Auftakt zum Grazer Gemeinschaftsgeist

Mit der Konferenz "com unity spirit“ suchen das Afro-Asiatische Institut und die Stadt Graz nach gangbaren Wegen des interreligiösen Dialogs.

"Mit der Religion wird viel Politik gespielt.“ Aus dem Mund von Nahost-Expertin Karin Kneissl klingt diese Feststellung glaubwürdig. Mit ihrem Vortrag "Gottes Macht und Cäsars Macht - vom schwierigen Verhältnis zwischen politischer und spiritueller Macht“ eröffnet die profunde Kennerin des arabischen Raumes die von 17. bis 20. Juli in Graz stattfindende Interreligiöse Konferenz. Und genau um diese Brisanz, welche das Aufeinandertreffen von Religion und Politik hervorruft, wissen auch die beiden Hauptveranstalter Claudia Unger und Siegfried Nagl. Denn während der Bürgermeister der zweitgrößten Stadt Österreichs Verantwortung trägt für das friedliche Zusammenleben von Grazern aus 100 verschiedenen Religionen, steht Unger dem Afro-Asiatischen Institut in Graz vor, das sich bereits seit der Gründung durch den damaligen Hochschulseelsorger Egon Kapellari im Jahr 1964 als interreligiöses Forum versteht.

Religionen: kritisch ernst nehmen

"Das 21. Jahrhundert wird ein religiöses sein, oder es wird nicht sein“, zitiert Kneissl den französischen Politiker und Intellektuellen André Malraux am Beginn ihrer Thesen über das problematische Verhältnis von Religion und Politik. Auch sie selbst habe viel darüber gerätselt, was diese Aussage zu bedeuten habe: eine Rückkehr des Frömmelnden oder doch der Einzug des Religiösen in die politische Agenda? Letzteres, so die fließend Arabisch- als auch Hebräisch-Sprechende, sei seit drei Jahrzehnten der Fall.

Für den Tübinger Theologen Karl-Josef Kuschel Grund genug, den Faktor Religion ernst zu nehmen. Allein schon die weltweit steigende Anzahl Glaubenszugehöriger erfordere dies. Verklärt sieht der Literaturwissenschaftler und Theologe Religionen dennoch nicht. "Ich gehe immer von ihrer Ambivalenz aus: Religionen sind alles andere als unschuldige Phänomene und zum Teil Mitverursacher der Krise.“ Allein deshalb schon müsse man das Faktum Religion ernst nehmen. Und genau das tut der ehemalige Mitarbeiter und Nachfolger Hans Küngs, der mit seiner Programmschrift "Projekt Weltethos“ bereits 1990 aufhören ließ. Was interreligiöses Dialogbemühen anbelangt, so fordert Kuschel von Religionsvertretern eine "Bringschuld“, die, wie er im Vorfeld der Konferenz erklärt, in gesellschaftlicher Mitgestaltung Ausdruck finden müsse (siehe Interview rechts).

Angesichts der Analysen der Tagungs-Vortragenden Karin Kneissl und Karl-Josef Kuschel erscheint das Konferenz-Ziel, ein Meilenstein zu werden auf dem Weg zu Verständnis und gutem Miteinander hoch gesteckt, aber nicht unerreichbar. Pujan Rohani, Vertreter der Bahá‘i-Religionsgemeinschaft im seit 2001 den Titel "Menschenrechtsstadt“ führenden Graz, gibt sich im Vorfeld der Konferenz zuversichtlich: Geglückt ist "com unity spirit“ führ ihn dann, wenn das am Samstag zu präsentierende Abschlusspapier mehr ist als eine Absichtserklärung und die Handlungsempfehlungen für ein interreligiöses Zusammenleben auch tatsächlich umgesetzt würden. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Denn wie Arbeitsgruppen-Mitglied Rohani, so fordert auch der Theologe und Workshop-Moderator Andreas Schnider die Grazer Kommunalpolitik auf, die Tagungsergebnisse ernst zu nehmen.

Wenn politisch Verantwortliche einer Stadt den Auftrag zu einer solchen Konferenz geben, bedürfe es auch eines Umsetzungsplanes. Deshalb müsse das im Zuge der Konferenz erarbeitete Papier auch direkt ins Stadtparlament eingespeist werden. Und dort müssten die in der "Grazer Erklärung“ vorgeschlagenen Empfehlungen ernst genommen werden: "nicht als ein abgeschlossenes Produktpaket, sondern als Prozesspapier, das Weiterentwicklung verlangt“. Denn Konferenzen wie "com unity spirit“ dürften nicht in sich geschlossen bleiben. Sie seien vielmehr so etwas wie "Zwischenstopps“, von denen aus in regelmäßigen Abständen gefragt werden muss, wo die Stadt Graz in ihrem interreligiösen Anliegen steht.

"com unity spirit“, 17.7.-20.7.2013

Interreligiöse Konferenz Graz 2013 Info: http://interrelgraz2013.com

Bei der viertägigen Konferenz in Graz entwickeln 150 Experten Konzepte interreligiösen Zusammenlebens.

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