vorzustellen, mit der er drüben in Amerika drei Söhne hat. Unverhohlen machen die testosterongeladenen Männern der lasziven Gattin eindeutige und handgreiflich Avancen, die diese (aus den Erfahrungen einer einschlägigen Vergangenheit?) nicht abweist. Was noch sonderbarer, weil nicht verständlich anmutet: der Gatte hat offenbar nichts dagegen und schaut einfach weg. Und als Lenny den Plan in die Runde spricht, die blonde Schöne gleich da zu behalten, damit sie gegen Geld anschaffen geht und zu Hause ganz nebenbei für Trieberleichterung sorgt, sind alle einverstanden.

Pinters Stück lebt von Andeutungen. Es ist weder eine Sozialanalyse des Proletariats, noch eine Reflexion über Familien und das Verhältnis von Männern und Frauen. Es mag vor fast 50 Jahren seine Aktualität gehabt haben. In der Inszenierung von Luc Bondy aber blieb "Le Retour“ zu vage, es fehlte der dramaturgische Zugriff, der seine Geheimnisse gelüftet oder es vielleicht auch vom Staub der Jahre befreit hätte, um eine gegenwärtige Aktualität sichtbar zu machen.

Le Retour

Halle E, Museumsquartier

23., 24. Mai

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