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Wer heilt, hat noch nicht Recht

Alternative Heilmethoden stellen eine Bereicherung für unser Gesundheitssystem dar. Dabei sollte eine Prüfung der Wirksamkeit evidenz- und nicht eminenzbasiert erfolgen. Alternativ heilen? Es gibt nur eine Medizin: Jene, die die Menschen gesund macht. Und für den Wirk-nachweis existieren heute allgemein verbindliche Richtlinien: Jene, der evidenzbasierten Medizin (S.21). Die Wirkung von Homöopathie konnte so nicht belegt werden (S.22). Akupunktur hingegen behandelt Schmerzen erfolgreich. Ja Hightech-Apparaturen machen ihren Wirkmechanismus wissenschaftlich nachvollziehbar (S.23). Die heimische Kräutermedizin schließlich hat andere Probleme: Die Scientific Community ignoriert sie (S.24). Redaktion: Thomas Mündle

Viele Menschen sind heute offen gegenüber alternativen Medizinmethoden. Warum? Vielleicht weil sie ihr Leiden nicht mit schulmedizinischen Mitteln in den Griff bekommen und deshalb andere Wege der Heilung ausprobieren wollen. Vielleicht auch weil sie eine "natürliche" und "holistische" Behandlung vorziehen (was immer das auch heißen mag). Der Wunsch der Menschen nach einer "sanften Medizin" (noch so ein vager Begriff) ist auch der Politik nicht verborgen geblieben. So heißt es etwa im aktuellen Regierungsprogramm:

"Patientenorientierte Behandlung - unter Einschluss der Komplementärmedizin (z.B. Homöopathie, TCM etc.) - wird durch ein transparentes System der Qualitätssicherung unterstützt."

Kein Interesse an Kräutern

An dieser Passage sind zwei Dinge bemerkenswert: Erstens die spezielle Erwähnung von Homöopathie und TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) - und was fehlt: Etwa die heimische Kräutermedizin. Dieses alte Wissen wird zwar noch von einigen Menschen hierzulande gepflegt, scheint aber in den Köpfen von Politikern wenig präsent zu sein. Auch die österreichische Scientific Community behandelt das lokale Kräuterwissen stiefmütterlich (siehe S.24).

Zweitens ist der Verweis auf ein "transparentes System der Qualitätssicherung" interessant. Was ist darunter zu verstehen? Zum einen müssen die Arzneistoffe - egal ob pflanzlich oder chemisch - in bestimmter Qualität und Quantität vorkommen; und andere schädliche Stoffe dürfen nicht (oder genauer: in nur sehr geringen Mengen) nachweisbar sein.

Zum andern müssen Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen dokumentiert werden. Dazu gibt es prinzipiell zwei Wege: Man beruft sich auf ein entsprechend langes Erfahrungswissen. Etwa musste der Nachweis, dass Pfefferminze bei Magen- und Darmbeschwerden hilft, nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen erbracht werden. Das ist sinnvoll: Weil Studien kosten ja bekanntlich (auch den Steuerzahler) viel Geld.

Im Regelfall jedoch muss die Wirksamkeit mittels kontrollierter klinischer Studien belegt werden. Am besten in Form von randomisierten Doppelblindstudien. Dabei werden zwei Gruppen von Patienten gebildet; die eine bekommt das Medikament, die andere ein Placebo-Präparat, wobei weder Patienten noch Ärzte wissen, welche Gruppe was bekommt. So können positive Wirkungen eindeutig statistisch untermauert werden. Während die Pharmaindustrie bemüht ist, die Vorgaben einer evidenzbasierten Medizin zu erfüllen, hat es die Homöopathie geschafft, die Zulassung ihrer Globuli und Tinkturen durch Berufung auf die langjährige Tradition zu erhalten. Dabei sprechen die existierenden Studien eher für eine Nichtwirksamkeit (siehe S.22).

Homöopathie im Nachteil?

Manche Homöopathen immunisieren sich gerne gegen solche Kritik, indem sie behaupten, dass die Homöopathie durch die Standards der Schulmedizin benachteiligt werde. Dabei ist äußerst fraglich, ob es sich tatsächlich um "schulmedizinische Standards" handelt; die Forderungen scheinen vielmehr allgemein gültig.

In den Gerac-Studien etwa ließ sich die Wirksamkeit einer nicht-westlichen Medizinmethode, nämlich der Akupunktur, mit diesen Mitteln nachweisen. Die deutschen Krankenkassen, die die Studien mitfinanzierten, zogen aus den Ergebnissen klare Konsequenzen: Seit Anfang dieses Jahres werden (in Deutschland) bei chronischen Knie- und Rückenschmerzen die Behandlungskosten der Akupunktur von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen.

Ein zweites Resultat der Gerac-Studien war, dass die Akupunktur und die Scheinakupunktur (bei der Nicht-Akupunkturpunkte gestochen werden) ähnlich wirksam sind. Die Akupunktur wäre demnach bloß ein - wenn auch sehr mächtiger - Placebo-Effekt. Diesem Ergebnis widersprechen jedoch Untersuchungen von Gerhard Litscher (siehe S.23). Der Grazer Biomediziner versucht mittels modernster Apparaturen die Wirkmechanismen der Akupunkturpunkte aufzuklären. Und tatsächlich lassen sich biophysikalische Effekte messen. So erhöht etwa das Stechen eines Punktes namens Neiguan - wie von der TCM prognostiziert - die Durchblutung der Finger; sticht man knapp daneben so passiert nichts. Das chinesische Medizinsystem kennt mehr als 300 Akupunkturpunkte, die kein schulmedizinisches Pendant haben. Doch die Grundlagenforschung am interuniversitären Zentrum für TCM in Graz macht das fernöstliche Wissen für westlich geschulte Mediziner objektiv nachvollziehbar.

Im Gegensatz dazu bleibt die Funktionsweise der Homöopathie im Dunklen. Die Idee, dass eine Hochpotenz (eine große Verdünnung, die möglichst kein Molekül des ursprünglichen Wirkstoffes mehr enthält) ein hoch potentes Mittel sein soll, ist für einen naturwissenschaftlich denkenden Menschen höchst kontraintuitiv.

Wirksames Placebo

Deshalb wird die Wirksamkeit der Homöopathie (wenn sie denn überhaupt wirken sollte) nur als Placebo-Effekt verständlich. Das muss kein Nachteil für die Homöopathie sein. Denn auch das wird vielen Medizinern immer mehr bewusst: Starke Placebo-Präparate könnten durchaus gezielt als Medikamente eingesetzt werden.

Doch auch deren Wirksamkeiten müssten in Studien nachgewiesen, die Wirkmechanismen im Rahmen des naturwissenschaftlichen Weltbildes begründet werden. Anekdotische Geschichten zählen heute als Beweismaterial herzlich wenig - selbst wenn sie von Leuten mit Professoren-Titel vorgetragen werden. Nein, wer heilt, der hat noch lange nicht Recht.

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