Ars Electronica - Ein Mausoleum für das Internet? Die kinetische Installation „The Object of the Internet“ evoziert mit mechanischen Mitteln den ­Eindruck einer virtuellen Realität. - © Ars Electronica
Ausstellung

Viele Schätze im Chaos

1945 1960 1980 2000 2020

Das Ars Electronica Festival in Linz widmete sich von 5. bis 9. September der „Midlife-Crisis der Digitalen Revolution“, nahm sich aber (zu) große Freiheit für ausschweifende Themen.

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Das Ars Electronica Festival in Linz widmete sich von 5. bis 9. September der „Midlife-Crisis der Digitalen Revolution“, nahm sich aber (zu) große Freiheit für ausschweifende Themen.

„Es ist ein Wahnsinn, wie viel es hier zu sehen gibt“, das hörte man bei der Ars Electronica allerorten. Kein Wunder, denn das Festival schüttete bereits zum 40. Mal ein Füllhorn an spannenden Projekten aus dem Grenzgebiet von Kunst, Forschung und Technik über Linz aus. Die Bilanz: mehr als 1400 beteiligte Künstler und Wissenschaftler, 16 Locations und rund 110.000 Besucher an fünf Tagen. Auch Bundespräsident Van der Bellen lobte die Ars Electronica als etwas weltweit Einzigartiges.

Wenn man der Ars Electronica etwas vorwerfen kann, dann ihre schiere Größe, die nicht wenige Besucher überfordert. Auch die großartige Hauptlocation („PostCity“), das frühere Postverteilerzentrum beim Linzer Bahnhof, kam an ihre Kapazitätsgrenzen: Wer in den ersten Tagen in die Hauptausstellung im Keller („Bunker“) kommen wollte, brauchte Geduld und Glück. Hatte man es dann geschafft, wartete ein wildes Potpourri der Medienkunst: vom mutmaßlich langsamsten Roboter der Welt über eine simple, aber wirkmächtige Arbeit über Zufall und Unendlichkeit bis zu zwei Deep-Learning-Systemen, die Geheimcodes früherer CIA-Operationen neu kombinieren und sich diese gegenseitig „zumorsen“.

„Es ist ein Wahnsinn, wie viel es hier zu sehen gibt“, das hörte man bei der Ars Electronica allerorten. Kein Wunder, denn das Festival schüttete bereits zum 40. Mal ein Füllhorn an spannenden Projekten aus dem Grenzgebiet von Kunst, Forschung und Technik über Linz aus. Die Bilanz: mehr als 1400 beteiligte Künstler und Wissenschaftler, 16 Locations und rund 110.000 Besucher an fünf Tagen. Auch Bundespräsident Van der Bellen lobte die Ars Electronica als etwas weltweit Einzigartiges.

Wenn man der Ars Electronica etwas vorwerfen kann, dann ihre schiere Größe, die nicht wenige Besucher überfordert. Auch die großartige Hauptlocation („PostCity“), das frühere Postverteilerzentrum beim Linzer Bahnhof, kam an ihre Kapazitätsgrenzen: Wer in den ersten Tagen in die Hauptausstellung im Keller („Bunker“) kommen wollte, brauchte Geduld und Glück. Hatte man es dann geschafft, wartete ein wildes Potpourri der Medienkunst: vom mutmaßlich langsamsten Roboter der Welt über eine simple, aber wirkmächtige Arbeit über Zufall und Unendlichkeit bis zu zwei Deep-Learning-Systemen, die Geheimcodes früherer CIA-Operationen neu kombinieren und sich diese gegenseitig „zumorsen“.

Das Festival schüttete bereits zum 40. Mal ein Füllhorn an spannenden Projekten aus dem Grenzgebiet von Kunst, Forschung und Technik über Linz aus.

