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Mit Mühe zu Wittgenstein

Wie Philosophie zum Theaterereignis werden kann: "Wittgenstein Incorporated".

Ein Stück Parkettboden, graue Wände, ein Stuhl, ein zweiter ist im Hintergrund zwischen den Wänden erkennbar, und ein Schauspieler in einer langen rotbraunen Lederhose und einem grauen Hemd - das ist alles, was es bei "Wittgenstein Incorporated" zu sehen gibt. Die Festwochenproduktion und deutschsprachige Erstaufführung im Wiener Museumsquartier lebt vom Text - der "als Einübung in das Denken eines anderen geschrieben" wurde - und vom Akteur: Ulrich Mühe.

Hohe Philosophie als Solonummer auf dem Theater - kann das gelingen? Der Niederländer Peter Verburgt hat den Versuch gewagt und mit dem Regisseur Jan Ritsema Erstaunliches erreicht. Atemlos verfolgt das Publikum zwei Stunden lang, wie die Figur des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, seine legendären Freitag-Abend-Vorlesungen in Cambridge, sein Ringen um Worte, die Reaktionen seiner Zuhörer lebendig werden. Das Vordringen zu Wittgenstein erfordert natürlich im wahrsten Sinn des Wortes Mühe - seitens des Publikums und seitens des Darstellers, der sich eine ungeheure Textmenge merken und sehr präzise sprechen muss.

Ulrich Mühe, der keineswegs Wittgenstein darstellt, sondern einen einfühlsamen Erzähler, der natürlich in Sprache, Gestik und Mimik und mit einem Schuss Humor immer wieder Wittgenstein und sein Auditorium plastisch erstehen lässt, vollbringt eine gigantische Leistung. Ganz selten rätselt man, ob er jetzt als Wittgenstein über eine philosophische Frage oder als Schauspieler über die nächste Textpassage grübelt, doch nie lässt er das Publikum aus seinem Bann, sondern er hält es viel mehr den ganzen Abend in Spannung.

Dem Autor ging es, wie er selbst schreibt, mehr darum, "wie" so ein Abend in Cambridge ablief, weniger darum, "was" inhaltlich dabei herauskam. Deutlich wird, dass Wittgenstein sich intensiv mit dem Thema Glauben und Wissen beschäftigte und dass er vor allem jegliche, von keinerlei Zweifeln angenagte Selbstsicherheit in Frage stellte, die der überzeugten "Gläubigen" ebenso wie die der auf ihre Vernunft pochenden "Ungläubigen". Sein Ansatz - Philosophie hat vor allem die Aufgabe, die richtigen Fragen zu stellen - ist und bleibt aktuell.

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