Pantheon unserer Zeit

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In Cartier-Bressons Porträts spielt stets die Umgebung mit.

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In Cartier-Bressons Porträts spielt stets die Umgebung mit.

Der arme Jude, den Henri Cartier-Bresson 1931 im Warschauer Ghetto fotografierte, der Mexikaner in Oaxaca, der Revolutionär Che Guevara, der Herzog und die Herzogin von Windsor: Sie alle sind Teil jenes Pantheons des 20. Jahrhunderts, als welches man das porträtistische Werk von Henri Cartier-Bresson mit vollem Recht bezeichnet hat. Doch vor allem haben ihn die Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler interessiert. Ein besseres Camus-Porträt als jenes mit dem Zigarettenstummel im Mund und dem aufgestellten Mantelkragen, ein rätselvolleres Bild Samuel Becketts als das, auf dem er auf etwas ihn äußerst ambivalent Faszinierendes zu blicken scheint, ein sprechenderes von Jean Genet als das mit der Zigarre und dem listig-ironischen Lächeln im Pariser Straßencafe, wird man schwer finden. Doch Cartier-Bresson verstand es auch, das großbürgerliche Ambiente eines Komponisten oder Malers, beispielsweise in den Porträts von Igor Strawinsky oder Giorgio de Chirico, als zur Persönlichkeit gehörig erkennbar zu machen - ohne einen erkennbaren Hauch von Ironie. Es ist ja das Milieu, dem auch er selbst entstammt.

Der Bildband "Tete a Tete" ist, wie man sieht, überaus anregend. Neben einer Auswahl der fotografischen Porträts enthält er auch eine Reihe von Porträtzeichnungen: Gekonnt, begabt, aber Cartier-Bressons Metier war das nicht. Die Bilder sind so gedruckt, daß erkennbar ist, daß es sich um vollständiger Negative und nicht Ausschnitte handelt: Ein legendäres Statussymbol Cartier-Bressons, der heuer 90 wird. Das Buch ist auch kulturhistorisch eine Fundgrube.

TETE A TETE Von Henri Cartier-Bresson Essay: Ernst H. Gombrich Verlag Schirmer/Mosel, München 1998 144 Seiten mit 142 Duotone-Abbildungen, geb., öS 715,

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