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Feuilleton

Hoch verdünnt und umstritten

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Homöopathie bewegt die Gemüter. Doch die Debatte zwischen Befürwortern und Kritikern hat im Kern weniger mit der Wirksamkeit homöopathischer Heilmittel zu tun, als mit der Frage, was Wissenschaft ist.

Von Zeit zu Zeit entlädt sich eruptiv der schwelende Disput zwischen Vertretern und Gegnern der Homöopathie. Manchmal mit tatkräftiger Unterstützung der Medien. So kritisierte Der Spiegel unter dem Titel "Rückfall ins Mittelalter" unlängst, dass einige deutsche Universitäten beginnen, Homöopathie als Wahlpflichtfach in ihre Curricula aufzunehmen. Knapp 1400 echauffierte Kommentare im entsprechenden Onlineforum innerhalb von vier Tagen belegten eindrucksvoll, dass die Debatte aktueller ist denn je.

In wie üblich etwas provinziellerer Größenordnung hatte auch Österreich vor Kurzem seinen Homöopathie-Aufreger. Die Arbeiterkammer veröffentlichte eine Infobroschüre über sechs esoterische Strömungen, darunter die Homöopathie. Verfasst haben die Texte Mitglieder des gemeinnützigen Vereins GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften), die sich kurz "Skeptiker" nennen.

Vertreter homöopathischer Vereinigungen reagierten mit Protestschreiben. Weder wollen sie in die Nähe von Esoterik gebracht werden, noch seien die Ausführungen der Broschüre korrekt, so ihr Verdikt. Auch Intensivmediziner Michael Frass, Vorstandsmitglied der ÄKH (Ärztegesellschaft für Klassische Homöopathie), der am Wiener AKH innerhalb der klinischen Abteilung für Onkologie eine Homöopathieambulanz leitet, ist alles andere als glücklich über die AK-Publikation. "Homöopathie ist eine rational begründete Methode", sagt Frass. "Viele Studien belegen ihre Wirksamkeit über einen Placeboeffekt hinaus." Studien, die das Gegenteil zeigen, seien entweder fehlerhaft durchgeführt oder falsch interpretiert worden.

Der soziale Aspekt macht attraktiv

"Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Placebofrage zentral", meint Ulrich Berger, Mathematiker und Wirtschaftswissenschafter an der WU Wien, der das strittige Homöopathiekapitel verfasst hat. "Denn wenn Homöopathika Placebos sind, ist es eine ethische Frage, ob man sie verabreichen soll." Nach Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, beruht die Wirkung ihrer Mittel auf einer "nicht materiellen, unsichtbaren und geistartigen Kraft". So weit lehnt sich Michael Frass nicht aus dem Fenster, räumt aber ein, dass er die genauen Wirkmechanismen nicht kenne: "Dafür benötigen wir mehr Forschung."

Mit dem in der medizinischen Heilmittelforschung üblichen Studiendesign der randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudien haben Homöopathen ihre Probleme. Diese Studien würden sich auf einzelne Aspekte des Patienten konzentrieren, wohingegen die Homöopathie doch ganzheitlich arbeite, also Geschichte und Lebensumstände einbeziehe. Wie Befragungen ergeben, ist es gerade dieser soziale Aspekt der Homöopathie, die sie vielen Menschen sympathisch macht. Das Gefühl, vom Arzt als Individuum ernst genommen zu werden, kann eine Genesung manchmal begünstigen.

Aus der messbaren Verbesserung des Gesundheitszustandes lässt sich nicht auf die Wirksamkeit der verabreichten Homöopathika rückschließen, betonen Wissenschaftler. Sie machen dafür einen psychotherapeutischen Effekt verantwortlich. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Placebostudie der Universität von Southampton an 83 Patienten, die unter rheumatoider Arthritis leiden: Homöopathische Arzneimittel bewirken keinen Heilungseffekt. Jedoch begünstige die homöopathische Betreuung, in Ergänzung zu schulmedizinischer Medikation, eine Verbesserung des Gesundheitszustandes.

Debatte gehört auf die Sachebene

Mit diesem Konsens können zwar Skeptiker wie Ulrich Berger leben, nicht aber die Homöopathie selbst, die auf die wissenschaftlich beweisbare Wirksamkeit ihrer Tinkturen pocht. "Was ist Wissenschaft?", fragt Michael Frass. "Da müssen wir zu Aristoteles zurückgehen." Der Philosoph führte den Begriff der Entelechie ein, eine Art Lebenskraft mit der Tendenz, sich selbsttätig auf einen Vollendungszustand hin zu entwickeln. Diese Kraft will die Homöopathie aktivieren. Dazu müsse man den Patienten allerdings in seiner "ganzheitlichen Qualität" erfassen.

Die Naturwissenschaft geht quantifizierend vor und lässt geheimnisvolle Kräfte außen vor. Die Entscheidung für oder gegen die Homöopathie schließt eine Entscheidung für ein bestimmtes Bild von Wissenschaft ein. Auf dieser Sachebene ist die Debatte noch nicht angekommen.

