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Brasilien, ein Land in Massenhysterie

Die Meinungsforschung ist bereits sicher: "Brasiliens Donald Trump" Jair Bolsonaro wird die Stichwahl vom 28. Oktober sicher gewinnen. Das hat offenbar auch seine Anhänger ermutigt. Sie richten schon jetzt ihre Aggressionen gegen all jene, die sie als Feinde ihres Idols wähnen. Während einer beispiellosen Hetzkampagne hat Bolsonaro aufgerufen, politische Gegner wahlweise einzusperren oder umzubringen. Seine homophoben, frauenfeindlichen und rassistischen Sprüche sind in aller Munde. Gerne kopieren Fans die Geste der mit Daumen und Zeigefinger zur Pistole gewandelten Faust, die signalisieren soll: keine Gnade für Kriminelle, Drogensüchtige oder einfach Andersdenkende.

Publico, eine brasilianische Agentur für investigativen Journalismus, hat allein zwischen 30. September und 10. Oktober 71 politisch motivierte Aggressionen dokumentiert. Davon waren 50 eindeutig Bolsonaro-Anhängern zuzuordnen, einer davon tödlich. Sechs richteten sich gegen Bolsonaro-Fans und 15 konnten keiner Gruppe eindeutig angelastet werden.

Kandidat der Großgrundbesitzer

Bolsonaro, der von Industrie und Großgrundbesitzern favorisiert wird, gibt gerne zu, dass er selbst von Wirtschaft keine Ahnung hat, will aber mit Paulo Guedes einen bekannten Neoliberalen zum Wirtschaftsminister machen, dessen Dogma die Privatisierung von Staatsbetrieben und der Sozialversicherung ist. Alle, die Klimawandel für eine Erfindung weltfremder Umweltschützer halten und den Regenwald als Entwicklungshindernis sehen, das schnellstens in Soja-Monokulturen umgewandelt werden sollte, versprechen sich von Bolsonaro die Erfüllung ihrer verwegensten Wünsche.

Auf der anderen Seite steht Fernando Haddad, der Vertreter der Arbeiterpartei PT, der in letzter Minute für Lula da Silva einspringen musste, den charismatischen Ex-Präsidenten, der die Wahlen vermutlich gewonnen hätte, wenn er nicht wegen eines schwach begründeten Korruptionsvorwurfs zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden wäre. Haddad war in der Wirtschaftsmetropole São Paulo als Bürgermeister beliebt, lässt aber das Charisma und die Begeisterungsfähigkeit Lulas vermissen.

Der Sozialdemokrat versucht sich vor allem als Gegenprogramm zu positionieren und schießt sich auf Bolsonaros offen faschistische Botschaften ein. Mit geringem Erfolg. Laura Carvalho, die an der Universität von São Paulo Volkswirtschaft lehrt, rät Haddad, sich auf seine Stärken zu konzentrieren: "Statt Rassismus und Frauenfeindlichkeit anzuprangern, was wenig gebracht hat, sollte er sein Wirtschaftsprogramm in den Fokus rücken und darauf hinweisen, was Bolsonaro für die Arbeiterschaft bedeuten würde".

Bolsonaro, ein ehemaliger Fallschirmjägerhauptmann, der in seinem 20-jährigen Hinterbänklerdasein im Kongress von einer Partei zur anderen wechselte und es dabei auf selbst für brasilianische Verhältnisse rekordverdächtige neun Gesinnungsgemeinschaften gebracht hat, ist gerade durch seine extremistischen Sprüche populär geworden. Lieber würde er einen Sohn durch einen Autounfall verlieren als durch ein Bekenntnis zur Homosexualität. Seine Frauenfeindlichkeit gipfelte 2014 in der Bemerkung gegenüber einer Abgeordneten, sie sei zu hässlich, um vergewaltigt zu werden.

Das Phänomen Bolsonaro ist nur vor dem Hintergrund eines gigantischen Korruptionsskandals erklärbar, der praktisch die gesamte politische Klasse Brasiliens betrifft, vor allen Dingen aber die PT.

Präsidentin Dilma Rousseff wurde vor zwei Jahren wegen Budgetkosmetik abgesetzt, Ex-Präsident Lula sitzt eine 12-jährige Haftstrafe ab. "Die traditionelle Elite verzeiht ihnen nicht, dass sie nicht nur Millionen Menschen aus der Armut geholt, sondern auch die Aufstiegschancen der Unterschicht verbessert haben", meint der Politologe Bernhard Leubold von der Uni Wien. Er hat Fotos von empörten Demonstranten, die mit Transparenten wie "Auf dem Flughafen geht es zu wie auf dem Busbahnhof" oder "Ich finde kein Hausmädchen für 24-Stunden-Einsatz mehr" auf die Straße gingen.

Mit Trump-Taktik ins Amt?

Eine Messerattacke eines offensichtlich verwirrten Mannes auf Bolsonaro brachte den Kandidaten ins Krankenhaus, er wurde zum Medienstar. Mit Hinweis auf seine Rekonvaleszenz ersparte er sich auch die Fernsehdebatten mit den anderen Kandidaten. Er kommuniziert lieber über die evangelikalen Medien, die seine Propagandasprüche unhinterfragt reproduzieren.

Bolsonaro bedient sich im Stil von Donald Trump der sozialen Medien. Haddad hat nachgewiesen, dass Agenturen wie die berüchtigte Cambridge Analytica, die auch zum Wahlergebnis der USA beigetragen haben dürfte, spezifische Wählersegmente mit Falschmeldungen bombardiert. "Würde man WhatsApp für drei Tage abschalten, dann wäre Bolsonaro weg vom Fenster", glaubt Haddad.

Selbst den Machern von Rede Globo, dem mächtigsten Medienkonzern Brasiliens, der nicht unwesentlich zur Dämonisierung und Absetzung Rousseffs beigetragen hat, wird angesichts der von Bolsonaro losgetretenen Pogromstimmung mulmig. Einen Umschwung bei der aufgeheizten Wählerschaft dürfte aber auch dieser Gigant der Meinungsbildung nicht zustande bringen.

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