Das Ereignis - © Foto: Prokino

Verfilmung von Annie Ernaux „Das Ereignis“: Das Verschwiegene

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Ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen für den „Besten Film“ bei den Filmfestspielen in Venedig: Audrey Diwan hat „Das Ereignis“ von Annie Ernaux verfilmt und eine entsprechende Form gefunden.

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Ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen für den „Besten Film“ bei den Filmfestspielen in Venedig: Audrey Diwan hat „Das Ereignis“ von Annie Ernaux verfilmt und eine entsprechende Form gefunden.

„Mein doppelter Wunsch: daß das Ereignis zum Geschriebenen werde. Und das Geschriebene Ereignis sei.“ Mit diesem Motto von Michel Leiris beginnt Annie Ernaux 2000 ihre Prosa „Das Ereignis“, die 2021 auch auf Deutsch erschienen ist. Die „Ethnologin ihrer selbst“ ist schreibend unterwegs zu Ereignissen aus ihrer Vergangenheit, und „schreibend“ meint hier wirklich einen Prozess, bei dem erst etwas sichtbar wird. Ernaux’ Bücher sind aber immer auch Forschungsreisen in die Gesellschaft und zu deren Rahmen und Bedingungen, in denen Ernaux – aber eben nicht nur sie – lebte und lebt. So sind ihre Bücher zwar einerseits autobiografisch, zugleich aber immer auch viel mehr als das, nämliche soziologische Erkundungen. Kennzeichnend für ihr Schreiben sind unter anderem der nüchterne Blick und die ständigen Selbstbefragungen, auch hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der Quellen: Was ist denn von der eigenen Erinnerung belegt und wodurch? Es gibt Kalendereinträge und Notizen – und dann kann sie noch eintauchen in die Bilder, „bis mir Worte einfallen, von denen ich sagen kann, ‚das ist es‘“.

Den erforschenden Blick behält sie selbst bei der Beschreibung auch noch so schlimmer Ereignisse, mehr noch, dieser scheint ihr umso wichtiger genau dort, wo normalerweise Aussparungen weitergereicht werden und Tabus somit Tabus bleiben. „Auch wenn Abtreibungen in vielen Romanen vorkamen“, schreibt Ernaux, „wurde nie genau beschrieben, wie sie vonstatten gingen. Zwischen dem Moment, in dem eine junge Frau merkt, dass sie schwanger ist, und dem Moment, in dem sie es nicht mehr ist, gibt es eine Ellipse.“ Diese Leerstelle füllt sie in ihrem Text aus, sie schaut grausam genau hin, selbst auf Stricknadeln und Sonde, die dem heranwachsenden Embryo das Leben nehmen sollen. Aber: „Wenn ich diese Erfahrung nicht im Detail erzähle, trage ich dazu bei, die Lebenswirklichkeit von Frauen zu verschleiern“.

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