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Unser Cimrman

Ein Prager Theater feierte seinen 35. Geburtstag und ganz Tschechien feierte mit.

Nationale Kulturen kennen ihre Exportartikel, die in der ganzen Welt berühmt sind. Doch oft gleichen die preisgekrönten Produktionen einander wie ein Ei dem anderen. Auf das "Theater des Jára Cimrman" hingegen wird kein Tscheche stolz sein, denn kaum jemand kennt es außerhalb seines Landes. Dafür ist er dort, hinter dem Vorhang der eigenen Sprache und des eigenen nationalen Horizonts, ganz er selbst.

"Neuer Cimrman!" verkündeten die "Lidové Noviny" in einem dicken Balken auf der Titelseite und in der Sonntagsbeilage widmete die Qualitätszeitung den beiden Protagonisten Zdenék SvÇerák und Ladislav Smoljak sowie ihrem "Leben mit einem Genie" drei volle Seiten. Es hat in den Neunzigern schon eine Saison gegeben, in denen die Werke des Jára Cimrman nach jenen Shakespeares Platz zwei in der Aufführungsstatistik der tschechischen Bühnen eingenommen haben. 16 Voraufführungen, von Ostrau bis Pilsen, von Tetschen bis Kuttenberg, machten auch beim neuen Opus "Afrika" deutlich, dass es sich bei Jára Cimrman um eine nationale Institution handelt.

Wie das, wo doch im Ausland, von der Slowakei und einigen Aufführungen in Polen abgesehen, kaum jemand von dieser "Legende des tschechischen Humors" und deren "Meisterwerken der dramatischen Weltliteratur" Kenntnis genommen hat? Selbst Zdenék SvÇerák, der durch den oscargekrönten Film "Kolja" international bekannt geworden ist, wird im Ausland nicht mit Jára Cimrman in Verbindung gebracht. Eine Erklärung für diese Lücke mag ein Ausspruch des langjährigen Intendanten der Wiener Festwochen, Ulrich Baumgartner liefern, an den sich Ladislav Smoljak in den "Lidové Noviny" erinnert und den die Zeitung im deutschen Original wiedergibt: "Ich bin der Intendant des Weltfestivals und eine solche Studenten-Dilettantengruppe interessiert mich nicht."

Prager Frühling

In der Tat ist es bis heute für die Mitwirkenden dieses Theaters Bedingung, dass sie über keine abgeschlossene Schauspielausbildung verfügen, dass sie männlichen Geschlechts sind und denselben Sinn für Humor mitbringen. Solche nicht gerade fortschrittlichen Postulate mussten und müssen den Anhängern der Political Correctness wie der Professionalität suspekt erscheinen. Am Vorabend des "Prager Frühlings", als der rigorose Kommunismus mit seinem Leistungswahn, seiner Gleichschaltung auch der Geschlechter und seinem tödlichen Ernst immer absurder erschien, mussten aber gerade Dilettantismus, Männerkumpanei und hemmungslose Phantasie eine besondere Faszination ausüben.

Fingierte Figuren

Um die Katze aus dem Sack zu lassen: Jára Cimrman hat nie gelebt, die Texte werden vom Duo SvÇerák und Smoljak verfasst. Ausgehend von der großen Resonanz auf die von ihm mitgestaltete Radioserie über die "alkoholfreie Weinstube zur Spinne", die mit Mystifika-tionen und Pseudowissenschaft punktete, hatte der Schriftsteller JiÇrí ÇSebánek im Oktober 1966 den Einfall, ein Theater zu gründen, das ausschließlich die Werke eines nicht existierenden Dichters aufführen sollte. Zu Weihnachten 1966 wurde in der Radioserie verkündet, man sei in einer Hütte im nordböhmischen Liptákov auf den Nachlass des vergessenen Genies gestoßen. Es erhielt den Namen eines Bildhauers und Dampfwalzenfahrers aus besagter Radioserie.

Für den 4. Oktober 1967 war die Aufführung zweier Einakter aus diesem fingierten Nachlass angesetzt. Da aber bis dahin nur "Der Akt" fertiggestellt war und "Das häusliche Schlachtfest" noch auf sich warten ließ, kam das Team, das sich mittlerweile zusammengefunden hatte, auf die Idee, dem Einakter ein Seminar von Cimrmanologen voranzustellen und nach der Pause die Aufführung durch eben diese "Wissenschaftler" folgen zu lassen. Das Schema wurde beibehalten. Weiters wurde beschlossen, dass keines der Stücke je aus dem Repertoire genommen werden, es also keine "Derniera" geben sollte, die in Tschechien oft ebenso groß angekündigt wird wie die Premiere. Mindestens einmal in jedem Jahr wird seither jedes der nunmehr fünfzehn Stücke aufgeführt.

Keine Satire!

