Laura Freudenthaler: Die Geister der Erinnerung

1945 1960 1980 2000 2020

Laura Freudenthalers Debütroman "Die Königin schweigt" erzählt von Verlust und Verdrängung.

1945 1960 1980 2000 2020

Laura Freudenthalers Debütroman "Die Königin schweigt" erzählt von Verlust und Verdrängung.

Viel zu melden haben Königinnen in der österreichischen Gegenwartsliteratur nicht, zumindest, wenn man den Titeln glauben will: Olga Flors titelgebende Königin ist tot, Laura Freudenthalers Königin ist auf dem Weg dahin und schweigt. Der erste Roman der 1984 geborenen Salzburgerin erzählt aus der Rückschau einer alten Frau deren Lebensgeschichte: Fannys Kindheit in einem unbenannten Dorf am elterlichen Hof in der Senke, die Ehe mit dem Dorflehrer, die Zeit als Witwe und alleinerziehende Mutter, die Mühseligkeiten des Alters.

Für die meisten bleibt Fanny ihr Leben lang die Schulmeisterin, eine Königin ist sie nur einen Tag lang, beim Faschingsfest der Dorfschule, aber das Gefühl nimmt sie mit. Es ist kein außergewöhnliches Leben, eher ein typisches, trotzdem ist Fanny keine gewöhnliche Frau. Sie reibt sich auf zwischen den Konventionen ihrer Zeit, ihren wechselnden Verpflichtungen als Tochter, Ehefrau, Mutter und Witwe und ihrem Drang nach kleinen Freiheiten, die sie sich dann auch nimmt, aber immer mit schlechtem Gewissen. Die Tristesse des Dorflebens erinnert an die Provinzromane Josef Winklers, doch wo dieser auf das Strukturelle abzielt, nimmt Freudenthaler das Individuelle in den Fokus.

Freudenthaler idealisiert ihre Protagonistin nicht, sie zeigt auch ihre missgünstige, passive Seite und die Schäden, die daraus entstehen. Fannys Leben ist geprägt vom Verlust geliebter Menschen und der Verdrängung der Vergangenheit. Gerade deshalb hadert sie mit den Toten, die Geister schleichen durch das Haus wie durch die Kammern des Gedächtnisses. Man weiß nie, wann sie auftauchen, los wird man sie indes nicht mehr, die Vergangenheit fordert ihr Recht, auch wenn man es vorzieht, darüber zu schweigen. "Die Königin schweigt", weil man Schmerz nicht in Worte fassen kann, weil man über bestimmte Dinge nicht spricht, über den Nachbarn, der sich im Stadel erhängt etwa, nicht in dieser Generation, nicht an diesem Ort.

Die nachfolgenden Generationen werden ihr das zum Vorwurf machen, ihr dieses Schweigen als Nicht-Sehen-Wollen auslegen, als Schweigen, das Schuld über einen bringt. "Die Enkeltochter hatte mit Fanny über Erinnerungen sprechen wollen. Nicht deine Märchen aus dem Dorf, hatte sie gesagt. Die wirkliche Vergangenheit. Fanny hatte gelächelt. Sie hatte nicht verstanden, was das Kind von ihr wollte. Sie wusste es noch immer nicht. Vielleicht hatte das Kind mittlerweile verstanden, dass man die Toten besser ruhen lässt, und war deshalb verschwunden."

Skurriles Debüt

Freudenthalers Debüt, der 2014 erschienene Erzählband "Der Schädel von Madeleine", war radikal in der Beschreibung von Paarbeziehungen in verschiedenen Konstellationen. Tragisch, skurril und düster erzählte sie vom Aufeinandertreffen von Männern und Frauen, einem Geschlechterkrieg, der schon einmal mit einem gespaltenen Schädel enden kann. Nach diesem eindrucksvollen und originellen Erstling ist die Erwartungshaltung entsprechend groß. Wer sich einen ähnlichen Tonfall erwartete, der wird enttäuscht sein. Die ironische Schärfe, die "Der Schädel von Madeleine" auszeichnete, fehlt dem bei Droschl erschienenen Roman komplett. "Die Königin schweigt" ist deutlich konventioneller. Das macht aber nichts, die Qualitäten liegen woanders.

Viel zu melden haben Königinnen in der österreichischen Gegenwartsliteratur nicht, zumindest, wenn man den Titeln glauben will: Olga Flors titelgebende Königin ist tot, Laura Freudenthalers Königin ist auf dem Weg dahin und schweigt. Der erste Roman der 1984 geborenen Salzburgerin erzählt aus der Rückschau einer alten Frau deren Lebensgeschichte: Fannys Kindheit in einem unbenannten Dorf am elterlichen Hof in der Senke, die Ehe mit dem Dorflehrer, die Zeit als Witwe und alleinerziehende Mutter, die Mühseligkeiten des Alters.

Für die meisten bleibt Fanny ihr Leben lang die Schulmeisterin, eine Königin ist sie nur einen Tag lang, beim Faschingsfest der Dorfschule, aber das Gefühl nimmt sie mit. Es ist kein außergewöhnliches Leben, eher ein typisches, trotzdem ist Fanny keine gewöhnliche Frau. Sie reibt sich auf zwischen den Konventionen ihrer Zeit, ihren wechselnden Verpflichtungen als Tochter, Ehefrau, Mutter und Witwe und ihrem Drang nach kleinen Freiheiten, die sie sich dann auch nimmt, aber immer mit schlechtem Gewissen. Die Tristesse des Dorflebens erinnert an die Provinzromane Josef Winklers, doch wo dieser auf das Strukturelle abzielt, nimmt Freudenthaler das Individuelle in den Fokus.

