Die Schulden und die Zukunft

John Stuart Mill fragte schon 1846 die entscheidende Frage: "Wo liegt der ultimative Punkt, zu dem die Gesellschaft durch industriellen Fortschritt vordringen kann? Wenn der Fortschritt aufhört, in welchem Zustand wird er die Menschheit zurücklassen?“ John Maynard Keynes setzte große moralische Erwartungen in die Ökonomie - er glaubte, der zunehmende Reichtum würde einen "neuen Adam“ hervorbringen, einen Menschen mit vollkommen geänderter Moral. Keynes schrieb das 1931 und er glaubte, dass die Wirtschaftsfrage innerhalb von hundert Jahren "gelöst - oder zumindest einer Lösung nahe“ sein könnte. Nach dieser Rechnung hätten wir also nur noch rund 20 Jahre bis zur Erfüllung der Prophetie. Man könnte deshalb annehmen, es gäbe bereits sichtbare Tendenzen, wie diese Lösung aussehen könnte. Aber nein, es gibt sie nicht - nicht einmal annähernd.

Wird das System in einem finanziellen Armageddon zusammenbrechen? Ein Zusammenbruch, der, wie es uns scheint, an einem geisterhaften Ort nur darauf lauert, zuzuschlagen, während wir selbst die Kontrolle über das System verloren haben? Speziell, wenn wir an unsere Staatsschulden denken, scheint es eine Subjekt-Objekt-Umkehr gegeben zu haben: Wir kontrollieren unsere Schulden nicht - sie kontrollieren uns und die Zukunft. Es sind die Rating-Agenturen, die sagen, was zu tun ist.

Wie also wird die Zukunft aussehen? Keynes hatte einen optimistischen Ansatz - und gemessen an unserem Wohlstand hat er recht behalten. Unser Sys-tem ist mächtig. Das einzige Problem ist, dass es ökonomisch nicht nachhaltig ist und dass es die Neigung hat, zusammenzubrechen, wenn es still steht. Wir sind von unseren Schulden abhängig geworden. Schulden meint, dass wir Geld aus der Zukunft holen, um es heute einzusetzen. Und so gesehen, laufen wir Gefahr, die Zukunft zu verbrauchen.

Der Autor ist Professor für Ökonomie an der Karlsuniversität Prag

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