Lenny Bernsteins verwahrlostes Erbe

Können Sie sich noch an "Lenny“ erinnern? Sogar die Taxifahrer nannten ihn so. Der lässige und charmante Kettenraucher und Whiskytrinker war damals in Wien durchaus populär. Seine Opernproduktionen waren legendär. Der vor mehr als zwei Jahrzehnten verstorbene Leonard Bernstein war eine charismatische Persönlichkeit.

Der Staatsoper und den Wiener Philharmonikern war er verbunden wie kaum ein anderer Künstler. Mit großer Bescheidenheit ist er in den Sechzigerjahren vor die keineswegs motivierten Musiker getreten, um mit den Worten "Ich hoffe, dass ich etwas von Ihnen lernen kann“ zum ersten Mal mit ihnen Werke von Mozart einzustudieren. Die Symphonien des von ihm geliebten Gustav Mahler, die in dessen Heimatstadt so lange verboten und vergessen waren, setzte er gegen so manchen Widerstand durch und erinnerte sich später, wie die Musiker bei den Proben "Scheißmusik“ gerufen hatten. Freilich war das alles vergessen, da der Dirigent und das Orchester von dieser Zusammenarbeit sowohl künstlerisch als auch finanziell profitierten.

Auch wenn jetzt längst eine neue Generation von Musikern an den Pulten sitzt und andere Manager planen, gilt es doch Traditionen nicht abreißen zu lassen. Zu Bernsteins Lebzeiten wurden dessen Werke aufgeführt. Die Philharmoniker spielen heute freilich lieber Filmmusik wie "Star Wars“ als Konzertstücke ihres einstigen Freundes, und in der Staatsoper war soeben - warum auch immer - Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (s. S. 14) zum ersten Mal zu sehen. Eine "West Side Story“ hat man dort nie in Erwägung gezogen. Bernsteins geniales Meisterwerk überließ man der Met und anderen internationalen Häusern. Wenigstens in der Volksoper erinnert man sich an Lenny. Dort spielt man "Candide“ (S. 14) . Allerdings nicht szenisch, sondern nur konzertant. Ein Armutszeugnis!

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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