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"Talsohle ist erreicht“

45 Jahre hat Adolfo Nicolás SJ in Ostasien verbracht. Seit 2008 ist er Jesuitengeneral. Letztes Wochenende feierte er mit Österreichs Jesuiten.

Er ist der größte katholische Männerorden. Seine österreichische Provinz wurde bereits vom Nachfolger von Ordensgründer Ignatius von Loyola gegründet. 450 Jahre ist das nun her, und Österreichs Jesuiten begingen dieses Jubiläum in Wien letztes Wochenende festlich und engagiert. Auch Adolfo Nicolás war gekommen, um mit den Mitbrüdern zu feiern. Seit 2008 ist der 77-jährige gebürtige Spanier der Jesuitengeneral, für den im 19. Jahrhundert im römischen Volksmund die Bezeichnung "Schwarzer Papst“ aufgekommen war.

Nicolás ist mit dieser Bezeichnung, die dem Jesuitenorden Macht und Einfluss zuspricht, gar nicht glücklich, wie er im Gespräch meint: "Ich bin weder schwarz, noch der Papst.“ Auch der Ausdruck "General“ sei nicht militärisch: "Das Gegenteil von General ist nicht Soldat, sondern der Einzelne.“

"Ich bin nicht der schwarze Papst“

Ordensgründer Ignatius habe den Begriff Oberer oder Superior vermeiden wollen, denn es gehe nicht darum, über den anderen im Orden zu stehen. Die offizielle Bezeichnung des Jesuitengenerals - "Prae-positus generalis“ - meine daher, er sei den anderen vorangestellt, man solle mit seinem Beispiel vorangehen, sagt Nicolás: "Ich bin nicht besser als irgendein anderer, aber ich soll vorangehen - nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Esel, der ein friedlicheres Tier ist. Auch Jesus zog in Jerusalem auf einem Esel ein.“

Im Gespräch mit Journalisten erweist sich der Jesuitengeneral als tief spiritueller Mann mit leisem Humor. Unverkennbar, dass Adolfo Nicolás 45 Jahre in Ostasien wirkte. Dass die Christen - wie etwa in Japan - eine kleine Minderheit sind, kennt er aus eigener Lebenserfahrung. So ist auch sein Blick auf die Religion an sich gerichtet und nicht bloß exklusiv aufs Christentum.

Er ortet ähnliche Herausforderungen an den religiösen Anfängen wie vor 450 Jahren und auch heute: "An der Wiege der großen Religionen stand die Sorge, das Leben der Menschen menschlicher zu machen. Grundfragen der Religionen waren daher, wie das Leiden der Menschen verringert werden kann, wie Gewalt, Krieg zu vermindern sind, wie Armut in allen Formen.“ Nicolás ortet in diesen Anliegen eine Gemeinsamkeit zwischen Buddhismus und Christentum. Wobei die Bibel ihren eigenen Zugang bereithalte: "In der Bibel sehen wir zuerst die Sorge um die Identität. Um die Identität zu schaffen gibt es diese großen Narrative des Exodus. Dann folgt die Reinigung dieser Identität. Die Propheten kamen und erhoben die Stimme zur Reinigung Israels. Und dann kam die große Glaubenskrise.“ Und die sei mit der Glaubenskrise von heute durchaus vergleichbar. Das Alte Testament halte für diese Phase die Weisheitsliteratur bereit: "Die meisten Menschen im Exil von Babylon hatten ihren Glauben verloren, nur ein Rest Israels behielt den Glauben. In dieser Zeit gab es keine großen geschichtlichen Narrative, es kamen auch keine Propheten mehr.“ Die Bibel kenne aus dieser Zeit keine Prophetentexte oder Heldenerzählungen, sondern Beispielsgeschichten. Und genau die seien für heute sehr relevant.

Drei Mängel: Sinn, Hoffnung, Freude

Nicolás’ Diagnose: "Es gibt neue Herausforderungen, aber die gleichen Grundprobleme: einen Mangel an Sinn, einen Mangel an Hoffnung, einen Mangel an Freude.“ Und das gelte für die Anfänge von Christentum oder Buddhismus gleichermaßen wie für die Zeit von Ignatius oder für heute. Bloß der Kontext, aus dem heraus die Antworten wachsen, ändere sich. Zu Ignatius Zeiten im 16. Jahrhundert sei erkannt worden, dass es wichtig ist, den Menschen Bildung zu ermöglichen: "Heute sind es wahrscheinlich die Medien, das Internet, die den Menschen die Möglichkeiten, zu wachsen und zu lernen bieten.“ Zwar sei, so Adolfo Nicolás, in der Informationsflut die Suche nach der Wahrheit sehr schwer geworden. Der Jesuitengeneral berichtet aber auch von einem Besuch von einem Lager des Jesuit Refugee Service in Malawi, wo junge Flüchtlinge online studieren konnten. Genau das seien die Chancen, die es heute zu nutzen gelte.

Die engagierte Flüchtlingsarbeit der Jesuiten weltweit berührt auch eine der Prioritäten, die sich der Orden in den letzten Jahrzehnten gegeben hat: die Option für die Armen. Diese stehe weiter an höchster Stelle. Nicolás unterstreicht das mit dem Verweis auf den Begriff "Stellvertreter Chris-ti“, der gemeinhin für den Papst reserviert scheine: "Bis ins 12. Jahrhundert war das nicht der Papst, sondern die Armen wurden ‚Stellvertreter Christi‘ genannt.“ Apropos Papst: Dass mit Franziskus erstmals ein Jesuit an der Spitze der katholischen Kirche steht, bedeute für den Orden "nicht viel“, sagt Nicolás. Man würde - wie schon bei den Vorgängern - alles unterstützen, was Franziskus für die Kirche wolle, ohne dass sich die Jesuiten von diesem Papst irgendwelche Privilegien erwarten würden.

Österreichs Jesuiten charakterisiert der General als kleine, "aber sehr kreative und dynamische“ Gemeinschaft. Dass der Orden gerade in Europa mit massiven Nachwuchsproblemen kämpft, sieht Adolfo Nicolás durchaus gelassen: "Wir haben die Talsohle erreicht“, gibt er sich überzeugt und schließt mit einem Hoffnungsruf: "Europa ist noch längst nicht am Ende!“

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