Freudenthaler idealisiert ihre Protagonistin nicht, sie zeigt auch ihre missgünstige, passive Seite und die Schäden, die daraus entstehen. Fannys Leben ist geprägt vom Verlust geliebter Menschen und der Verdrängung der Vergangenheit. Gerade deshalb hadert sie mit den Toten, die Geister schleichen durch das Haus wie durch die Kammern des Gedächtnisses. Man weiß nie, wann sie auftauchen, los wird man sie indes nicht mehr, die Vergangenheit fordert ihr Recht, auch wenn man es vorzieht, darüber zu schweigen. "Die Königin schweigt", weil man Schmerz nicht in Worte fassen kann, weil man über bestimmte Dinge nicht spricht, über den Nachbarn, der sich im Stadel erhängt etwa, nicht in dieser Generation, nicht an diesem Ort.

Die nachfolgenden Generationen werden ihr das zum Vorwurf machen, ihr dieses Schweigen als Nicht-Sehen-Wollen auslegen, als Schweigen, das Schuld über einen bringt. "Die Enkeltochter hatte mit Fanny über Erinnerungen sprechen wollen. Nicht deine Märchen aus dem Dorf, hatte sie gesagt. Die wirkliche Vergangenheit. Fanny hatte gelächelt. Sie hatte nicht verstanden, was das Kind von ihr wollte. Sie wusste es noch immer nicht. Vielleicht hatte das Kind mittlerweile verstanden, dass man die Toten besser ruhen lässt, und war deshalb verschwunden."

Skurriles Debüt

Freudenthalers Debüt, der 2014 erschienene Erzählband "Der Schädel von Madeleine", war radikal in der Beschreibung von Paarbeziehungen in verschiedenen Konstellationen. Tragisch, skurril und düster erzählte sie vom Aufeinandertreffen von Männern und Frauen, einem Geschlechterkrieg, der schon einmal mit einem gespaltenen Schädel enden kann. Nach diesem eindrucksvollen und originellen Erstling ist die Erwartungshaltung entsprechend groß. Wer sich einen ähnlichen Tonfall erwartete, der wird enttäuscht sein. Die ironische Schärfe, die "Der Schädel von Madeleine" auszeichnete, fehlt dem bei Droschl erschienenen Roman komplett. "Die Königin schweigt" ist deutlich konventioneller. Das macht aber nichts, die Qualitäten liegen woanders.

Freudenthalers Text lebt von ihrem virtuosen Umgang mit Leerstellen, davon wie sie das Tabuisierte in ihre Erzählästhetik integriert.

Obwohl es sich um einen Roman handelt, ist Freudenthaler der kurzen Form dankenswerterweise treu geblieben. Reduziert und mit Blick auf das Wesentliche begleitet sie Fannys Leben in kurzen Episoden und Bildern. Der distanzierte Realismus wird gebrochen durch Träume und Erinnerungsfetzen, fantastische Einsprengsel, die der Geist selbst generiert, um die Härte des Lebens ertragen zu können. Freudenthalers Text lebt von ihrem virtuosen Umgang mit Leerstellen, davon wie sie das Tabuisierte in ihre Erzählästhetik integriert. Freilich hat das auch mit der Erzählperspektive zu tun, die ganz nah am Wahrnehmen und Empfinden der alten Frau bleibt. Erinnerung ist nun einmal nicht kongruent, sie hakt an den immer gleichen Ereignissen, was nicht erzählt wird, gerät in Vergessenheit. Depression, Verlust und Suizid sind die Lebensthemen Fannys. Das Grauen wird in Nebensätze verbannt, gerade so, wie Fanny es beiseite zu schieben versucht. Ihr Heimatdorf besucht sie nicht mehr, auf den Beerdigungen der wichtigsten Menschen in ihrem Leben taucht sie nicht auf. Ganz unaufdringlich markiert Freudenthaler die unterschiedlichen Lebensstationen durch sachte Perspektivenwechsel. Als kleines Mädchen sieht sie, unter dem Tisch sitzend, nur die Beine der Mutter, die Zeit als Schulmeisterin verbringt sie im Haus, sprachlos und versteinert liegt sie in der Dunkelheit, während sie wartet, bis ihr Mann betrunken vom Wirtshaus zurückkommt. Erst als Witwe erweitert sich ihre Perspektive, sie beginnt zu reisen. Und schließlich, als alte Frau, hält die Königin Hof in ihrem Haus, euphemistisch formuliert, in ihrer Welterfahrung ist sie auf Anrufe, Postkarten und gelegentliche Besuche zurückgeworfen.

"Die Königin schweigt" ist auch ein Roman über das Alter. Nicht viele junge Autorinnen und Autoren wagen sich an dieses Sujet, das wenig Spektakuläres zu bieten hat, keine unerhörten Ereignisse, dafür schmerzende Glieder, Gummieinlagen im Bett, zunehmende Immobilität und quälende Einsamkeit. Groß ist auch die Gefahr, in einen paternalistischen, mitleidigen Erzählduktus zu verfallen und die Alten zu infantilisieren oder gar zu verniedlichen. In diese Falle tappt Freudenthaler nicht. Wie sie vom Alter erzählt, wie sie die Balance hält zwischen den Banalitäten und Routinen des Alltags und den Katastrophen des Lebens, ist kunstvoll und sehr konzentriert. Freudenthaler zeigt, dass große Literatur nicht zwangsläufig aus großen Geschichten und außergewöhnlichen Ereignissen erwächst. Wie etwas erzählt wird, ist oft wesentlich wichtiger als was.

Buch

Die Königin schweigt

Roman von Laura Freudenthaler
Droschl 2017
208 S., geb., € 20,-

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