Besonders eindrucksvoll war die Arbeit „Alter Ego“, die die Grenzen zwischen Ich und Du verschwimmen lässt. Zwei einander gegenüberstehende Menschen, dazwischen eine unsichtbare, nur bei Beleuchtung spiegelnde, ansonsten durchsichtige Scheibe und ein Stroboskop-Blitzlichtgewitter sind die Zutaten für eine durchaus transformative Erfahrung. „Alter Ego“ hinterfragt die moderne Ichbezogenheit mit einem Spiegelbild, dem man ganz und gar nicht trauen kann, das aber gleichzeitig Empathie mit dem Gegenüber herstellt.

Das Problem: Viele spannende Einzelprojekte ergeben nicht zwangsläufig ein größeres Ganzes. Das Festivalthema „Out of the Box. Die Midlife-Crisis der Digitalen Revolution“ versprach gesellschaftspolitische Relevanz, die die Ausstellungen aber nur in wenigen Fällen (Biotech im Bunker, STARTS) einzulösen vermochten. Mit seinem ­„Nespresso Upcycling Lab“, etlichen vorgestellten Start-Ups, Biomarkt, Vorträgen über Flüchtlingsprojekte und Fridays-for-Future-Stand franste das Festival in die verschiedensten Richtungen aus, verlor aber seinen Fokus. Mehr treffsicher kuratierte Bereiche und weniger von Firmen und Organisationen dominierte Open Spaces wären kein Nachteil.

Kreatives Chaos im besten Sinn bot ohnehin der „Campus“-Bereich, in dem die Themenpalette der vorgestellten Kunst- und Technikunis von visualisierten Träumen, Computermäusen in der Midlife-Crisis bis zum Hinterfragen der eigenen Internetnutzung reichte. Mitunter stieß man hier auf die spannendsten Projekte des Festivals. Ein weiteres Highlight war der gut ­kuratierte Animationsfilm-Bereich, in dem ­Themen wie Magersucht, Geschlechter­positionen und Krieg verhandelt wurden – ­etwa mit einem virtuellen 360-Grad-Rundgang durch ein Rohingya-Flüchtlingslager.

Von einer flexiblen Simulationsumgebung für chirurgische Operationen über von Bakterien „gewobene“ Textilien bis hin zur digitalen minutiösen Nachzeichnung eines Neonazi-Mordfalls in Athen reichten die vorgestellten STARTS-Projekte (­Science, Technology, Arts), die von der Europäischen Kommission ausgezeichnet wurden. Auch die Frage, wie selbstfahrende Autos künftig mit menschlichen Verkehrsteilnehmern kommunizieren können, wurde von zwei Werken thematisiert – Rückschlüsse liefern etwa die Perspektive und sensorische Wahrnehmung von Ponys.

Von der Stadtplanung zum Smart Home

Einer der beiden großen STARTS-­Preise ging an einen interdisziplinären Zugang in der Stadtplanung Barcelonas. Mit Big-­Data-Analysen und enger Bürgerpartizipation wurde ein neuer Masterplan für die Stadtentwicklung konzipiert – oberstes Ziel war dabei Lebensqualität. Das ebenfalls ausgezeichnete, dänische „Project Alias“ wiederum ist ein von Pilzen und Parasiten inspiriertes Gerät, das von Smart Home Assistants Besitz ergreift, um deren Datensammelwut in die Schranken zu weisen. Soll uns der digitale Assistent einmal nicht belauschen, beschallt „Alias“ sein Mikrofon mit einem konstanten, leisen Rauschen. Erst wenn man ein „Wake-Wort“ benutzt (etwa: „Alexa!“), hört der Assistent wieder zu. So kann man sich ein Stück Privatsphäre zurückholen.

Das nächste Ars Electronica Festival findet am Campus der Linzer Kepler Universität statt, denn die PostCity muss zum Leidwesen vieler Besucher einem Immobilienprojekt weichen. Bis zum nächsten Festival empfiehlt sich die vor Kurzem runderneuerte Dauerausstellung im Ars Electronica Center, die aktuelle Themen wie Überwachung, Künstliche Intelligenz und Bionik verständlich erklärt.