Von der "Malostranská beseda" am Kleinseitner Ring wurde das Ensemble, das zwar nie so ätzend wurde wie Václav Havel oder Pavel Kohout ("Keine Satire!" hatte JiÇrí ÇSebánek dekretiert), das aber doch nur widerwillig geduldet wurde, von den Behörden zwischen Stadtmitte und Stadtrand hin- und hergeschoben, bis es 1992 durch seinen ersten freiwilligen Umzug ein bleibendes Heim in der Vorstadt ÇZiÇzkov hinter dem Hauptbahnhof gefunden hat.

Das ist nun nicht gerade ein Nobelbezirk, aber Jára Cimrman, so seine fingierte Vita, stammte ja selbst aus ärmlichen Verhältnissen und verstand sich als Anwalt der kleinen Leute. Das kammerspielartige Theater mit seinen eigenartig verwinkelten Sitzreihen hat zudem eine Vorgeschichte, die zum abenteuerlichen Leben des Genies vortrefflich passt: Der ursprüngliche Tanzsaal eines Gasthauses wurde in der Monarchie in eine Notkirche, später in eine Schulkapelle umgewandelt, nach 1918 wieder profaniert, zu Ehren des Staatsgründers Masaryk-Saal benannt und für volksbildnerische Zwecke adaptiert.

Mehr als 2.823.000 Besucher haben die bisher 9.410 Vorstellungen des Ensembles besucht, und an der Kassa hat man schon vorgedruckte Karten für jene Sessel bereit, die zu den Sitzreihen bei Bedarf hinzugestellt werden. Das Publikum reicht von Studenten und Professoren bis zu den einfachen Leuten aus der Umgebung, und wenngleich enorme historische und literarische Kenntnisse vorausgesetzt werden, um die zahllosen Anspielungen in ihrer ganzen Hintergründigkeit zu verstehen, sind die meisten Scherze doch allen zugänglich.

Gespreizte Beine

Einen authentischen Zugang zum Werk Jára Cimrmans auch für jene, die der tschechischen Sprache nicht mächtig sind, bietet eine Dauerausstellung im Keller des renovierten Aussichtsturms auf dem PetÇrín: Der kleine Eiffelturm gewährt damit nicht nur den umfassendsten Ausblick auf die Goldene Stadt, sondern auch einen tiefen Blick in deren Seele. Auf den ersten Blick erinnert das adrett arrangierte Panoptikum an das Karl-Valentin-Musäum in München, mit Exponaten wie jener Mundpfeife, in die Cimrman eine Erbse hineinfiel, wodurch sie zur ersten Mundpfeife mit ununterbrochenem Pfiff wurde, oder einer Zange für die Extraktion von Kamelzähnen.

Aber die Vermengung der Absurditäten mit einer seriösen Abteilung über die Landesausstellung von 1891 und den Klub der tschechischen Touristen ist doch zu auffällig, um übersehen zu werden. Spätestens beim Modell der "ursprünglichen Form des Pariser Aussichtsturms, bevor Cimrman Ing. Eiffel beraten hat, die Beine zu spreizen", wird auch den Lesern der deutschen und englischen Beschriftung klar, dass sie hier auf die Schaufel genommen werden.

Und Besuchern aus Österreich kann natürlich auch nicht verborgen bleiben, dass das Leben des "eigenständigen Dramatikers, Philosophen, autodidaktischen Gynäkologen, Schifahrers, aufrichtigen Freundes und Lehrers Albert Einsteins, Erfinders und Daltonisten sowie aufrichtigen Feindes T.A. Edisons" von A bis Z durchsetzt ist mit österreichischen Bezügen: vom tschechisierten Namen Zimmermann und der Geburt in Wien bis zur Verkleidung als Nonne, um der Einrückung in die kaiserliche Armee zu entgehen. Auch hinter dem Titel des neuen Stücks verbirgt sich ein österreichisches Thema: Cimrman begibt sich zu den Pygmäen, um sie für die tschechische Sache zu gewinnen und dadurch das Gewicht der Tschechen in Österreich-Ungarn zu verstärken.

Joghurt

Es ist der sarkastische Umgang mit der nationalen Geschichte, der Jára Cimrman unverwechselbar macht. So heißt es von ihm auf der Homepage des Theaters: "Patriotismus ist einer seiner Wesenszüge. Für ihn schmachtete er in den habsburgischen Kerkern, für ihn lernte er fast fließend Tschechisch sprechen."

Die Homepage des Theaters führt nicht weniger als 26 Varianten von Cimrmans Verschwinden an, verlaufen sich doch die Spuren des 1857, 1864, 1867, 1892 oder 1893 geborenen Universalgenies im Jahre 1914. Aber der gute Mann ist längst Realität geworden, in Olmütz wurde sogar eine Straße nach ihm benannt und in BöhmischLeipa die Produktion von Cimrman-Joghurt aufgenommen. Václav Havel hat es in einem Autograf in der Dauerausstellung auf den Punkt gebracht: "Cimrman wird uns alle überleben."

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