Homöopathie bewegt die Gemüter. Doch die Debatte zwischen Befürwortern und Kritikern hat im Kern weniger mit der Wirksamkeit homöopathischer Heilmittel zu tun, als mit der Frage, was Wissenschaft ist.

Von Zeit zu Zeit entlädt sich eruptiv der schwelende Disput zwischen Vertretern und Gegnern der Homöopathie. Manchmal mit tatkräftiger Unterstützung der Medien. So kritisierte Der Spiegel unter dem Titel "Rückfall ins Mittelalter" unlängst, dass einige deutsche Universitäten beginnen, Homöopathie als Wahlpflichtfach in ihre Curricula aufzunehmen. Knapp 1400 echauffierte Kommentare im entsprechenden Onlineforum innerhalb von vier Tagen belegten eindrucksvoll, dass die Debatte aktueller ist denn je.

In wie üblich etwas provinziellerer Größenordnung hatte auch Österreich vor Kurzem seinen Homöopathie-Aufreger. Die Arbeiterkammer veröffentlichte eine Infobroschüre über sechs esoterische Strömungen, darunter die Homöopathie. Verfasst haben die Texte Mitglieder des gemeinnützigen Vereins GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften), die sich kurz "Skeptiker" nennen.

Vertreter homöopathischer Vereinigungen reagierten mit Protestschreiben. Weder wollen sie in die Nähe von Esoterik gebracht werden, noch seien die Ausführungen der Broschüre korrekt, so ihr Verdikt. Auch Intensivmediziner Michael Frass, Vorstandsmitglied der ÄKH (Ärztegesellschaft für Klassische Homöopathie), der am Wiener AKH innerhalb der klinischen Abteilung für Onkologie eine Homöopathieambulanz leitet, ist alles andere als glücklich über die AK-Publikation. "Homöopathie ist eine rational begründete Methode", sagt Frass. "Viele Studien belegen ihre Wirksamkeit über einen Placeboeffekt hinaus." Studien, die das Gegenteil zeigen, seien entweder fehlerhaft durchgeführt oder falsch interpretiert worden.

Der soziale Aspekt macht attraktiv

"Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Placebofrage zentral", meint Ulrich Berger, Mathematiker und Wirtschaftswissenschafter an der WU Wien, der das strittige Homöopathiekapitel verfasst hat. "Denn wenn Homöopathika Placebos sind, ist es eine ethische Frage, ob man sie verabreichen soll." Nach Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, beruht die Wirkung ihrer Mittel auf einer "nicht materiellen, unsichtbaren und geistartigen Kraft". So weit lehnt sich Michael Frass nicht aus dem Fenster, räumt aber ein, dass er die genauen Wirkmechanismen nicht kenne: "Dafür benötigen wir mehr Forschung."

Mit dem in der medizinischen Heilmittelforschung üblichen Studiendesign der randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudien haben Homöopathen ihre Probleme. Diese Studien würden sich auf einzelne Aspekte des Patienten konzentrieren, wohingegen die Homöopathie doch ganzheitlich arbeite, also Geschichte und Lebensumstände einbeziehe. Wie Befragungen ergeben, ist es gerade dieser soziale Aspekt der Homöopathie, die sie vielen Menschen sympathisch macht. Das Gefühl, vom Arzt als Individuum ernst genommen zu werden, kann eine Genesung manchmal begünstigen.

Aus der messbaren Verbesserung des Gesundheitszustandes lässt sich nicht auf die Wirksamkeit der verabreichten Homöopathika rückschließen, betonen Wissenschaftler. Sie machen dafür einen psychotherapeutischen Effekt verantwortlich. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Placebostudie der Universität von Southampton an 83 Patienten, die unter rheumatoider Arthritis leiden: Homöopathische Arzneimittel bewirken keinen Heilungseffekt. Jedoch begünstige die homöopathische Betreuung, in Ergänzung zu schulmedizinischer Medikation, eine Verbesserung des Gesundheitszustandes.

Debatte gehört auf die Sachebene

Mit diesem Konsens können zwar Skeptiker wie Ulrich Berger leben, nicht aber die Homöopathie selbst, die auf die wissenschaftlich beweisbare Wirksamkeit ihrer Tinkturen pocht. "Was ist Wissenschaft?", fragt Michael Frass. "Da müssen wir zu Aristoteles zurückgehen." Der Philosoph führte den Begriff der Entelechie ein, eine Art Lebenskraft mit der Tendenz, sich selbsttätig auf einen Vollendungszustand hin zu entwickeln. Diese Kraft will die Homöopathie aktivieren. Dazu müsse man den Patienten allerdings in seiner "ganzheitlichen Qualität" erfassen.

Die Naturwissenschaft geht quantifizierend vor und lässt geheimnisvolle Kräfte außen vor. Die Entscheidung für oder gegen die Homöopathie schließt eine Entscheidung für ein bestimmtes Bild von Wissenschaft ein. Auf dieser Sachebene ist die Debatte noch nicht angekommen.