Anne Tylers empathisches Einzelgänger-Porträt

1945 1960 1980 2000 2020

„Der Sinn des Ganzen“ – ein kleines Meisterstück über die Verlorenheit des Menschen.

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„Der Sinn des Ganzen“ – ein kleines Meisterstück über die Verlorenheit des Menschen.

Es gehört zum schwersten in der Literatur, einen ganz gewöhnlichen Menschen zu beschreiben. Schon Flaubert wusste das – und schuf Charles, den wunderbar farblosen Ausbund von gutmütigem Ehemann der Emma Bovary.

Ganz so erhaben über eintönige Schlichtheit ist der Protagonist Micah Mortimer in Anne Tylers Roman „Der Sinn des Ganzen“ zwar nicht. Doch auch er huscht durchs Leben wie ein Schatten seiner selbst: unaufgeregt, freundlich, selbstlos. Sein Leben hat der Computerfachmann im Vorsichtgang angelegt, stets bremsbereit: ein Einzelgänger und Eigenbrötler, der sich und sein abgeschottetes Dasein offenbar nie in Frage stellt. „Ich bin wohl ziemlich berechenbar“, sagt er selbst über sich.

Der 40-jährige Micah Mortimer ist, nachdem er einmal im Angestelltenverhältnis Schiffbruch erlitten hat, seit langem selbstständig. Als fahrender Reparaturhändler besucht er Kunden, die seine Hilfe bei Mängeln von Computern, Modems, Kabelanschlüssen benötigen. Das Firmenschild „Tech-Eremit“ leuchtet vom Dach seines kleinen Wagens, mit dem er auf Anruf zu Klienten in seiner Heimatstadt Baltimore unterwegs ist. Ein bescheidenes Einzelunternehmen, das er durch den Nebenjob als Hausmeister in seiner Wohnanlage zu ergänzen sucht. Dabei kommt ihm sein Hang zu Pünktlichkeit und penibler Sauberkeit sehr entgegen. Vor nichts hat Micah mehr Angst als vor dem Chaos, vor häuslicher Unordnung wie auch vor Irritationen in seinem Lebensalltag. Ausgerechnet bei diesem Kontrollsüchtigen zieht schlagartig die Veränderung ein.

Zuerst will seine Freundin Cass, mit der er eine Beziehung auf Distanz, mit Gelegenheitstreffen in getrennten Wohnverhältnissen, unterhält, plötzlich bei ihm einziehen: Ihr droht die Kündigung, weil sie das Haustierverbot missachtet hat. Und dann schneit noch am selben Tag ein junger Mann bei Micah herein, der behauptet, sein Sohn zu sein. Beides vermag der ängstliche Einzelkämpfer Micah abzuwehren: Dem Jungen kann er klarmachen, dass er schon aus rechnerischen Gründen nicht sein Vater sein kann, abgesehen davon, dass er dessen Mutter, seiner ­Jugendliebe, körperlich niemals zu nahe kam.

Und auch das Ansinnen von Cass weiß er abzuwehren: Eine Gemeinsamkeit unter demselben Dach kommt für ihn nicht in Frage. „Wenn Micah aus seinen früheren Beziehungen eine Erkenntnis gewonnen hatte, dann die, dass es unschön wurde, wenn man Tag und Nacht mit einer Frau zusammenlebte“, kommentiert die Erzählerin. Wobei das mit den früheren Beziehungen nie so weit her war. Zuletzt dämmert dem scheuen Single dann doch, dass ein Leben auf emotionaler Sparflamme nicht so bekömmlich sein mag. Ungewiss bleibt, ob sich sein Wunsch nach Veränderung erfüllen wird.

Die 80-jährige Autorin Anne Tyler ist Spezialistin für komplizierte Lebensentwürfe im immer bedrohlicher absinkenden amerikanischen Mittelstand. Die Verlorenheit des Menschen in den Bildern Edward Hoppers – hier wird sie, mit viel Empathie und stilistischem Fingerspitzengefühl, in ein sinnfälliges Einzelgänger-Porträt des gegenwärtigen US-Lebensstils umgesetzt. Ein kleines Meisterstück.

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