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Die neue Selige Hildegard Burjan: Endlich eine Frau zum Anfassen!

Menschenwürde vom Beginn bis zum Ende. Politisches Engagement als Teil des Christseins. Maria Judith Tappeiner, Leiterin der Caritas Socialis, über das Vorbild von Hildegard Burjan.

Maria Judith Tappeiner ist seit 2007 Generalleiterin der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis, die von Hildegard Burjan gegründet wurde.

Die Furche: Was bedeutet die Seligsprechung für die Caritas Socialis?

Sr. Maria Judith Tappeiner: Die Seligsprechung war ein langer Weg. Kardinal König hat den Prozess ja schon 1963 eingeleitet. In den Jahren seither hat es immer wieder Situationen gegeben, wo Schwestern gezweifelt haben, ob wir weitermachen sollen. Aber jetzt sind wir soweit. Wir sehen die Seligsprechung auch als Chance: Denn durch die offizielle Anerkennung wird Hildegard Burjans Weise zu leben und sich aus dem Glauben Kraft zum Engagement für Menschen zu holen, als vorbildlich herausgestellt. Gerade ihr Tun als Frau in Ehe und Familie, in Politik und Kirche erfährt so mehr Beachtung.

Die Furche: Das Verfahren hat fast 50 Jahre gedauert: Das zeigt doch, wie schwer sich die Kirche mit dieser Gestalt tut.

Tappeiner: Hildegard Burjan ist eine ungewöhnliche Selige: Ehefrau und Mutter, Gründerin einer Gemeinschaft, Politikerin.

Die Furche: Eine ehelos lebende Ordensfrau wäre schneller seliggesprochen worden?

Tappeiner: Wahrscheinlich ja. Sehr viele Ehefrauen, Mütter und Politikerinnen gibt es unter den Heiligen und Seligen ja nicht.

Die Furche: Welcher Impuls für ein heutiges Christsein ist durch Hildegard Burjans Beispiel zu entdecken?

Tappeiner: Für mich ist ihr Beispiel eine Ermutigung, dass es Sinn macht, ganz in Gott verwurzelt zu sein und sich weit hinauszuwagen - besonders dort, wo es um Menschenwürde und Gerechtigkeit geht. Gerade ihre Sensibilität für gesellschaftliche Entwicklungen ist mehr denn je gefragt. Sie hat gesagt: Interesse für Politik gehört zum praktischen Christentum. Das ist uns ja zum Großteil abhanden gekommen.

Die Furche: Die Kombination von Frömmigkeit mit sozialem Engagement scheint ungewöhnlich .

Tappeiner: Als Thema für die Seligsprechung haben wir gewählt "Mit Spannungen leben“. Das trifft den Kern ihrer Persönlichkeit: Hildegard Burjan hat sich in Spannungsfelder hineinbegeben, ist ihnen nicht ausgewichen - auf der einen Seite diese gläubige Frau, auf der anderen Seite das volle Engagement in der Sozialarbeit. Oder Ehefrau und Mutter und auf der anderen Seite Leiterin einer religiösen Schwesterngemeinschaft

Die Furche: Das hat in ihrem Leben wohl auch zu Spannungen geführt.

Tappeiner: Auf jeden Fall. Aber sie ist ihnen nicht ausgewichen. Sie hat nicht gewartet, dass die Menschen zur Kirche gehen, sondern sie ist zu den Menschen gegangen. Hildegard Burjan steht so für eine Kirche, die zu den Menschen geht.

Die Furche: Und dafür ist sie ein Vorbild?

Tappeiner: Ja. Sie hätte sich als Industrieellengattin ein leichtes Leben machen können. Aber sie ist in die Hinterhöfe Wiens gegangen und hat Menschen aufgesucht wie die Heimarbeiterinnen - und hat sich gerade für sie eingesetzt, dass sie Arbeit bekommen, dass sie gleichen Lohn für die gleiche Arbeit wie die Männer erhalten. Das gilt heute noch genauso.

Die Furche: Hildegard Burjan war eine Frau, die die Nöte ihrer Zeit erkannt hat. Wo orten Sie die primären Nöte von heute?

Tappeiner: Da gehört dazu, sich für die Würde des Menschen einzusetzen, gerade am Beginn und am Ende des Lebens. Sie hat ja das erste Mutter-Kind-Heim in Wien eröffnet. Damals gab es da viel Entrüstung, weil man ihr nachgesagt hat, sie würde der Unmoral Türen öffnen. Genauso auch am Ende. Wenn wir heute sehen, wie viele alte Menschen allein in ihren Wohnungen leben oder das Hospiz, dann muss man sagen, dass da ganz viel an Herausforderung auch an politischem Gespür, was können wir da so tun für alte Menschen, für Babys, für Kinder …

Die Furche: Das Caritas Socialis Hospiz in Wien III. ist eines Ihrer Aushängeschilder: Ist das auch aus der Inspiration Hildegard Burjans heraus zu sehen?

Tappeiner: Das ist nicht direkt auf sie zurückzuführen. Der Schutz des Menschen am Lebensende, für den sich sie die Hospizbewegung einsetzt, kommt aber aus diesem Geist.

Die Furche: Ist die Seligsprechung auch eine Ermutigung für Frauen in der Kirche?

Tappeiner: Es gibt großes Interesse von Frauen, die ihren Platz in der Kirche suchen. Vor einigen Tagen hat mir eine Anruferin gesagt: Na endlich eine Frau, die zum Anfassen ist!

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