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Im Sog der Drehtür

Ars electronica 2004: 25 Jahre Zukunftslabor.

Angesagte Revolutionen bleiben immer aus, sagt das geflügelte Wort. Oftmals bleiben die Revolutionen einfach deshalb aus, weil wir uns an sie gewöhnt haben, weil sie uns nicht mehr als aufrührende Neuerungen vor Augen stehen, sondern in unseren Alltag bestens integriert sind. Ein Beispiel? Vor nicht einmal zehn Jahren wurde heftig darüber diskutiert, ob es jemals möglich sein wird, eine künstliche Iris auf der Basis einer Verbindung zwischen Nervenzelle und Computerchip herzustellen. Heute gehören derartige Implantate an manchen Kliniken beinahe zu den Standardoperationen. Ein Labor für angesagte Revolutionen war in den letzten 25 Jahren die Ars Electronica, die damit heuer auch ein Jubiläum zu feiern hatte.

Wie hält ein Zukunftslabor Rückschau, ohne in einen Anachronismus zu verfallen? Man gruppiert die Flut an hochkarätigen Veranstaltungen und Ausstellungen um eine Drehtür im Sinne von Walter Benjamin. Im Gegensatz zu einer normalen Tür gibt es bei der Drehtür nur einen sehr vorläufigen Unterschied zwischen Innen und Außen, zwischen Gestern und Morgen. So gleiten die Utopien, die Nicht-Orte der letzten 25 Jahre hinüber in die Topien, die Verortungen, die sich gerade ereignen.

Nunmehr ist das Tafelbild durch den Bildschirm ersetzt, die Künstler sind nicht mehr so sehr an der Produktion eines Werkes interessiert, sondern stellen eine Serviceleistung zur Verfügung. Der Betrachter wird, indem er diese Serviceleistung in Anspruch nimmt, zum Benutzer, zum Ko-Autor, das Kunstwerk zu einem Gemeinschaftswerk. Viele künstlerische Apparaturen erlaubten dem Besucher, in die unterschiedlichsten Welten einzutauchen - sofern man bereit war, die Schwimmbewegungen zu vollführen. So steht man etwa beim Isophone der Gruppe James Anger, Jimmy Loizeau und Stefan Agamanolis tatsächlich bis zum Hals im Wasser, der Helm, den man übergestülpt bekommt, verhindert jeglichen Geräuschreiz von außen - außer jenen aus der Verbindung mit dem zweiten Benutzer im Becken. Die gesamte Wahrnehmung ist damit auf die stimmliche Verbindung via Telefon konzentriert.

Unterschiedlichen Netzwerken widmete sich ein eigener Bereich, die Frage, ob das Internet ein sozialer Raum sein kann, lässt sich zumindest für Spielgemeinschaften, aber auch für Wissensnetzwerke wie das preisgekrönte WikiWeb positiv beantworten. Chris Landreth porträtiert in seinem ebenfalls preisgekrönten Animationsfilm den seinerzeitigen Star der kanadischen Trickszene, Ryan Larkin, der heute als Bettler in den Straßen von Montreal lebt. Aus dem Sog der Drehtür der Kunst fällt niemand so schnell hinaus wie aus der gesellschaftlichen Anerkennung.

Timeshift - die Welt in 25 Jahren Ars Electronica 2004

4040 Linz, Hauptstraße 2

2.-7. September

www.aec.at/timeshift

Kataloge:

Timeshift - die Welt in 25 Jahren. Katalog zur Ars Electronica 2004, Ostfildern-Ruit, e 28,-

CyberArts 2004. International Compendium Prix Ars Electronica, Ostfildern-Ruit, e 49,90 (inkl. DVD und CD)

Ars Electronica 1979-2004. 25 Jahre Netzwerk für Kunst, Technologie und Gesellschaft, Ostfildern-Ruit, e 20,-

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