Maurizio Montalti - © Officina Corpuscoli

Was Mycel alles kann

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Manche Wissenschaftler und Künstler halten Pilze für das Material der Zukunft: Denn die genügsamen Lebewesen könnten die Industrie deutlich nachhaltiger gestalten.

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Manche Wissenschaftler und Künstler halten Pilze für das Material der Zukunft: Denn die genügsamen Lebewesen könnten die Industrie deutlich nachhaltiger gestalten.

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Bis Mitte Februar lief in einer Galerie in Berlin-Pankow die Ausstellung „Artomics“, die Werke von Vera Meyer (Künstlernamen V. meer) präsentierte: Zu sehen waren Skulpturen aus Holz- und Metall-Fundstücken mit Pilzen. Die Kunst ist für Vera Meyer, die eigentlich Biotechnologin ist und die Fachgruppe Angewandte und Molekulare Mikrobiologie der Technischen Universität Berlin leitet, ein Werkzeug zur Wissensvermittlung: Sie möchte zeigen, wie vielgestaltig Pilze sind und welches Potenzial zur Lösung von Zukunftsfragen in ihnen steckt. Meyer hat deshalb gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen verschiedener Disziplinen sowie Künstlerinnen und Künstlern das Citizen-Science-Projekt „Mind the Fungi!“ ins Leben gerufen. Im Berliner Museum Futurium gibt es dazu bis 30. April eine Ausstellung und ein offenes Labor.

Pilze werden gegessen, dienen zur Herstellung von Lebensmitteln oder liefern Wirkstoffe für Medikamente. Seit einigen Jahren wird auch erforscht, ob Pilze umweltschädliche Materialien und Herstellungsprozesse ersetzen können. Im Zuge des Citizen-Science-Projekts wurden gemeinsam mit der Bevölkerung in den Wäldern von Berlin-Brandenburg schon mehr als 70 Baumpilzarten gesammelt und im Labor identifiziert. Die Pilze werden auf verschiedenen pflanzlichen Abfällen wie Stroh, Holzspänen, Hanfschäben oder Getreidespelzen kultiviert und auf ihre Eigenschaften untersucht. Aus Zunderschwamm zum Beispiel, der schon im Neolithikum zum Feuerentfachen verwendet wurde, lassen die Forscher im Labor verschiedene Gegenstände wachsen.

Wer schon einmal einen eingetrockneten Zunderschwamm berührt hat, weiß, wie hart das Material wird. Das eigentlich Spannende für die Forschung und Materialentwicklung sieht man aber üblicherweise nicht: das Pilzmycel. Das Mycel ist die Gesamtheit aller Hyphen bzw. fadenförmigen Zellen eines Pilzes. Das, was für uns sichtbar aus einem Baumstamm oder aus dem Boden wächst, ist nur der Fruchtkörper. Jener Anteil des Pilzes, der im Holz oder im Boden steckt, ist wesentlich größer und fein verzweigt.

Ersatz für Gummi und Leder

Was Mycel alles kann, hat der Ingenieur und Designer Maurizio Montalti entdeckt, als er sich für seine Masterarbeit an der Universität Eindhoven mit der Zersetzung von Materie beschäftigte und die Möglichkeit erhielt, im Labor des Mikrobiologen und Pilzforschers Han Wösten an der Uni Utrecht zu arbeiten. Montalti schleppte Stroh oder Rapsschrot ins Labor und impfte es mit Pilzsporen. Unter den passenden Bedingungen bilden die Hyphen eines Pilzes in biogenem Material ein dichtes Netz und „verdauen“ es. Stoppt man diesen Zersetzungsprozess durch langsames Trocknen des dicht bewachsenen Myzel-Substrats, entsteht ein leichtes und zugleich sehr festes Material. Der italienische Designer war davon so begeistert, dass er sich seit mehr als zehn Jahren mit seinem multidisziplinären Studio „Officina Corpuscoli“ dem Thema Pilze verschrieben hat.

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